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Es ist durchaus möglich, dass bald wieder ein Teil des Stadions gefüllt sein wird. Bild: KEYSTONE

Fussball mit Fans – wagen wir es! Warum der Vorschlag von Daniel Koch Sinn macht

Ab Juli soll es bereits Fussballspiele mit Zuschauern geben. Was ist davon zu halten? Lesen Sie, warum der mutige Schritt richtig ist.

Publiziert: 26.05.20, 09:59 Aktualisiert: 26.05.20, 10:22
Etienne Wuillemin / ch media

Es war ein völlig unerwarteter Steilpass. Aber ­genial in der Ausführung. Fast so, wie einst Hakan Yakin in Höchstform. Der Spielmacher heute heisst Daniel Koch. Am Sonntagabend sass er im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens und überraschte die Zuschauer mit einer Aussage, die man noch vor kurzem für völlig undenkbar gehalten hätte: Schon bald soll es wieder Fussballspiele mit Zuschauern geben, am liebsten bereits im Juli.

Ja, so sagt das Koch, der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil Koch in den letzten Wochen eben gerade nicht damit ­aufgefallen ist, für rasche und unkomplizierte Lockerungen einzustehen.

Daniel Koch überraschte, als er eine baldige Rückkehr der Fans ins Stadion andeutete. Bild: KEYSTONE

Zunächst einmal: Im Überschwang der Freude sollte nun kein Fussballfan an die gewohnte Stadionwelt voller überbordender Emotionen denken. Dafür ist es zu früh. Wenn Koch von Zuschauern beim Fussball spricht, dann tut er dies bereits mit einer klaren Vorstellung der Abläufe rund um die Stadien. Es müssten ­zwischen den Zuschauern jeweils Plätze leer bleiben. Und – das ist der entscheidende Punkt– es muss rückverfolgt werden können, wer wann neben wem gesessen hat, im Klartext: Es würde nur nummerierte, personalisierte Tickets geben.

Noch ist in dieser Frage der Konjunktiv Trumpf. Entscheide fällt nicht Koch, sondern der Bundesrat. Am Mittwoch ein nächstes Mal. Angesichts der weiter tiefen Zahl von neuen Coronafällen ist es aber nicht auszuschliessen, dass Bundesrätin Viola Amherd die Planspiele von Koch tatsächlich bereits vorantreibt.

Im Interview mit CH Media hat Amherd bereits vor zwölf Tagen festgehalten, dass sie durchaus offen ist für kreative Ideen. Wenn nun der Bundesrat tatsächlich Varianten für Fussballspiele mit Zuschauern ausarbeitet, so wäre das endlich ein echter Beweis für das Bewusstsein in der Regierung, dass der Schweizer Profisport in seiner Existenz bedroht ist.

Doch natürlich drängen sich auch Fragen auf. Fussballspiele mit Zuschauern im Juli würden dem Grossveranstaltungsverbot bis 31. August widersprechen. Ob der Bundesrat tatsächlich bereit ist, seine Weisungen zu überdenken? Er würde damit indirekt auch Fehler zugeben. Nämlich dass es falsch war, bereits so früh für so lange so ziemlich jede Gelegenheit des ­sportlichen und kulturellen Zeitvertreibs zu verunmöglichen. Gerade in der Kultur wäre der Ärger von Veranstaltern verständlich, wenn sich nun herausstellen sollte, dass Absagen doch vermeidbar gewesen wären.

Doch eines haben die letzten Tage eben auch gezeigt: Irgendwann ist die Geduld der Gesellschaft erschöpft. Die Partynacht in Basel oder das illegale Fussballspiel in der Romandie mit Hunderten unvorsichtigen Menschen waren Beispiele dafür. Es kann weder im Interesse der Behörden noch im Interesse der weiterhin verzichtenden Bevölkerungsmehrheit sein, dass sich solche Mini-Revolten mehren.

Die Strategie, möglichst rasch kontrollierte Lockerungen zuzulassen, scheint darum richtig. Ganz im Sinne von: je weniger Verbote, desto geringer die Lust auf Revolte. Dass der Profifussball aber keine Ausnahme bilden darf, ist selbstredend. Es sollen auch kontrollierte Kino-, Theater-, oder Konzertbesuche wieder möglich sein. Dass die Bevölkerung die nötigen Schutzkonzepte respektiert und umsetzt, hat sie in den letzten Wochen grösstenteils mit Bravour gezeigt.

Noch ist es erst ein Steilpass von Daniel Koch. Noch ist der Ball nicht im Lattenkreuz versenkt. Dafür verantwortlich, dass genau dies geschieht, sind am Ende die Fussballclubs und ihre Fans. Die Clubs, indem sie sich am Freitag an ihrer ausserordentlichen Ligaversammlung in grosser Mehrheit dazu bekennen, den Betrieb wieder aufzunehmen. Und die Fans, indem sie beweisen, ein Fussballleben mit Corona zu akzeptieren. Auch wenn einiges ungewohnt bleiben wird.

Top-Fussball ohne Fans – die Bundesliga in Corona-Zeiten

Nichts los in Augsburg: Auch kurz vor dem Spiel ist es ruhig um das Stadion. EPA / Tobias Hase / POOL
Sogar vor dem heissen Revier-Derby zwischen Dortmund und Schalke bleiben die Zuschauer dem Stadion fern. EPA / Martin Meissner / POOL
Medienschaffende müssen sich vor dem Eintritt ins Stadion die Temperatur messen lassen. EPA / Martin Meissner / POOL
Auch Kameraleute haben klare Vorschriften: Eine Maske ist im Stadion Pflicht. EPA / THOMAS KIENZLE / POOL
Auch in Leizpig wird an die Vorschriften erinnert. EPA / Jan Woitas / POOL
Auch für die Mitarbeiter herrschen strikte Hygienemassnahmen: Ein Balljunge in Dortmund desinfiziert den Ball. EPA / Martin Meissner / POOL
Ein ungewohntes Bild: Spieltag in Leipzig und keiner darf hin. EPA / Jan Woitas / POOL
Beim Aufwärmen halten die Dortmund-Spieler den geforderten Abstand zueinander. EPA / MARTIN MEISSNER / POOL
Die Spieler von Schalke gehen vor dem Spiel mit Maske auf den Platz ... AP / Martin Meissner
... wie auch Schiedsrichter Aytekin ... EPA / Martin Meissner / POOL
... und Timo Werner (links) und Kevin Kampl vom Leipzig. AP / Jan Woitas
Auch Interviews sind nur mit den nötigen Vorsichtsmassnahmen möglich: Leipzig-Coach Julian Nagelsmann trägt eine Maske ... AP / Jan Woitas
... und Düsseldorf-Trainer Uwe Rösler wird vor dem Spiel aus der Distanz befragt. AP / Sascha Schuermann
Statt euphorischen Zuschauern hört man während des Revierderbys nur die Rufe der Spieler. AP / Martin Meissner
Auch die Spieler auf der Tribüne dürfen sich nicht zu nahe kommen. AP / Sascha Schuermann
Konsequentes Social Distancing bei Dortmund nach dem Führungstreffer durch Erling Haaland ... AP / Martin Meissner
... etwas weniger Social Distancing bei Wolfsburg zwischen Torschütze Ginczek (links) und Assistgeber Mbabu ... EPA / TOBIAS HASE / POOL
... noch etwas weniger Social Distancing bei Vedad Ibisevic, welcher Matheus Cunha feiert ... EPA / THOMAS KIENZLE / POOL
... und gar kein Social Distancing bei Rabbi Matondo, welcher Achraf Hakimi umgrätscht. EPA / MARTIN MEISSNER / POOL
Auf der Pressetribüne hält man sich konsequent an die Regeln: Alle tragen einen Mundschutz und halten Abstand zueinander. EPA / MARTIN MEISSNER / POOL
Auch die Interviews nach dem Spiel sind klar geregelt: Markierungen auf den Boden zeigen, wo der Spieler und wo der Medienschaffende stehen muss. AP / Jan Woitas

Ein wahrer Kommentator eskaliert auch ohne Fussball

Video: watson / Lino Haltinner

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