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Sektenblog

Nehmen die Kirschblütler Drogen? Der Staatsanwalt fand nix, doch Zweifel bleiben



In Lüsslingen SO dürften in den letzten Tagen die Korken geknallt haben. Die Anhänger der spirituellen Kirschblütengemeinschaft hatten Grund zum Feiern: Die Staatsanwaltschaft Solothurn hat ein Strafverfahren gegen ihre Führungscrew eingestellt. Dabei war es um die Frage gegangen, ob sie das Betäubungsmittelgesetz verletzt hatten.

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Die Gefahren der Drogentherapie in einem Beitrag von ARTE. Video: YouTube/Pressefotograf Markus Roider

Doch schön der Reihe nach.

Es begann mit Razzien im Zentrum der Kirschblütler vor viereinhalb Jahren. Die Polizei hatte Drogen gesucht, denn die Kirschblütler lieben (fast) alles, was high macht. LSD, Ecstasy, Mescalin, Ayahuasca. Und vieles mehr.

Sie sehen in den verbotenen Substanzen Türöffner zur Seele, wie sie in ihren Büchern festhalten. In diesen singen sie das hohe Lied der harten Drogen. Deshalb betreiben sie Psycholyse – auch in Grossgruppen. Der Begriff bedeutet Drogentherapie. Aussteiger sprechen auch von Drogenpartys.

Der spirituelle Führer, der sich die Idee von den Drogen als therapeutisches Wundermittel ausgedacht hat, ist der im Januar 2017 verstorbene Psychiater Samuel Widmer, in den Medien oft auch als Sex-Guru genannt, weil Tantra und Inzest-Tabu wichtige Pfeiler seiner Heilslehre sind. Er lebte die freie Liebe mit seinen beiden Frauen und verschiedenen Konkubinen vor. Ausserdem sah er sich selbst als Jahrhundert-Genie.

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Ein Porträt von Samuel Widmer auf dem Sender SRF. Video: YouTube/schweiz

Vor vielen Jahren hatte Widmer kurzzeitig über eine Bewilligung zur Erforschung von LSD in der Therapie verfügt. Danach habe er stets legale Medikamente für die Psycholyse eingesetzt, behauptete Widmer.

Jahrelanger Drogenkonsum in Grossgruppen

Aussteiger widersprechen: Sie hätten über mehr als zehn Jahre die verbotenen Drogen verabreicht bekommen. Vor allem Ecstasy und LSD, und zwar beide Betäubungsmittel während der gleichen Sitzung. Sie sagten es nicht nur gegenüber den Medien, sondern auch der Staatsanwaltschaft.

Ein Journalist des deutschen Fernsehsenders ARD erbrachte sogar den Beweis. Er nahm undercover an einer Gruppenpsycholyse teil und liess die verabreichten Substanzen im Labor untersuchen. Das Resultat: Meskalin und Ecstasy.

Es gab aber noch weitere Hinweise, dass sich die Widmer-Jünger weiterhin an den verbotenen Substanzen gütlich taten. Ihr Guru hatte Hunderte von sogenannten Psycholyse-Therapeuten ausgebildet, die teilweise selbst Drogen-Seminare in Gruppen durchführten.

Dabei kam es schon mal zu üblen Vorfällen. In Berlin starben zwei Teilnehmer, in Zürich wurde eine Ärztin gerichtlich verurteilt, im deutschen Handeloh gerieten dutzende Teilnehmer in Panik.

Die beiden angeschuldigten Frauen der Kirschblütengemeinschaft stritten bei den Befragungen durch den Staatsanwalt ab, den Seminarteilnehmern Drogen verabreicht zu haben. Das dürfte ihnen nicht schwer gefallen sein, wurden doch bei den Hausdurchsuchungen keine Betäubungsmittel gefunden. Kein Wunder, schliesslich wussten sie und Samuel Widmer, dass sie im Visier der Behörden standen.

Staatsanwalt fand keine Beweise

Trotzdem ahnte der zuständige Staatsanwalt, dass da mehr sein könnte. In der Einstellungsverfügung schrieb er:

«Jedoch bleibt auch nach Durchführung sämtlicher Ermittlungshandlungen eine Verdachtslage, dass in den Reihen der Kirschblütengemeinschaft illegale Substanzen verwendet wurden. Insgesamt hat sich jedoch nach mehreren staatsanwaltschaftlich autorisierten Hausdurchsuchungen, intensiven Abklärungen der Strafverfolgungsbehörden in jede erdenkliche Richtung sowie einer Vielzahl von Befragungen kein hinreichender Tatverdacht gegen weitere, noch unbekannte Personen erhärtet.»

Die Seminarteinehmer waren auch darauf vorbereitet, wie sie sich bei einer Befragung der Polizei verhalten sollten. Schliesslich händigten die Kirschblütler den neuen Teilnehmern einen entsprechenden Handzettel aus. Ein weiteres Indiz für einen allfälligen Einsatz von Drogen.

Blutprobe hätte Klarheit geschaffen

Doch die Beweislage war für die Solothurner Staatsanwaltschaft nicht ausreichend. Dabei hätte es eine einfache Methode gegeben, die Frage zu klären. Ein überraschender Besuch während eines Psycholyse-Seminars hätte rasch Klarheit geschaffen. Die Teilnehmer hätten der Polizei lediglich eine kleine Blutspende abgeben müssen.

Ich hätte meine rechte Hand darauf gewettet, dass eine Drogen-Trefferquote von einhundert Prozent herausgeschaut hätte. Denn Kirschblütler ohne «echte Drogentherapie» klingt wie ein Fisch ohne Wasser.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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