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Und dann war die Unterstützung weg – diese Fragen bleiben nach dem Vincenz-Abgang offen

Mit dem Rücktritt von Pierin Vincenz geht eine Ausnahmekarriere abrupt zu Ende. Es gibt noch einige offene Punkte. 

19.12.17, 06:38 09.03.18, 09:49

beat schmid / Aargauer Zeitung



Die Vergangenheit hat Pierin Vincenz eingeholt. In der Nacht auf Montag hat er sich entschieden, per sofort von seinem Amt als Verwaltungsratspräsident der Helvetia zurückzutreten.

Der Grund: Seit Anfang November wurden mehrere Untersuchungen gegen den Ex-Raiffeisen-Chef angestrengt. Darunter befindet sich ein sogenanntes Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht (Finma) gegen ihn persönlich und die Raiffeisen-Banken. Zusätzlich untersucht die Aduno-Gruppe, an der Raiffeisen beteiligt ist, Firmenübernahmen, die in die Ära Vincenz fallen.

Wie aus dem Umfeld des bekannten Bankers mit Bündner Wurzeln zu hören ist, wäre Vincenz bereit gewesen, das Finma-Verfahren bis zum Schluss «durchzustieren». Doch dann entschied er sich anders: «Die anhaltende Unsicherheit (...) hat mich bewogen, im Interesse des Unternehmens per sofort zurückzutreten. Damit kann Helvetia unbelastet meine Nachfolge planen», liess er sich in einer mit Helvetia abgestimmten Erklärung zitieren.

Pierin Vincenz, CEO Raiffeissen an einer Medienkonferenz in Zuerich am Freitag, 28. Februar 2014 ueber das vergangene Geschaeftshjahr. Raiffeisen hat den Gewinn 2013 um fast 13 Prozent auf 717 Mio. Fr. gesteigert. Das bessere Ergebnis der nach UBS und Credit Suisse drittgroessten Schweizer Bankengruppe kam einerseits durch den Wegfall von ausserordentlichen Pensionskassenzahlungen, anderseits aber auch durch Ertragssteigerungen zustande. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Pierin Vincenz ist als VR-Präsident von Helvetia zurückgetreten.  Bild: KEYSTONE

Zuletzt hatten Vincenz und seine Vertreter in Gesprächen mit der Finma nach Möglichkeiten gesucht, das Verfahren gegen ihn zu «beschleunigen». Doch die Finma liess sich nicht darauf ein und beharrte auf ihrem ursprünglichen Zeitplan, die Untersuchungen in sieben bis acht Monaten abzuschliessen. Der Grund, warum Vincenz auf einen baldigen Abschluss drängte, hängt mit seinem Präsidium bei der Helvetia zusammen.

Finma folgte Druck nicht

Spätestens bis Ende März hätte er Klarheit über den Ausgang des Verfahrens haben müssen. Denn dann wird die Einladung für die nächste Generalversammlung der Helvetia verschickt. Als Präsident muss sich Vincenz jedes Jahr von den Aktionären für eine weitere einjährige Amtszeit wählen lassen.

Mit einem hängigen Enforcement-Verfahren der Finma im Nacken hätte es an der Generalversammlung zu einem Debakel kommen können. Eine entscheidende Rolle in den letzten Tagen spielte Helvetia-Verwaltungsrätin Doris Russi Schurter, die als Vertreterin der Patria-Stiftung 30 Prozent der Stimmen vertritt.

Sie hätte im Alleingang Vincenz wählen oder auch abwählen können. Zu diesem Showdown wird es nun nicht kommen. Russi Schurter wird das Verwaltungsratspräsidium bis zur nächsten Generalversammlung übernehmen. Folgt danach ein Interner, dürfte wohl der ehemalige Swiss-Life-Schweiz-Chef Ivo Furrer die besten Karten haben.

Mit seinem sofortigen Abgang verhindert Vincenz einen Imageschaden für die Helvetia.

Mit seinem sofortigen Abgang verhindert Vincenz einen Imageschaden für die Helvetia. Wie die «Schweiz am Wochenende» in ihrer jüngsten Ausgabe berichtete, hing der Haussegen beim Versicherer wegen des Verfahrens schief. «Wir hatten einen tadellosen Ruf, doch je länger sich das Verfahren hinzieht, desto stärker kommen wir unter Druck», zitierte die Zeitung einen hohen Kadermann. Man befürchtete offenbar, dass die Vorwürfe gegen Vincenz auf die Helvetia abfärben würden.

Noch am Freitag gab sich Vincenz kämpferisch und wiederholte eine frühere Stellungnahme, wonach der Verwaltungsrat keinen Anlass sehe, das «Präsidium von Herrn Vincenz infrage zu stellen».

Vincenz verhinderte Image-Gau

Mit dem Ausscheiden aus dem Helvetia-Verwaltungsrat kann Pierin Vincenz nun in aller Ruhe den weiteren Verlauf des Verfahrens abwarten. Interessant wird sein, wie die Finma auf den abrupten Rücktritt reagieren wird. Ein Sprecher sagt, dass die Finma nun analysieren werde, was dieser «Entscheid nun für unser Verfahren» bedeutet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Finanzüberwacher das Verfahren gegen Vincenz nun einstellt.

Der Grund dafür liegt im Charakter der Untersuchung. Die Finma hat dafür zu sorgen, dass sogenannte Gewährsträger des Finanzplatzes, also hohe Organe wie Pierin Vincenz, ein sauberes Verhalten im aufsichtsrechtlichen Sinn an den Tag legen. Gibt es einen Konflikt, sorgt die Finma mit einem ganzen Arsenal an Sanktionsmöglichkeiten dafür, dass diese Person in letzter Konsequenz aus dem «Verkehr» gezogen wird.

Wenn nun ein Gewährsträger vor Abschluss einer Untersuchung aus der Geschäftsleitung oder dem Verwaltungsrat zurücktritt, kann die Finma dieses Verfahren vorzeitig einstellen. Sie stellte sich dann auf den Standpunkt, diese Person arbeite ja nicht mehr in einem Finma-unterstellten Unternehmen und könne somit keinen weiteren Schaden anrichten. Die Finma hat sich noch nicht entschieden, was sie im vorliegenden Fall machen will. Stellt sie das Verfahren ein, wird wohl nie die ganze Wahrheit ans Licht kommen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Mätse 19.12.2017 08:46
    Highlight Vestehe hier die Aufgabe und die Rechtsgrundlage der Finma nicht.
    Jemand kann doch nur aus dem Verkehr gezogen werden, wenn ein strafrechtliches Verhalten nachgewiesen werden konnte.
    Ein strafrechtliches Verhalten hat eine Busse zur Folge und zusätzlich (!) kann die Person aus dem Verkehr gezogen werden.
    Weshalb wird ein Verfahren eingestellt, nur weil eine der Konsequenzen der Straftat nicht mehr ausgeführt werden kann? Oder urteilt die Finma nach anderen Kriterien (politisch, moralisch, ethisch, ...)?
    7 0 Melden
  • redeye70 19.12.2017 08:26
    Highlight Bitte das Verfahren durchziehen bis zum Schluss! Zuerst dachte ich, okay, dieser Mann hat noch Anstand. Aber mit der Möglichkeit der Einstellung des Verfahrens sieht das für mich eher nach einer Aktion aus, den Kopf in extremis aus der Schlinge zu ziehen.
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