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«Kill Erdogan – with his own weapons!» – das umstrittene Plakat an einer Demonstration in Bern beschäftigt nun auch die türkische Justiz. Bild: EPA/KEYSTONE

Ex-Botschafter Guldimann: «Auch die Türkei hat Interesse an guten Beziehungen mit uns» 

Das Anti-Erdogan-Transparent, das an einer Demonstration in Bern mitgeführt wurde, sorgt weiter für rote Köpfe. Am Montag wurde bekannt, dass nun auch die Istanbuler Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnimmt – unter anderem wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts. Handelt es sich um eine diplomatische Krise, wie vielerorts behauptet wird? Ex-Botschafter und SP-Nationalrat Tim Guldimann relativiert im Interview.

Publiziert: 27.03.17, 15:05 Aktualisiert: 28.03.17, 01:47

Der Schweizer Botschafter Walter Haffner wurde wegen des Transparents ins türkische Aussenministerium zitiert. Handelt es sich um eine «diplomatische Krise»?
Nein. Dass das Aussenministerium einen Botschafter zitiert, ist ein völlig normaler Vorgang auf der Basis des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen. Diese Einbestellung wird politisch überschätzt. Man muss deswegen nicht in Panik verfallen oder gar das Ende der diplomatischen Beziehungen herbeischreiben. Wenn das Aussenministerium den Botschafter einbestellt, muss er Folge leisten, ganz unabhängig davon, ob es um Politik oder Fussball geht.

Tim Guldimann war Botschafter in Berlin und Teheran. Seit 2015 sitzt der Zürcher für die SP im Nationalrat. Bild: KEYSTONE

Jetzt geht es aber nicht um Fussball, sondern um ein Transparent mit dem Konterfei Erdogans und dem Aufruf: «Kill Erdogan – with his own weapons».
Das Plakat stellt einen öffentlichen Aufruf zu Gewalttätigkeit dar und richtet sich erst noch gegen den Staatschef eines anderen Landes. Die Staatsanwaltschaft Bern Mittelland ermittelt deshalb korrekterweise wegen Verletzung des Artikels 259 StGb.

Trotzdem: Spionagevorwürfe, abgesagte Wahlkampfauftritte von AKP-Politikern, jetzt das Anti-Erdogan-Transparent: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Türkei sind doch ernsthaft gefährdet. 
Auch hier gilt: Man darf die aktuellen Reibereien nicht überschätzen. Auch die Türkei hat Interesse an guten Beziehungen mit der Schweiz. Und: Diese Auseinandersetzung hat für die Türkei in erster Linie innenpolitische Bedeutung.

Welche denn?
Ein Vorfall wie in Bern dient in erster Linie Erdogans Position auf dem Weg zum Referendum. Es ist Wasser auf die Mühlen seines Abstimmungskampfs, wenn Erdogan fälschlicherweise behauptet, in der Schweiz werde im Parlament zum Mord gegen ihn aufgerufen. Auf der anderen Seite – und da betreten wir klassisches diplomatisches Terrain – werden die türkischen Behörden natürlich fragen, warum man ein Transparent wie dieses nicht verhindern konnte.

Und?
Dann müssen wir darauf hinweisen, dass es in der Schweiz kaum möglich ist, im Vorfeld einer Demonstration alle mitgeführten Transparente zu kontrollieren. Auf einer Kundgebung mit mehreren Tausend Teilnehmer ist das ja auch logistisch unmöglich.

Am Montag wurde bekannt, dass die Istanbuler Staatsanwaltschaft  nun wegen «Mitgliedschaft in einer Terrororganisation», «Beleidigung des Präsidenten» und «Propaganda für eine Terrororganisation» ermittelt. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der türkischen Justiz? 
Türkische Behörden können nicht in der Schweiz ermitteln, sie könnten allenfalls einen entsprechenden Antrag an unsere Behörden richten. Die Beleidigung eines Präsidenten könnte StGB Art. 296 verletzen. Dieser Artikel wurde aber speziell für Äusserungen gegen hohe Vertreter eines anderen Staates an internationalen Konferenzen geschaffen.

Und was ist von den Terrorvorwürfen zu halten?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie man solchen Demonstranten die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation oder entsprechende Propaganda als Delikt nachweisen kann.

Sie sind Mitglied der inoffiziellen Parlamentariergruppe Schweiz-Türkei. Was haben Sie bis jetzt erreicht?
Wir haben die Parlamentariergruppe mit einer klaren Ansage wiederbelebt: es handelt sich um eine Dialogruppe, nicht um eine Freundschaftsgruppe. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit den Türken reden müssen. Eine Dialogverweigerung oder gar ein Dialogverbot ist aus unserer Sicht keine Option.

«Wenn Erdogan mit seiner Verfassungsänderung durchkommt, wird das Prinzip der Gewaltentrennung in der Türkei gravierend verletzt»

Was wurde denn konkret besprochen?
Wir haben bei einem Treffen mit dem türkischen Botschafter die aus unserer Sicht bedenkliche politische Lage in der Türkei thematisiert. Wir haben auch unsere Bereitschaft signalisiert, Mitglieder des türkischen Parlaments zu treffen, wenn diese wie wir verschiedenen Parteien angehören. Positiv war, dass man beidseitig den Wunsch zum Ausdruck brachte, zur Beruhigung beitragen zu wollen.

Die Stadt Bern will laut Sicherheitsdirektor Nause Strafanzeige wegen Verletzung der Auflagen zur Kundgebungsbewilligung einreichen. Die SP war Mitorganisatorin. Steht Ihre Partei auch in der Verantwortung?
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Organisatoren der Demo für eine Verletzung der StGb einer einzelnen Gruppe innerhalb von Tausenden Demonstrationen verantworlich gemacht wird. Was hätte das Organsiationskomitee denn tun sollen? Einen Spähtrupp organisieren, der sofort einschreitet, falls der Verdacht besteht, dass jemand innerhalb des Demonstrationszugs ein falsches Banner hochhebt?

Glauben Sie, der Sicherheitsdirektor ist auf Bestreben der türkischen Behörden tätig geworden, wie Medien kolportierten?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Herr Nause auf türkischen Druck gehandelt hat.

Sie äusserten sich in der Vergangenheit kritisch über die Bestrebungen Präsidents Erdogan und sprachen von einer «präsidialen Diktatur», in die die Türkei bei einer Annahme der Abstimmung abgleiten werde.
Ja, daran hat sich nichts geändert. Wenn Erdogan mit seiner Verfassungsänderung durchkommt, wird das Prinzip der Gewaltentrennung in der Türkei gravierend verletzt: Erdogan wird einen Machzuwachs bekommen, die Kompetenzen des Parlaments werden eingeschränkt, und die politische Kontrolle über die Justiz wird zunehmen.

Militärputsch in der Türkei

Die Türkei stellt nach dem vereitelten Militärputsch die Gefangenen zur Schau: Der Nachrichtensender CNN veröffentlichte diese Bilder von halbnackten Verhafteten, wie sie offenbar in einem Lagerraum gefesselt gehalten werden. (Quelle: CNN)
Putschisten werden von der Polizei abgeführt (hier in der Stadt Marmaris). X03773 / KENAN GURBUZ
Die türkische Regierung sieht den früheren Luftwaffenchef Akın Öztürk als Kopf der Verschwörung an. Der General, der im August pensioniert worden wäre, ist ebenfalls unter den rund 20'000 bislang Verhafteten.
Ebenfalls als Drahtzieher im Visier der türkischen Regierung steht Fethullah Gülen. Das geistliche Oberhaupt der islamischen Gülen-Bewegung lebt seit 1999 im Exil in den USA. Die Türkei fordert nach dem Umsturzversuch seine Auslieferung. AP / CHRIS POST
Bei dem Putschversuch von Freitagnacht starben laut Regierung mindestens 290 Menschen, darunter mindestens 190 Zivilisten und Polizisten. Mehr als 1000 Menschen wurden verletzt. AP/AP / Hussein Malla
Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan feiern auf dem Taksim-Platz in Istanbul den Sieg über die Putschisten. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die Erdogan-Anhänger hatten massgeblichen Anteil daran, dass der Putsch nicht erfolgreich war. Sie haben sich den Putschisten erfolgreich in den Weg gestellt. X03654 / HUSEYIN ALDEMIR
Noch Tage später waren in Ankara die Spuren der Putsch-Nacht sichtbar. X02255 / OSMAN ORSAL
Das türkische Parlament in Ankara wurde in der Putsch-Nacht massiv beschädigt. EPA/EPA / STR
Türkische Streitkräfte versuchten, gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu putschen. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Am Putschabend meldeten die Streitkräfte, ihnen sei es gelungen, die Macht im Land zu übernehmen. AP/AP / STR
Die türkische Regierung bestritt schon kurz darauf die Darstellung der Militärs, wonach sie entmachtet worden sei. Der Putsch wurde schnell beendet. X80002 / STRINGER
Soldaten patroullieren seither rund um diverse symbolträchtige Plätze und Gebäude. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Auch Brücken werden scharf kontrolliert, etwa die Bosporus-Brücke, die den asiatischen Teils Istanbuls mit dem europäischen Teil verbindet. X90138 / MURAD SEZER
Es ist unklar, ob es sich bei den Leuten auf dem Panzer um Erdogan-Gegner oder -Befürworter handelt. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Nach Angaben des amtierenden Armeechefs starben 194 Menschen. X03655 / KEMAL ASLAN
Das Militär verhängte eine Ausgangssperre und rief das Kriegsrecht aus. X90138 / MURAD SEZER
Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmässige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit. AP/IHA / Ismail Coskun
Ministerpräsident Binali Yildirim sagte noch in der Nacht: «Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.» X80002 / STRINGER
Tayyip Erdogan spricht nach dem Putsch in Marmaris zu der Presse. Er rief seine Anhänger dazu auf, gegen das Militär zu protestieren. X03773 / KENAN GURBUZ
Diese folgen seinen Worten und gingen in Gruppen auf die Strasse. AP/AP / Emrah Gurel
Anhänger von Erdogan demonstrieren auf dem Taksimplatz, umringt von türkischen Soldaten. AP/AP / Emrah Gurel
Nebst einigen Brücken hatte das Militär offenbar auch mehrere Flughäfen kurzerhand gesperrt, darunter den Atatürk-Flughafen in Istanbul. X80002 / STRINGER
Türkische Polizisten in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul. X90138 / MURAD SEZER
Das Redaktionsgebäude des Senders CNN Türk war zeitweise von Soldaten besetzt. Twitter
Am Taksim-Platz standen sich Armee und Polizei gegenüber. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Eine Moderatorin auf CNN Turk spricht per Video-Chat mit Präsident Erdogan. Twitter
In der grössten Stadt der Türkei herrschte Chaos: Nach Augenzeugenberichten sind Schüsse und Explosionen zu hören. Kampfjets fliegen im Tiefflug über Istanbul. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die Polizei rief die Menschen dringend dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die EU-Staaten stellten sich auf dem Asien-Europa-Gipfel (Asem) in Ulan Bator voll hinter «die demokratisch gewählte Regierung» von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. EPA/DPA / KLAUS-DIETMAR GABBERT
Erdogan selbst meldete sich noch in der Nacht vor Journalisten zu Wort. Es handle sich um einen «Aufstand einer Minderheit in der Armee», sagte er. AP/IHA / Ismail Coskun
Der Putschversuch sei ein Grund, das Militär zu «säubern», so Erdogan. X80002 / STRINGER
Die Leute demonstrieren vor dem Atatürk-Flughafen in Instanbul. X03654 / HUSEYIN ALDEMIR
Nach Angaben des Senders NTV kamen allein in der Hauptstadt Ankara 42 Menschen ums Leben. AP/ap / Burhan Ozbilici
Schuld an dem Putschversuch seien Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen. «Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich», sagte Erdogan. AP/AP / Emrah Gurel
EPA/EPA / SEDAT SUNA
Am Morgen nach dem Putsch normalisierte sich die Lage in Istanbul. Hier werden putschende Soldaten von der Polizei abgeführt. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Auf der Bosporus-Brücke posieren Anhänger der Regierung auf einem Panzer. EPA/EPA / STR
Die Polizei beschützt einen Soldaten vor der wütenden Menge. X90138 / MURAD SEZER
Ein Zivilist schlägt mit einem Gürtel auf Soldaten ein, die sich ergeben haben. X80002 / STRINGER
Nach seiner Rückkehr nach Istanbul sprach Präsident Erdogan an einer Medienkonferenz auf dem Flughafen. X03654 / HUSEYIN ALDEMIR
In Ankara demonstrierten Erdogan-Anhänger mit türkischen Flaggen. X03771 / TUMAY BERKIN

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