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Apple kündigt massive Änderungen für Europa an, Schweiz profitiert nicht

Apple kündigt massive Änderungen für iPhone-User und App-Entwickler an – das wissen wir

Der US-Konzern lockert auf Druck der EU sein strenges App-Store-Regime und macht weitere Konzessionen. Die Schweiz bleibt aussen vor.
26.01.2024, 08:4129.01.2024, 07:22
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Apple lässt in der Europäischen Union künftig auch die Installation von Apps zu, die nicht aus dem eigenen App-Store stammen.

Die bekannte Spielefirma Epic will die neuen Möglichkeiten nutzen, um ihr vor mehr als drei Jahren von Apple aus dem App-Store verbanntes Battle-Royale-Spiel «Fortnite» wieder aufs iPhone zurückzubringen.

Zudem öffnet Apple auf der Druck der EU die NFC-Schnittstelle der Mobilgeräte für Bezahl-Apps von Dritten. Und auch der Standard-Browser soll neu schon bei der Inbetriebnahme eines iPhones frei gewählt werden können.

Schweizer User sollen nicht von den angekündigten Änderungen profitieren.

Warum tut Apple das?

Nicht freiwillig, sondern auf Druck der EU hin.

Apple reagiert mit den Änderungen auf rechtliche Vorgaben durch das neue EU-Gesetz für Digitale Märkte, den sogenannten «Digital Markets Act», kurz DMA.

Demnach müssen grosse und dominante Anbieter, sogenannte Gatekeeper, App-Stores anderer Anbieter zulassen. Bisher konnte man auf iPhones nur Apps von der hauseigenen Download-Plattform des Konzerns laden.

Was ändert sich beim Installieren von Apps?

Apple behält auch künftig teilweise die Kontrolle über die Installation von Apps, selbst wenn diese ausserhalb des eigenen App-Stores stattfindet.

Die Apps können nicht wie beim Google-System Android einfach mit dem Browser heruntergeladen und auf eigenes Risiko installiert werden. Vielmehr müssen die User dafür «beglaubigte» Marktplätze verwenden. Das sind iPhone-Anwendungen, die mit dem Segen von Apple wiederum andere Apps installieren dürfen.

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur verwies Apple-Topmanager Phil Schiller auf die Risiken, die mit einer direkten Installation verbunden seien.

«Wenn jede beliebige Webseite Apps auf das Gerät herunterladen kann, stellt dies eine grosse Gefahr für die Sicherheit und den Datenschutz der User dar.»
Phil Schiller, Apple

Mit dem Beglaubigungsprozess erfülle man auch die Anforderungen des EU-Gesetzes. Insgesamt seien User in Europa allerdings durch die mit dem DMA erzwungenen Massnahmen einem höheren Risiko ausgesetzt als solche ausserhalb der EU, warnt das Unternehmen.

Mit der verkündeten Umsetzung ist Apple künftig in der Lage, auch bei alternativen Marktplätzen sämtliche Apps auf Schadsoftware und andere Sicherheitsbedrohungen automatisiert zu überprüfen. Nicht gecheckt werden dagegen die mit den Apps verbundenen Geschäftspraktiken oder die dort gezeigten Inhalte.

Wie reagiert «Fortnite»-Entwickler Epic?

Der US-amerikanische Spieleentwickler Epic, der mit Apple im Clinch liegt, kündigte gleich nach Bekanntgabe der neuen Regeln einen eigenen App-Store für das iPhone für dieses Jahr an.

«Fortnite» kann seit über drei Jahren nicht auf iPhones geladen werden. Apple hatte das Spiel im August 2020 aus seinem App-Store entfernt, nachdem Epic mit einem Trick die Abgabe von 30 Prozent beim Kauf digitaler Inhalte umgehen wollte. Epic zog gegen den Rauswurf vor Gericht, verlor aber.

Epic-Chef Tim Sweeney warf Apple zugleich vor, mit der geplanten Umsetzung des DMA den Wettbewerb zu untergraben. Er verwies unter anderem darauf, dass Apple mit der «Beglaubigung» von Marktplätzen konkurrierende App Stores etwa von Epic oder Microsoft blockieren könne. Das alles hielt Epic jedoch nicht davon ab, den eigenen App-Store für iPhones anzukündigen.

Was ändert sich für iPhone-User bezüglich Standard-Browser?

Parallel zu den Anpassungen bei den App-Stores führt Apple auch weitere Änderungen ein, um Monopolvorwürfen der EU entgegenzutreten. So können europäische Anwenderinnen und Anwender künftig den Standard-Browser im iPhone bereits beim Einrichten frei festlegen.

Bislang öffnet der vorinstallierte Apple-Browser Safari automatisch alle Web-Links. Diese Aufgabe kann aber auch von Browsern wie Google Chrome, Firefox, Microsoft Edge, Brave, Opera oder DuckDuckGo übernommen werden.

«Bereits heute haben iOS-Nutzer:innen die Möglichkeit, einen anderen Webbrowser als Safari als ihren Standardbrowser zu verwenden. Entsprechend den Anforderungen des DMA führt Apple ausserdem einen neuen Auswahlbildschirm ein, der beim ersten Öffnen von Safari in iOS 17.4 oder höher erscheint. Dieser Bildschirm wird Nutzer:innen in der EU auffordern, einen Standardbrowser aus einer Liste von Optionen auszuwählen.»
quelle: apple.com

Die Safari-Konkurrenten werden auch nicht mehr gezwungen, in ihren Apps die von Apple favorisierte Technik «WebKit» zur Darstellung von Webseiten zu verwenden, sondern dürfen ihre eigenen «Web-Engines» benutzen.

Wann werden die Änderungen eingeführt?

Um die neuen Möglichkeiten nutzen zu können, muss auf dem Gerät die (derzeit noch nicht verfügbare) Betriebssystem-Version iOS 17.4 installiert sein.

«Die neuen Funktionen werden ab März 2024 für Nutzer:innen in den 27 EU-Mitgliedsländern verfügbar sein.»
quelle: apple.com

In den Genuss der Änderungen kommen also User aus Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, die Slowakei, Slowenien, Spanien, die Tschechische Republik, Ungarn und Zypern.

Und die Schweiz?

Ausserhalb der EU muss Apple «Fortnite» weiterhin nicht in den App-Store lassen.

Auch bei den anderen Änderungen bleiben Schweizer User aussen vor, App-Entwickler hingegen nicht. Auf Anfrage von watson verweist das Unternehmen auf die ausführliche Dokumentation (siehe Quellen). Darin heisst es:

«Die Änderungen sind für Entwickler verfügbar, die Apps in einem der 27 EU-Mitgliedstaaten vertreiben, und gelten nur für Apps, die für User in der EU verfügbar sind und vertrieben werden.»

Was ändert sich bei den Bezahl-Apps?

Auch das Apple-Monopol bei kontaktlosen Zahlungstransaktionen mit dem iPhone fällt in der EU.

Bislang konnte nur der hauseigene Bezahldienst Apple Pay die NFC-Funktion («Near Field Communication») des iPhones nutzen, um eine Bezahlung an der Supermarktkasse oder anderen Bezahlterminal vorzunehmen. Die Nutzerinnen und Nutzer können künftig selbst festlegen, welche Bezahl-Anwendung standardmässig starten soll.

Was ändert sich für App-Entwickler?

Nur wenig Entgegenkommen zeigt Apple bei der umstrittenen Umsatzbeteiligung für Bezahl-Apps oder In-App-Käufe.

Bislang verlangt Apple von kleineren Entwicklern und bei Langfrist-Abos 15 Prozent Umsatzbeteiligung. Anbieter mit einem Umsatz von über einer Million Dollar im Jahr müssen sogar 30 Prozent abführen. Diese Provisionen werden nun auf 10 Prozent und 17 Prozent gesenkt. Wenn die Entwickler die Zahlungsabwicklung des App-Stores nutzen, werden zusätzlich drei Prozent fällig.

Als Zugeständnis gegenüber der EU ermöglicht Apple den Entwicklern nun, einen alternativen Zahlungsdienstleister in ihrer App zu verwenden oder die User auf eine Website zu verlinken, um Zahlungen ohne zusätzliche Gebühren von Apple zu verarbeiten.

Neue Gebühr für Top-Apps

Neu eingeführt wird eine «Kern-Technologie-Gebühr» für Apps, die sehr oft installiert wurden. Die Abgabe wird fällig, nachdem eine App in einem Zeitraum von zwölf Monaten auf eine Million Erstinstallationen kommt – spätere Updates zählen nicht. Nach Erreichen der Millionen-Marke werden für jede weitere Erstinstallation der App in dem Zeitraum 50 Euro-Cent fällig.

Apple geht davon aus, dass weniger als ein Prozent der Entwickler diese Gebühr für ihre EU-Apps zahlen müssen. Entwickler können sich auch an die bisherigen App-Store-Konditionen halten.

Apple stellt online einen Gebührenrechner und neue Berichte zur Verfügung, mit denen Entwickler die potenziellen Auswirkungen der neuen Geschäftsbedingungen auf ihr App-Geschäft abschätzen können.

Quellen

(dsc/sda/dpa)

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Die turbulente Geschichte von Apple Maps
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Die turbulente Geschichte von Apple Maps
Es war einmal ein amerikanischer Techkonzern, der wollte auf seinen Geräten nicht mehr die Software des grossen, datenhungrigen Rivalen installieren, sondern etwas Eigenes wagen ...
quelle: ap / patrick semansky
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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Truth Hurts
26.01.2024 10:15registriert Mai 2016
Kann mir gut vorstellen, dass 95% der Benutzer auf diese zusätzlichen ‚App Stores‘ verzichten werden.
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Rethinking
26.01.2024 11:44registriert Oktober 2018
Die Installation von Apps ausserhalb des AppStores würde / werde ich gleich sperren lassen für alle User…

Viel zu gross die Cyberrisiken.
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krachbumxingpeng
26.01.2024 10:28registriert Juli 2017
Das öffnet Tür und Tor für Scams.
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Tesla plant Massenentlassung – angeblich trifft es jeden 10. Angestellten
Tesla hat laut Medienberichten vor, im grossen Stil Stellen zu streichen. Weltweit soll die Belegschaft radikal reduziert werden.

Der E-Autohersteller Tesla plant offenbar, weltweit mehr als 10 Prozent aller Stellen zu streichen. Das berichtet das «Handelsblatt» unter Berufung auf ein internes Schreiben des Autobauers. Von dem Abbau sollen insgesamt 14'000 Mitarbeiter betroffen sein. «Das wird uns schlank, innovativ und hungrig für die nächste Wachstumsphase machen», schrieb Tesla-Chef Elon Musk demnach an die Belegschaft.

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