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Netzaktivistinnen und -aktivisten haben die «Querdenker»-Plattform «Ignorance» gehackt.
Netzaktivistinnen und -aktivisten haben die «Querdenker»-Plattform «Ignorance» gehackt.
bild: anonleaks

Bekannte Corona-Leugner von Anonymous brutal vorgeführt

«Querdenker» planten eine «zensurfreie» Facebook- und YouTube-Alternative und spendeten Geld dafür. Doch bevor sich die Plattform richtig etablierte, wurde sie von Anonymous-Aktivisten gehackt. Die Spur zum Hauptdrahtzieher führt in die Schweiz.
22.06.2021, 20:57

Selbsternannte «Querdenker» haben ein Problem. Facebook und YouTube gehen seit der Corona-Pandemie konsequenter gegen Falschinformationen und Verschwörungserzählungen vor. Da liegt es auf der Hand, dass bekannte «Querdenken»-Vertretende von einer alternativen Plattform träumen, auf der ungestraft gelogen und gehetzt werden darf. Die neue Plattform «Ignorance – pulls the trigger» sollte daher eine «schweizerisch-europäische Facebook- & YouTube-Alternative» für Corona-Verschwörungserzähler werden.

Die Webseite von «Ignorance - pulls the trigger» ist offline.
Die Webseite von «Ignorance - pulls the trigger» ist offline.
bild: anonleaks

Am Projekt «Ignorance» beteiligt sind in der «Querdenker»-Szene bekannte Verschwörungserzähler wie Michael Ballweg, Bodo Schiffmann oder Ken Jebsen (KenFM). Doch bevor das neue Social Network richtig loslegen konnte, wurde es von Anonymous-Aktivisten gehackt und – zumindest temporär – aus dem Netz getilgt.

Aktuell ist die Webseite ignorance.eu offline. Auch die Twitter- und LinkedIn-Konten wurden von den Aktivisten übernommen.

«Anonymous kam, sah und löschte. Und bedankt sich für all die hinterlegten Zugangsdaten zu Rechnungen, Mails, Servern und für die Einsichten in das Schwurbelnetzwerk.»
Anonymous

Die Hacker sind tief in die Systeme der «Querdenker» eingedrungen. Auf ihrer Enthüllungs-Plattform anonleaks.net haben sie diverse Interna des mutmasslichen Hauptdrahtziehers und Profiteurs von Ignorance veröffentlicht, beispielsweise E-Mails und Rechnungen (dazu später mehr).

Die Spur führt in die Schweiz

In einem von Anonymous erbeuteten und veröffentlichten PDF-Dokument beschreiben die Betreibenden das Projekt wie folgt: «Seit dem Beta Launch am Valentinstag gibt es eine Youtube ähnliche Video Plattform, auf der zu Beginn ausgewählte Youtuber, Communities & Publizisten / Journalisten ihre Videos hochladen können.»

Ignorance ist vereinfacht gesagt eine Open-Source-Alternative zu YouTube, die dezentral auf verschiedenen und voneinander unabhängigen Servern laufen kann. «Querdenker»-Gruppierungen können ein Benutzerkonto erstellen oder ihren eigenen Server (PeerTube-Instanz) betreiben.

Realisiert wird das Projekt von einem Verein namens «United Humans of the World» (UHW) mit Sitz im Steuerparadies Kanton Zug, genau genommen in Baar. Der im Dezember 2020 gegründete Verein soll die technische Plattform bereitstellen und die Finanzierung von Ignorance sichern.

Und nun wird es richtig spannend.

1.4 Millionen Franken für ein «Querdenker»-YouTube?

Der undurchsichtige Trägerverein hinter der Plattform Ignorance weist einen enormen Finanzbedarf von über 1.4 Millionen Schweizer Franken pro Jahr aus. Finanziert werde «das nonprofit Projekt über Abos der Anwender und Spenden», schreiben die Betreibenden. Später, so wirbt man, sollen Nutzerinnen und Nutzer ihre Videos wie bei YouTube monetarisieren können und so Einnahmen erzielen.

Die Drahtzieher machen «enorme» Entwicklungs- und Betriebskosten geltend. Die von Anonymous beim Hack erbeuteten Dokumente, die auch watson vorliegen, lassen hingegen den Schluss zu, dass die eigentlichen Server-Kosten einen Bruchteil der veranschlagten Kosten betragen.

Was also ist hier faul?

Das steckt hinter Ignorance

Anonymous-Aktivisten haben die Ignorance-Server infiltriert, E-Mails mitgelesen und so ein «Geflecht von Firmen» enttarnt, die alle irgendwie mit Ignorance verbandelt sind.

Die Netzaktivisten schreiben:

«Mit Ignorance sollte ein neurechtes Schwurbelnetz entstehen, finanziert unter anderem von Ken Jebsen, Kai Stuht, Bodo Schiffmann, Michael Ballweg, Roger Bittel mit zehntausenden Euros aus Spendengeldern und beworben von unter anderem Naidoo, Eckert und anderen.

Der Verein ‹United Humans of the World› (UHW) versprach tausende redundater Server, kalkulierte mit Millionenkosten, warb mit Einnahmen für Content-Producer und erhoffte sich monatliche Beiträge für dieses absolut zensurfreie Netzwerk.

Bekommen haben die Schwurbler ein leicht angepasstes PHP Script mit Sicherheitslücken auf einem oder zwei Servern einer kleinen Schwurbel-Softwarebude.»
Anonymous

Tatsächlich legen die Recherchen der Netzaktivisten nahe, dass alle Fäden und schliesslich auch das Geld bei einem Mann zusammenlaufen. Dieser ist für die technische Entwicklung der «zensurfreien» Social-Media-Plattform zuständig, die von bekannten «Querdenkern» als neuer Propaganda-Kanal genutzt wird.

Der mutmassliche Hauptdrahtzieher betreibt ein undurchsichtiges Geflecht aus (teils liquidierten) Firmen und Briefkastenfirmen mit Adressen in der Schweiz, Grossbritannien, Russland und Polen. Mit einer seiner Firmen hat er Server bei einem deutschen Provider gemietet und darauf befinden sich unter anderem die nun gehackte Social-Media-Plattform ignorance.eu sowie tube.querdenken-711.de von «Querdenken»-Initiator Michael Ballweg.

Ballweg macht Kasse mit Merchandising von «Querdenken»-Fanartikeln und fordert seine Anhängerinnen und Anhänger zu als Schenkung deklarierten Spenden auf sein Privatkonto auf. Jan Böhmermann verlieh ihm deshalb die Auszeichnung «Corona-Unternehmer des Jahres».

Der Ignorance-Hack bringt nun ans Licht, weshalb bekannte «Querdenker» ständig um Spenden betteln: Sie müssen dem Betreiber der Plattform laufend enorme Summen für den technischen Unterhalt und die Serverkosten zahlen. Das geht aus den von Anonymous erbeuteten Rechnungen hervor.

Die Aktivisten breiten im Netz genüsslich aus, was die Verschwörungserzähler für die Nutzung des «Querdenker-YouTubes» monatlich bezahlten.

Die beim Hack abgezügelten Dokumente zeigen beispielsweise: Ballwegs Firma Media Access GmbH liess dem Verein hinter Ignorance mit Sitz im Kanton Zug eine Spende über rund 20'000 Franken zukommen. Die Anonymous-Aktivisten kommentieren süffisant: «Interessant für das Finanzamt in Stuttgart ist sicherlich die Frage, warum ein Unternehmen in Polen einem Stuttgarter Unternehmen des Herrn Ballweg eine Quittung über eine Spende über 19'999 Euro für einen Verein in der Schweiz ausstellt.»

Ebenfalls verdächtig: Coronaverharmloser und «Querdenker»-Arzt Bodo Schiffmann überweist laut den Dokumenten monatlich 1000 Euro für gerade mal 1 Terabyte Speicherplatz an den Ignorance-Betreiber. Der für die Speicherplatz-Menge viel zu hohe Preis lässt den Verdacht aufkommen, dass es um das «Verschieben von Schenkungsgeldern» gehen könnte.

«Querdenker»-Arzt Bodo Schiffmann soll die Zulassung verlieren.
«Querdenker»-Arzt Bodo Schiffmann soll die Zulassung verlieren.
Bild: Screenshot/Telegram

Schiffmann ruft seine Anhängerinnen und Anhänger immer wieder zu Spenden auf. Der Hintergrund: Er läuft in Deutschland Gefahr, seine Zulassung als Arzt zu verlieren, da er massenhaft Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt hat. Seine Praxis wurde von der Polizei durchsucht und der Vermieter hat ihm die Räume gekündigt. Diese Woche haben seine Anhänger anscheinend sein Geschäftskonto ausgeglichen und dafür rund 100'000 Euro gespendet.

Wie war der Hack möglich?

In ihrer Projekt-Beschreibung betonen die Ignorance-Betreiber die Bedeutung von «Datenschutz & Privatsphäre». In der Praxis sah dies komplett anders aus: Die Hacker sind offenbar über eine Sicherheitslücke in der quelloffenen Social-Netzwerk-Plattform Anahita, die für Ignorance genutzt wird, an die Rechnungsdaten gelangt.

«Anons haben sich seit vergangener Woche frei in den Systemen bewegt, konnten von einem Bereich in den anderen wechseln, Dinge, die eigentlich in Produktivsystemen nicht möglich sein dürften», beschreiben die Netzaktivisten den neusten Streich gegen «Querdenker».

Anonymous Germany hat in den letzten gut zwölf Monaten im Rahmen der «Operation Tinfoil» rechtsextremen Coronaleugnern wie Attila Hildmann, dem Schweizer Sektenprediger Ivo Sasek und anderen «Querdenkern» den Krieg erklärt. Man gehe gegen Verschwörungserzähler vor, «weil sie gefährlich sind. Sie sind vielleicht selbst nur kleine Figuren, widerliche Männeken, aber die Lügen, die sie verbreiten, bringen Menschen in Gefahr und spalten Gesellschaften», sagen die Netzaktivisten.

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