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Das Atomkraftwerk Leibstadt, aufgenommen im Mai 2011. Bild: KEYSTONE

«Künstliche Verteurung»: Warum der Atomausstieg plötzlich Milliarden mehr kostet

Bis zu 2,5 Milliarden Franken sollen Stromkonzerne zusätzlich zahlen.

Publiziert: 11.03.19, 02:38
BEAT SCHMID / ch media

Die AKW-Betreiber in der Schweiz werden mit neuen finanziellen Auflagen belastet. Das federführende Energiedepartement (Uvek) verlangt von den Unternehmen immer höhere Beiträge, die sie in die zwei Fonds für die Stilllegung der Atommeiler und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle überweisen müssen. Die zusätzlichen Kosten, die Axpo, Alpiq und BKW zu berappen haben, belaufen sich auf jährlich 249 Millionen Franken, wie bisher unveröffentlichte Berechnungen der Energieversorger zeigen.

Bis zum Zeitpunkt der Abschaltung der Atommeiler – die Energiebranche rechnet mit einem Leistungsbetrieb von 50 Jahren – belaufen sich die zusätzlichen Kosten gemäss den Berechnungen auf 2,571 Milliarden Franken (siehe Tabelle unten).

Akw Beznau Bild: KEYSTONE

Die Mehrkosten schlagen direkt auf die Erfolgsrechnungen der Konzerne durch. Das heisst: Der Jahresgewinn wird um diese Beträge geschmälert. Angesichts der schwierigen Ertragslage im Stromgeschäft ist es nicht ausgeschlossen, dass die Unternehmen durch die neuen Bestimmungen in die roten Zahlen gezogen werden oder keine Dividenden zahlen können. Zum Beispiel Axpo: Das Unternehmen schrieb 2018 einen Gewinn von 131 Millionen Franken. Mit dem AKW Beznau, das der Axpo zu 100 Prozent gehört, sowie mit ihren Anteilen an Leibstadt und Gösgen muss das Unternehmen rund 40 Prozent der Zusatzkosten schultern: Das macht für den Stromkonzern aus Baden AG rund 100 Millionen Franken aus, die er pro Jahr zusätzlich in die Fonds einschiessen muss.

Die Geschichte des Schweizer Atomausstiegs in 15 Bildern:

21. Mai 2017: Mit dem Volks-Ja zum Energiegesetz bricht in der Schweiz eine neue Ära an: der Bau neuer AKW wird verboten. Dafür hatten die Atomgegner jahrzehntelang gekämpft – an der Urne und auf der Strasse. Aber der Reihe nach. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Die Anti-AKW-Bewegung in der Schweiz erstarkt in den Siebzigerjahren. Der geplante Bau des AKW Kaiseraugst provoziert 1975 massive Proteste. Das Gelände wird während Wochen besetzt – von bis zu 15'000 Personen. Das AKW wird nie gebaut. KEYSTONE / STR
1979 will die Initiative «zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen» strengere Regeln für den Betrieb von Atomkraftwerke. Sie scheitert mit 51,2 Prozent Nein-Stimmen. KEYSTONE / STR
Die Initiativen «für eine Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke» und «für eine sichere, sparsame und umweltgerechte Energieversorgung» werden 1984 ebenfalls verworfen – mit rund 55 Prozent Nein-Stimmen. KEYSTONE / STR
Gleich über drei energiepolitische Vorlagen stimmen die Schweizer im September des Jahres 1990 ab: Dabei kommt es zu einer Überraschung: Das Stimmvolk heisst nicht nur einen Energieartikel gut, sondern auch die Moratoriums-Initiative mit 54,5 Prozent Ja-Stimmen. KEYSTONE / MICHAEL KUPFERSCHMIDT
Die Moratoriums-Initiative hat zur Folge, dass in der Schweiz während zehn Jahren keine Bewilligungen für neue AKW mehr erteilt werden dürfen. KEYSTONE / STR
Die dritte Vorlage «für den Ausstieg aus der Atomenergie», die eine rasche Stilllegung der bestehenden Atomkraftwerke verlangt, wird hingegen versenkt. KEYSTONE / STR
Im Mai 2003 stimmen die Schweizer erneut über zwei eidgenössische Volksinitiativen zur Kernkraft ab: Das Begehren «Strom ohne Atom» will, dass alle Schweizer AKW nach spätestens 30 Betriebsjahren vom Netz gehen. 66,3 Prozent der Stimmbürger lehnen dies ab. KEYSTONE / WALTER BIERI
Auch für eine Verlängerung des AKW-Moratoriums lässt sich keine Mehrheit mehr gewinnen. Der Souverän schmettert die Initiative «MoratoriumPlus» mit 58,4 Prozent ab. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Stattdessen tritt 2005 das neue Kernenergiegesetz in Kraft, das vom Bundesrat (Bild: Energieminister Moritz Leuenberger, SP) als indirekter Gegenvorschlag zu den Vorlagen von 2003 propagiert wurde. Es sieht unter anderem vor, dass neue AKW dem fakultativen Referendum unterstellt werden. KEYSTONE / EDI ENGELER
Die Zäsur folgt mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011: Der Bundesrat (Bild: Energieministerin Doris Leuthard, CVP) spricht sich für einen Ausstieg aus der Atomenergie aus. Die bestehenden AKW sollen nach spätestens 50 Jahren Betriebsdauer stillgelegt werden. KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Das Parlament kippt die vorgesehene Laufzeitbeschränkung für bestehende AKW allerdings wieder aus dem Gesetz. Bild: SVP-Fraktion während der Energiedebatte am 8. Dezember 2014. KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Im Oktober 2016 teilen die AKW-Betreiber Axpo, Alpiq und BKW mit, dass sie alle Gesuche für neue Kernkraftwerke zurückziehen. Die Energiewelt habe sich seit Einreichung der Gesuche 2008 «fundamental verändert», so die Begründung. Bild: Modell des Mühleberg-Ersatzbaus. KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Im November 2016 lehnt das Schweizer Stimmvolk die Atomausstiegs-Initiative der Grünen mit 54,2 Prozent Nein-Stimmen ab. Die Initiative will, dass alle AKW 45 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme vom Netz genommen werden. Für Beznau I und II sowie Mühleberg wäre das Aus schon 2017 gekommen. KEYSTONE / THOMAS HODEL
Nur wenige Tage vor der Abstimmung vom 21. Mai 2017 wird publik, dass ein Zürcher Verein eine weitere Atomausstiegs-Initiative eingereicht hat. Im Gegensatz zum nun angenommenen Energiegesetz will sie die bestehenden AKW nicht laufen lassen, solange sie von den Behörden als sicher eingestuft werden. Laut Initiative müsste das letzte Schweizer AKW 2029 vom Netz. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER

Kleine Änderung – hohe Kosten

Die Festlegung der Geldbeträge, mit denen die Fonds gefüttert werden, ist technisch komplex und politisch umstritten. Zentrales Regelwerk ist die sogenannte Stilllegungs- und Entsorgungsfondsverordnung (kurz SEFV). Diese befindet sich derzeit in Überarbeitung und sieht eine Reihe von Veränderungen vor, die zu Mehrbelastungen führen. So soll der Einfluss der Konzerne in den Verwaltungsgremien auf einen Drittel gesenkt werden. Zweitens sollen die eingeschossenen Gelder bei Überdeckung nicht mehr an die Firmen zurückgezahlt werden, sondern für 100 Jahre auf ein Sperrkonto kommen.

Dritter und heikelster Punkt: Die sogenannte Realrendite der Fonds soll von 2 auf 1,6 Prozent (Rendite minus Teuerung) gesenkt werden. Das bedeutet, dass mit einer tieferen Verzinsung des Fondsvermögens am Kapitalmarkt gerechnet wird. Für die Kraftwerkbetreiber bedeutet das wiederum, dass sie mehr aus dem eigenen Sack einzahlen müssen. Allein diese vermeintlich kleine Reduktion von 0,4 Prozentpunkten hat zur Folge, dass die finanzielle Belastung für alle Betreiber pro Jahr um 100,7 Millionen Franken zunimmt. Bis zum Ende des Leistungsbetriebs macht dies sogar 888 Millionen Franken aus (siehe Tabelle).

zvg ch media

Die Kraftwerksbetreiber lehnen alle drei Verschärfungen ab. Besonders scharf kritisieren sie die Senkung der Realrendite: Sie argumentieren, dass die beiden Fonds seit Bestehen eine durchschnittliche Realrendite von 3,6 bzw. 4,3 Prozent erwirtschaftet haben. Also deutlich mehr als der einkalkulierte Zins von 2 Prozent.

Andrew Walo Bild: KEYSTONE

Andrew Walo, Konzernchef der Axpo, sagt zu Redaktion CH Media: «Die Fonds haben seit ihrem Bestehen deutliche Überrenditen erwirtschaftet, trotz schwieriger Börsenjahre wie etwa die Dotcom-Blase oder der Finanzkrise 2008.» Der Axpo-Chef versteht deshalb nicht, dass man «jetzt den Betreibern höhere Beiträge aufbürdet, obwohl die Fonds heute schon Überschüsse aufweisen». Tatsächlich befindet sich in den Fonds deutlich mehr Geld als zum jetzigen Zeitpunkt verlangt. «Unter dem Vorwand der momentanen Zinsdiskussion werden nun den Betreibergesellschaften von Kernkraftwerken wie Axpo willkürlich Mittel entzogen.»

Dieses Geld fehle nun anderswo, sagt Walo. Zum Beispiel für «dringend benötigte Investitionen in die Wasserkraft oder beim Aufbau neuer, innovativer Geschäftsfelder». «Der Umbau des Energiesystems ist politisch gewollt, grossen Investoren wie Axpo sollen aber gleichzeitig die Hände gebunden werden – das ist ein energiepolitisches Eigentor», sagt Walo.

Je älter, desto günstiger

Bereits früher äusserte sich BKW-Chefin Suzanne Thoma zu den Mehrkosten. Dem Berner Energiekonzern gehört das Kraftwerk Mühleberg, das Ende 2019 nach 47 Jahren vom Netz genommen werden soll. «Werden wir gezwungen, 100 Millionen zusätzlich in die Fonds zu zahlen, fehlt dieses Geld der BKW bei anderen Projekten.» Thoma hegt den Verdacht, dass hinter der Verteuerung politische Absicht steht. «Es gibt einflussreiche Kreise, die den Ausstieg künstlich verteuern wollen», sagt sie.

Suzanne Thoma Bild: KEYSTONE

Ganz anders sieht das die Schweizerische Energiestiftung. Ihr geht die Verordnung viel zu wenig weit. Deren Geschäftsführer, Nils Epprecht, befürchtet, dass die AKW-Betreiber zu günstig wegkommen könnten und die Last für den Atommüll an den Steuerzahlern hängenbleibt.

Atomkritische Seiten befürchten offenbar, dass die Kraftwerksbetreiber unter den jetzigen Bedingungen einen Anreiz hätten, die Kraftwerke weit über die Laufzeit von 50 Jahren hinaus zu betreiben. Wenn sie nun deutlich mehr Geld in die Fonds einzahlen müssen, wird ein rentabler Betrieb schwieriger, sodass sie gezwungen sind, die Reaktoren früher abzuschalten. In diese Richtung argumentiert die Energiestiftung: Man müsse aufpassen, dass das System zur Sicherstellung der Mittel für Stilllegung und Entsorgung nicht zu gefährlichen Fehlanreizen führe oder «gar einen ökonomischen Druck für längere Laufzeiten erzeugt», heisst es in einer Stellungnahme.

In der Tat ist es so, dass Atomkraftwerke ab dem 50. Betriebsjahr kostengünstiger betrieben werden können, weil dann keine Gelder mehr in die Fonds einbezahlt werden müssen. Es ist wie bei einem abgezahlten Haus, in dem es sich günstiger leben lässt. Diese Aussichten sind für AKWKritiker ein Graus. (aargauerzeitung.ch)

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25,4 MRD. Für AKW-Rückbau:

Video: srf/SDA SRF