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Yonni Meyer: «Sitz, du Sau!»– Als Hockeybanausin am Playoff-Finalspiel

«Sitz, du Sau!» – Als Hockeybanausin am Playoff-Finalspiel

Bild: shutterstock
19.04.2018, 13:4919.04.2018, 14:22
Yonnihof
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Ich bin ein Landkind. Und als Landkind war man damals, als ich ein Teenagermädchen war (also vor gut fünf Jahren), Hockeyfan. Und man rauchte als Hobby. Und man trug diese grauenvollen Adidashosen mit den Knöpfen an der Seite und dazu Buffalo-Schuhe, aber das soll hier nicht Thema sein. Mein gesamtes schulisches Umfeld fäänte damals für Kloten oder Fribourg, ich für den ZSC, der zu jener Zeit gerade vom Zürcher SC zu den ZSC Lions wurde. Einerseits tat ich dies aus Protest gegen die Kloten-Fribourg-Dominanz, andererseits, weil mein Stiefvater grosser ZSC-Supporter ist. Gross Ahnung vom Spiel hatte ich nicht, aber das war komplett nebensächlich.  

Heute hat sich das geändert. Ich bin mit Leib und Seele Hockeyfanatikerin, ich weiss zu jedem Zeitpunkt, was auf dem Eis abgeht, kenne die Regeln auswendig und bin bei jedem Spiel mit Leib und Seele dabei.  

Not.  

Nein, meine Damen und Herren, das war gelogen. Ich bin wohl das, was man als «Schönwetter-Fan» bezeichnet. In jedem Playoff-Final suche ich mir die Mannschaft aus, die mir sympathischer ist (oder die die schöneren Liibli oder das lustigere Tier im Namen hat), und für die bin ich dann. Zugegeben, ich schaue sehr gerne Hockey. Ich schaue generell gerne Sport. Die einzige Sportart, von der ich dabei etwas verstehe, ist Tennis. Und natürlich von der allerbesten aller Sportarten (gerade für Menschen, die so unfassbar sportlich sind wie ich): Jassen.  

Die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

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Die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären
Fribourg Caquelons
quelle: watson / lea senn
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Bei allem anderen läuft’s mehr so: Ich bin für xy. Sind das di Gääle oder di Roote?  

Dies ist also die Ausgangslage für folgende Geschichte.  

Wie es Nature and Nurture so wollten, übertrug sich die Leidenschaft für die ZSC Lions von meinem Stiefvater auf meinen Stiefbruder. Ebendieser ist nun jedes Jahr im Besitz von Saisonkarten im Hallenstadion, gleich oberhalb der Mittellinie. Die perfekten Plätze. Und so kam es, dass meine Wenigkeit gestern das vierte Playoff-Finalspiel zwischen den Lions und dem HC Lugano miterleben durfte. Und es war eines der grossartigsten, irrsten und lustigsten Erlebnisse meines bisherigen Jahres.  

Hauptsächlich dazu beigetragen haben die Persönlichkeiten, die da so um einen rumsitzen. Man kennt sich, begrüsst sich herzlich, bespricht das vergangene Auswärtsspiel, tauscht Nettigkeiten aus. Wie geht’s der Frau? Was machen die Kinder? Dieses Wetter, ein Traum ... sobald jedoch die Tröte (hat das Ding, das den Anfang des Spiels anzeigt, einen Namen? Horn? Huupi?) ertönt, mutieren die Sympathieträger zu tobenden Tieren. Männer und Frauen in mittlerem bis hohen Alter singen im Chor die drei Buchstaben in ihren Herzen: Z. S. C. Läuft’s nicht nach ihrem Gusto, springen sie auf, die Fäuste gen Himmel gerichtet. Innert Sekundenfrist schreit, flucht, sirracht es. Es fliegen Mittelfinger – gegen die Kontrahenten, gegen den Schiri, gegen das Universum. Gibt’s auf der Gegenseite einen «Topf» (Sie sehen, ich kann jetzt wahnsinnig gut Hockey-Sprache, freihändig, sozusagen), kehrt augenblicklich Ruhe ein. Betretenes Schweigen für ein paar Sekunden, man kann die Herzen förmlich brechen hören. Dann fangen sie sich wieder, schlagen die Hände zusammen und stimmen aus noch volleren Kehlen ein: «TSÄTT ÄSS TSE-EEEEEEH».  

Die grossen Playoff-Wenden im Schweizer Eishockey

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Die grossen Playoff-Wenden im Schweizer Eishockey
«Chered die Serie!», fordern die Fans immer wieder, wenn ihr Klub im Playoff hoffnungslos zurückliegt. Doch erst elfmal hat das in der National League seit Einführung des Best-of-Seven-Modus nach mindestens einem 1:3-Rückstand auch geklappt.
quelle: keystone / ennio leanza
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À propos «Topf». WCs, meine lieben Leserinnen und Leser. Also vor allem liebe Leserinnen. Wer von Ihnen schon einmal an einem Konzert oder an einem sonstigen Happening im Hallenstadion war, kennt die Schlangen vor den Frauenklos in den Pausen. Nicht so bei Hockey-Matches. Da stauen sich die Jungs und ihre biergefüllten Blasen bis auf die Gänge raus, während man als Mädchen grade mal eine Minute anstehen muss. Ist doch auch mal schön, so zur Abwechslung.  

Nach der ersten Pause ist man so ein bisschen desillusioniert auf Zürcher Seite: Null zu Zwei. Unschön. Dabei hofft man so sehr auf einen Matchball in Lugano am Samstag. Dieses Fan-Ding, es geht tief. Und das meine ich wirklich ernst. Diese Leidenschaft, sie hat etwas tief Rührendes. Von «himmelhoch jauchzend» zu «zu Tode betrübt», von Minute zu Minute. Und der Virus ist ansteckend: Wo ich im ersten Drittel noch dazu neigte, «Höred mal uf, immer haue» oder «Heeee, nöd schupfä!» zu denken, höre ich mich während der zweiten Runde bereits laut: «Rüeren um, dä huere Tubel!» rufen. Gut, ich meine damit Maxim Lapierre und ich glaube, umgeworfen zu werden ist das Mindeste, was dem Luganese mittlerweile gewünscht wird.  

Lapierre übrigens ist die Verkörperung eines weiteren Phänomens, das mir an diesem Abend bewusst wird: Der Kanadier hat «Shit Stirring» perfektioniert. Es giesst Öl ins Feuer. Fährt nach seinem Tor lächelnd und mit ausgestreckten Armen an den Zürcher Fans vorbei. Grinst nach harten Checks gegen seine Kontrahenten breit in die Kamera. Pöbelt alles und jeden an. Teilt unverblümt mit, was er alles so mit «Deiner Mutter» machen würde ... man hasst ihn dafür. Und man liebt es, ihn zu hassen. Sogar ich. Wäre er nicht 15 Zentimeter grösser und 25 Kilo schwerer als ich, würde ich höchstpersönlich auf die Eisfläche runterklettern und ihn fachmännisch vermöbeln. Mit meinen krassen Vermöbelungs-Skills.

1:2 steht’s nun. Das dritte Glas Weisswein steht im Becherhalter vor mir, meine und die Nerven der Menschen um mich herum liegen blank. Und einmal mehr zeigt sich: Schweizer, ein einig Volk von Experten. Lautstark wird bemängelt, man sei «viel zu oft hinter dem Tor», es dröhnt «... bisch eigentlich blind?!» gegen die eigenen Spieler und immer wieder «FÜRE, FÜRE, FÜRE!». Wie schade, dass die Spieler sie nicht hören können – ich denke nicht, dass sie sich bewusst waren, dass man beim Hockey «füre» spielen muss. Dieser Tipp hätte ihre Karriere nachhaltig verändert, wenn er nur bis zu ihnen durchgedrungen wäre. Nun werden sie für immer unwissend sein. Wie Donald Trump sagen würde: Sad.  

In der 42. Minute dann endlich der Ausgleich. Verdient. Finde ich. Und ich bin ja mittlerweile auch Expertin, bin versucht, «FÜRE, FÜRE, FÜRE» zu schreien. Es gibt kein Halten mehr. In der Verlängerung dann stehe auch ich immer wieder auf, mein Mittelfinger verselbständigt sich, wüste Worte entfleuchen meinem Mund nach Lapierres hartem und unbestraften Check gegen Geering. «Du verf***** huere Vollw******!!» Ich bin im Feuer.  

Mein «Easy, chli Hockey go luege» und «Heee, sind nöd so grob mitenand» wurde zu «Sitz, du Sau!!!» und «ATTACKE ATTACKE ATTACKE!» Meine Leidenschaft wird einzig ab und an durch eine leichte Sorge um meine Mit-Fans unterbrochen, deren Adern etwas zu dominant hervorstehen und deren Gesichtsfarbe sich teils derart verändert hat, dass ich geneigt bin, abzuchecken, wo sich der nächste Defibrillator befindet.  

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Saison 2020/21: Jan Kovar, EV Zug , 13 Spiele, 15 Punkte (1 Tor, 14 Assists)
quelle: keystone / urs flueeler
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Nach etwas über 74 Minuten dann endlich die Erlösung. Sudden Death. Nur schon der Ausdruck ist krass – und genauso ist auch die Stimmung: Das Stadion bebt. Ich johle, ich gröhle, ich singe, ich springe klatschend im Takt. Ich verteile gefühlte 746 High Fives, umarme Menschen, die ich noch nie gesehen habe. Ich liebe Chris Baltisberger in diesem Moment – einen Mann, von dem ich bis zum gestrigen Tag nicht einmal wusste, dass er existiert. Meine Euphorie ist echt, tief und lässt mich lange nicht einschlafen.  

Und das war also mein Erlebnis als Hockeybanausin an einem Hockeyspiel. Bin ich nun ein Hardcore-Fan? Nein. Aber ich verstehe jeden, der es ist, für welches Team auch immer. Ich verstehe die Leidenschaft und den Zusammenhalt, den sie bewirkt. Ich verstehe das Schreien, das Fluchen, das Gröhlen, das Verzweifeln, das Singen, das Tanzen.  

Ich jedoch kehre zurück zu meinem friedlichen Hippieselbst.  

Ausser ich sehe Maxim Lapierre auf der Strasse. Dann stelle ich ihm das Bein.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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95 Kommentare
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Blizzard_Sloth
19.04.2018 14:27registriert Februar 2015
"Ausser ich sehe Maxim Lapierre auf der Strasse. Dann stelle ich ihm das Bein."

Perfekter Abschluss.


Toll geschrieben und schön zu hören, dass auch Nicht-Hardcore-Fans sich völlig mitreissen lassen.
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Achilles
19.04.2018 14:01registriert August 2016
Klasse geschrieben! :) muss ich mal mit meiner Anti-Hockey Freundin teilen ...
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turicum2003
19.04.2018 14:48registriert Dezember 2016
Dieser Artikel hat mich echt zum schmunzeln gebracht :D

Dem Lapierre kannst du übrigens gleich beide Beine stellen :D
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