Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Smartphone

Gedächtnisstütze Smartphone: Beherztes Auslagern von Daten empfohlen. bild: shutterstock

Computer und Gehirn

Der Mythos von der digitalen Demenz

Muss ich mir nicht merken, finde ich online! Macht uns das Internet immer dümmer? Eine Studie zeigt, dass unser Gehirn keinesfalls verkümmert, wenn es Wissen digital auslagert. Ganz im Gegenteil.

Nora Schultz / Spiegel Online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Für viele Fragen, die uns im Alltag begegnen, bemühen wir schon lange keine grauen Zellen mehr. Der Griff zu Smartphone, Tablet oder Laptop genügt, um Kontakte, Wegbeschreibungen, Schriftwechsel und das geballte Wikipedia-Wissen abzurufen. Solcher Komfort hat seinen Preis. Umgeben von allwissenden digitalen Helfern lernen wir, immer weniger selbst zu lernen.

Entscheidend scheint dabei der Glaube an die Zuverlässigkeit externer Speicher zu sein. Das zeigte Betsy Sparrow von der Universität Harvard schon 2011 in ihrer ursprünglichen Beschreibung dieses Google-Effekts. Vertraut das Gehirn demnach auf die sichere Ablage von Daten auf Festplatten und in der Cloud, vergisst es die Informationen ganz schnell wieder.

Selbst mit Urlaubserinnerungen ist es nicht weit her, wenn sie exzessiv auf der Digitalkamera landen. Wer beim Museumsbesuch fortwährend Fotos knipst, erinnert sich hinterher kaum noch an die betrachteten Kunstwerke.

Aber ist der technikaffine Mensch dann nicht von digitaler Demenz bedroht? Verkümmert unsere Merkfähigkeit, weil wir sie nicht mehr verwenden? Was passiert mit den Ressourcen im Gehirn, die durch das Vergessen extern gespeicherter Daten frei werden?

Der letzten dieser Fragen widmeten sich jetzt Ben Storm und Sean Stone von der University of California in Santa Cruz. Um herauszufinden, ob digital induzierte Vergesslichkeit den Kopf für neue Informationen frei macht, liessen sie Psychologiestudenten in einer Reihe von Experimenten jeweils zwei Wörterlisten lesen, die sich als PDF-Dateien auf einem Speicherstick befanden.

Digitale Besen kehren gut

Bild

bild: shutterstock

Anschliessend fragten sie die Probanden, an welche Wörter sie sich erinnerten – und zwar zuerst von der zweiten, zuletzt gelesenen Liste (Liste B) und dann erst von der zuerst gelesenen Liste (Liste A). Wie erwartet merkten sich die meisten Testpersonen etwas mehr Wörter von Liste B, die unmittelbar nach dem Lesen abgefragt wurde.

Wenn Probanden allerdings Gelegenheit bekamen, Liste A nach dem Lesen auf ihrem Computer zu speichern und sie vor dem Test noch einmal zu öffnen, verbesserten sich die Abfragewerte nicht nur für die somit zweimal studierte Liste A. Sie schossen auch für Liste B in die Höhe, obwohl diese nach wie vor nur einmal gelesen und direkt danach abgefragt wurde.

«Das (digitale) Abspeichern von Daten, die man sich sonst merken müsste, erleichtert das Lernen neuer Informationen.»

Forscher im Fachblatt Psychological Science

Wie ein digitaler Besen schafft der digitale Speichervorgang Raum für neuen Stoff im Oberstübchen. Storm und Stone vermuten, dass dieser Prozess ähnlich wie der Effekt des gezielten Vergessens funktioniert.

Schon in früheren Studien hatten Forscher nämlich gezeigt, dass die explizite Aufforderung, zuvor Gelerntes zu vergessen, dabei helfen kann, Neues aufzunehmen. In einer anderen aktuellen Studie konnte Storm zudem kürzlich zeigen, dass insbesondere kreatives Denken profitiert, wenn man unnötigen Ballast zuvor vergisst.

Furcht vor digitaler Demenz

Die Furcht vor einer digitalen Demenz erscheint vor diesem Hintergrund eher unbegründet, finden auch andere Experten. Der Gedächtnisforscher Gary W. Small von der University of California in Los Angeles etwa sieht die digitalen Stützen als eine Optimierung einer ohnehin vorhandenen Tendenz des Gehirns zur Arbeitsteilung: 

«Wenn ich weiss, dass meine Frau Name und Adresse unseres Zielortes kennt, muss ich mir das nicht selbst merken.»

Die neue Technologie mache diesen Prozess nur effizienter und schaffe grössere Kapazitäten, neue Informationen zu lernen. Small rät zur beherzten Auslagerung von Daten wie Terminen, Telefonnummern und Wegbeschreibungen und zur bewussten Entscheidung, welche Dinge man sich wirklich selbst merken möchte.

Auch der Psychologe Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld empfiehlt, Dinge, die man nicht akut parat haben muss, getrost externen Speicherorten anzuvertrauen. An eine besondere Qualität der uns ständig umgebenen digitalen Speichermöglichkeiten glaubt er allerdings nicht. Den gleichen Effekt hätte man «natürlich auch mit Notizblock oder Kreidetafel gefunden», sagt er. 

Das bezweifeln Storm und Stone allerdings. In weiteren Experimenten konnten sie zeigen, dass der Auslagerungseffekt nur dann funktioniert, wenn das Gehirn sich auf den externen Speicher auch verlassen kann. Gab es häufiger Datenverluste beim Speichern von Liste A – diese hatten die Forscher gezielt in die Experimente eingebaut –, wurde auch der Kopf für Liste B nicht frei. Fazit: Ohne Vertrauen geht kaum etwas – auch und gerade bei einer digitalen Gedächtnisstütze.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Sunrise, UPC oder Swisscom? Hier bekommst du das «beste» Internet im Land

Der zweitgrösste Schweizer Breitband-Internet-Provider Sunrise erhält Bestnoten vom deutschen «PC Magazin». Getestet und beurteilt wurden alle Anbieter in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Sunrise hat nach Ansicht des «PC Magazin» das beste Internet der Schweiz. Der zweitgrösste Telekomanbieter der Schweiz hat den diesjährigen Test gewonnen vor dem Kabelnetzbetreiber UPC und Branchenprimus Swisscom.

Sunrise sei nicht nur der beste Internetanbieter hierzulande, sondern im ganzen deutschsprachigen Raum, schreibt das «PC Magazin» am Dienstag. Mit 962 Punkten von 1000 möglichen holte Sunrise am meisten Zähler von allen getesteten Telekomunternehmen in der Schweiz, Deutschland und …

Artikel lesen
Link zum Artikel