Potentaten wie Erdogan wissen, wie man Trump über den Tisch zieht.
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Trumps Chaos-Aussenpolitik gefährdet den Weltfrieden
Donald Trump will die fragwürdigen Kriege und Interventionen der USA beenden. Ein nobles Ziel, doch er handelt selbstsüchtig und ohne klare Strategie. Damit könnte er die Welt erst recht ins Chaos stürzen.
Mehr als zweieinhalb Jahre hielten die Republikaner im Kongress einem Präsidenten die Treue, den sie ursprünglich nicht wollten. Selbst die Ukraine-Affäre erzeugte höchstens kleine Risse in der Abwehrmauer. Ein Telefongespräch mit dem türkischen Präsidenten hat (fast) alles geändert. Erstmals sieht sich Donald Trump mit einer ernsten Revolte aus den eigenen Reihen konfrontiert.
Der einflussreiche Senator und Aussenpolitiker Lindsey Graham wütete in einer Twitter-Salve gegen die «kurzsichtige und verantwortungslose» Entscheidung des Präsidenten, die US-Truppen aus der syrisch-türkischen Grenzregion abzuziehen. Er kündigte eine Resolution im Kongress an, die Sanktionen gegen das NATO-Land Türkei für den Fall einer «Invasion» in Nordsyrien fordert.
Die Chancen sind intakt, dass eine solche Resolution in beiden Kammern eine Zweidrittelmehrheit erreichen würde, mit der ein mögliches Veto von Trump überstimmt werden könnte. Was sich bei einem Impeachment bislang nicht abzeichnet, könnte dem Präsidenten mit seinem unbedachten Vorgehen in Syrien gelingen: das tief gespaltene und zerstrittene Parlament gegen sich zu vereinen.
Das ist Trumps Aussenpolitik
Donald Trumps Verrat an den kurdisch-arabischen Streitkräften, die im Kampf gegen den «IS» die blutige «Drecksarbeit» am Boden erledigt haben und nun zum «Dank» im Stich gelassen werden, ist das bislang erschütterndste Beispiel für seine Aussenpolitik. Eine klare Strategie ist nicht erkennbar, sie orientiert sich einzig an kurzfristigen Vorteilen.
- Trumps Aussenpolitik besteht darin, die Verbündeten in Europa zu brüskieren. Und das in einer Zeit, in der die demokratischen Staaten die Reihen schliessen müssten. Darüber freuen können sich nur Europas Rechtspopulisten und der von ihnen verehrte russische Potentat Wladimir Putin, der auf den Zerfall von NATO und EU hinarbeitet.
- Trumps Aussenpolitik besteht darin, ohne Not das Atomabkommen mit Iran und den INF-Abrüstungsvertrag zu kündigen und damit die überwunden geglaubte Angst vor einem Atomkrieg neu zu entfachen.
- Trumps Aussenpolitik besteht darin, nicht genehme Staaten und Regime mit immer neuen Sanktionen zu «bombardieren». Weder in Venezuela noch im Iran oder in Nordkorea hat dies zum Ziel geführt. Die Hardliner in diesen Ländern wurden im Gegenteil eher gestärkt.
- Trumps Aussenpolitik besteht darin, auf Schmusekurs mit den Autokraten dieser Welt zu gehen. Putin, Erdogan und Kim wissen, dass der US-Präsident eine Schwäche für «starke Männer» hat und sich leicht beeinflussen lässt. Nur mit Chinas Xi Jinping klappt es nicht recht, wegen des Handelsstreits.
Kim trifft Trump in Singapur
Was man schwarz auf weiss besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. (Johann Wolfgang Goethe, Faust, Schüler zu Mephistopheles) AP/AFP Pool / Anthony Wallace
Trump kündigte an, er wolle Kim zu weiteren Gesprächen ins Weisse Haus nach Washington einladen. AP/AP Pool / Susan Walsh
US-Präsident Donald Trump hat sich nach eigenen Worten mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un auf erste Schritte zur atomaren Abrüstung verständigt. AP/AP Pool / Susan Walsh
Trump sagte: «Wir unterzeichnen ein sehr wichtiges Dokument, eine ziemlich umfassende Vereinbarung.» AP/AP / Evan Vucci
«Die Welt wird einen grossen Wandel erleben», versprach Kim. «Wir haben beschlossen, die Vergangenheit hinter uns zu lassen.» AP/Pool AP / Susan Walsh
Kurzer Moment der Ratlosigkeit. EPA/THE STRAITS TIMES / SPH / KEVIN LIM / THE STRAITS TIMES /
Vergangenheit hinter uns zu lassen.»
Trump und Kim hatten sich in Singapur zum ersten gemeinsamen Gipfel in der Geschichte der USA und Nordkorea getroffen. AP/AP / Evan Vucci
Beim Mittagessen werden die Gespräche fortgeführt. Auf dem Menü stehen unter anderem eingelegte Rippli vom Rind in Rotweinsosse mit gedünstetem Brokkoli und Kartoffelgratin. Zudem sind als Hauptspeise süss-saures Schweinefleisch mit gebratenem Reis sowie Kabeljau mit asiatischem Gemüse im Angebot. AP/Host Broadcaster Mediacorp Pte Ltd Pool
Beide Staatsoberhäupter glauben nach dem ersten Gespräch an einen Erfolg und beteuern ihre Zuversicht. AP/AP / Evan Vucci
Beide Parteien sind zum Dialog bereit. Zuerst wurde ein Gespräch unter vier Augen gehalten. AP/AP / Evan Vucci
Die beiden Staatsoberhäupter sind angespannt. Trotzdem wirkten beide sehr freundlich. AP/The Straits Times / Kevin Lim
Dieser Handschlag wird in die Geschichte eingehen: Zum ersten Mal trifft sich ein amtierender US-Präsident mit einem nordkoreanischen Machthaber. AP/AP / Evan Vucci
U.S. President Donald Trump beim Verlassen des Shangri-La Hotels in Singapur. AP/AP / Gemunu Amarasinghe
Fast zeitgleich setzten sich die beiden Konvois in Bewegung in Richtung Sentosa Island. EPA/EPA / MAST IRHAM
Kein Zutritt für Unbefugte – die Polizei ist rund um das Capella Hotel positioniert. EPA/EPA / MAST IRHAM
In Südkorea erwartet man das historische Treffen mit grossem Interesse. Es ist noch nicht lange her, als sich Kim Jong Un mit dem Sürkoreanischen Präsidenten Moon Jae In traf. AP/AP / Ahn Young-joon
Kim Jong Un scheint den Ausflug in Singapur sichtlich zu geniessen. Er hat ja auch nicht allzu oft Gelegenheit eine neue Stadt zu besichtigen. EPA/KCNA / kcna HANDOUT
Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong zeigt dem Gast seine Stadt. EPA/KCNA / kcna HANDOUT
Kim Jong Un beim Städtebummel am Abend vor dem grossen Gipfel mit Donald Trump. EPA/EPA / LYNN BO BO
Der nordkoreanische Machthaber sah sich Singapurs Sehenswürdigkeiten wie das Marina Bay Sands an. AP/AP / Gemunu Amarasinghe
Oft kommt der 34-Jährige nicht ausser Landes. AP/AP / Joseph Nair
Die Chance auf ein bisschen Sightseeing will sich Kim nicht entgehen lassen. EPA/EPA / LYNN BO BO
Donald Trump traf sich am Tag vor dem Gipfel mit Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong. AP/Ministry of Communications and Information Singapore
Gemeinsam wurde ein verfrühtes Geburtstagessen eingenommen. Der US-Präsident wird kommenden Donnerstag 72 Jahre alt. AP/Ministry of Communications and Information Singapore
Das Autokorso des US-Präsidenten zog in Singapur viele Schaulustige an. EPA/YNA / YONHAP
Die Erfolgsbilanz ist bislang gelinde gesagt überschaubar. Bestes Beispiel ist Nordkorea. Was wurde nicht gejubelt, als Donald Trump und Kim Jong Un sich letztes Jahr in Singapur trafen. Seither gab es zwei weitere Begegnungen, doch am Sonntag verliess Nordkorea die Gespräche über sein Atomwaffenprogramm in Stockholm und warf den USA eine «feindselige Politik» vor. Als Begleitprogramm liess Kim einmal mehr einen Raketentest durchführen.
Nobles Ziel, fragwürdiger Weg
Eine erfolgreiche Aussenpolitik beruht auf einer klugen Strategie und viel Geduld. Zwei Dinge, über die das «sehr stabile Genie» Donald Trump in seiner «grossen und unvergleichlichen Weisheit» in keinster Weise verfügt. Er will die militärischen «Abenteuer» der USA beenden. Ein angesichts der fragwürdigen bis desaströsen Kriege und Interventionen der letzten Jahrzehnte sicherlich nobles Ziel.
Ein solcher Rückzug müsste sorgfältig und durchdacht erfolgen. Trump aber geht es nur um sich selbst. Er ist ein Isolationist alter Schule, getreu seinem Motto «America first». Und die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung hat genug von den kostspieligen Engagements im Ausland, allen voran Trumps treue Fans. Auf sie muss er mit Blick auf seine Wiederwahl Rücksicht nehmen.
Krisenherde Asien
Damit aber wächst die Gefahr eines sicherheitspolitischen Vakuums, besonders in Asien. Der gesamte Kontinent vom Mittelmeer bis zum Pazifik ist eine Abfolge von Krisenherden. Zwischen traditionell verfeindeten Ländern wie Saudi-Arabien und Iran oder den Atommächten Indien und Pakistan hat die Kriegsgefahr zugenommen.
Eine «Wiederauferstehung» des «IS» im Irak und in Syrien ist möglich. In Afghanistan droht die Rückkehr der Taliban an die Macht. Auch in Südostasien sind Islamisten auf dem Vormarsch. Nordkorea bleibt unberechenbar. China hat seine aussenpolitische Zurückhaltung abgelegt und verfolgt seine Interessen nicht nur im Südchinesischen Meer zunehmend selbstbewusst.
Wer anders als die USA?
In Ländern mit wachsendem Wohlstand kommen Unruhen hinzu. Junge, urbane und gut ausgebildete Menschen fordern mehr persönliche Freiheiten oder wehren sich gegen deren Einschränkung, von Teheran und Bangkok über Jakarta bis Hongkong. In dieser zunehmend instabilen und chaotischen Welt wäre ein stabilisierender Faktor unabdingbar.
Auch wenn es Pazifisten und notorischen Amerika-Hassern nicht gefällt: Wer anders kann diese Rolle einnehmen als die USA mit ihrem militärischen und wirtschaftlichen Potenzial? Die UNO ist mit ihrer heutigen Struktur ein zahnloses Gebilde und Europa mit sich selbst beschäftigt. Das ist kein Plädoyer für neue Kriege. Der Irrglaube der Neokonservativen, eine Demokratie herbeibomben zu können, ist entlarvt.
Dennoch sind die USA eine «unentbehrliche Nation». Nur sie haben die Möglichkeit, Diplomatie mit robusten Machtmitteln im Rücken zu betreiben. «Rede sanft und trage einen grossen Knüppel», hat der frühere Präsident Theodore Roosevelt so schön gesagt. Trump brüllt in voller Twitter-Lautstärke, sein Knüppel aber ist ungefähr so dick wie ein Zündholz.
Recep Tayyip Erdogan hat dies durchschaut und nützt die Schwäche des US-Präsidenten knallhart aus. Vielleicht lässt sich der Verrat an den Kurden stoppen, bevor es zu spät ist. Aber mit seiner chaotischen Aussenpolitik bleibt Donald Trump eine Gefahr für den Weltfrieden.
Xi Jinping zu Besuch bei Donald Trump
Blick auf den fein gedeckten Tisch in Trumps Mar-a-Lago-Anwesen. AP/AP / Alex Brandon
Im Zentrum des Geschehens: Donald Trump, Xi Jinping, die First Ladys Melania Trump und Peng Liyuan. AP/AP / Alex Brandon
Fehlen durften natürlich auch Jared Kushner und Ivanka Trump nicht. Sie wurden direkt neben das chinesische Präsidentenpaar platziert. AP/AP / Alex Brandon
Zum Apéro gönnten sich die Trumps ein Glässchen Wein, die Gäste setzten auf Tee. AP/AP / Alex Brandon
Handshake zwischen Xi Jinping und Donald Trump. AP/AP / Alex Brandon
Das Treffen zwischen Donald Trump und seinem chinesischen Amtskollegen wird weltweit mit grossem Interesse beobachtet. AP/AP / Alex Brandon
Die Lage in Nordkorea ist nach den neuerlichen Raketentests äusserst angespannt. AP/AP / Alex Brandon
Sowohl für Xi als auch für Trump dürften die kommenden Stunden wegweisenden Charakter haben. AP/AP / Alex Brandon
Der Gipfel zwischen Trump und Putin war zum Gruseln
Video: SRF / Roberto Krone