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Xavier Naidoo bekam für seinen Anti-Corona-Massnahmen-Song «Heimat» Unterstützung von Mitgliedern der Schweizer OCG-Sekte.
Xavier Naidoo bekam für seinen Anti-Corona-Massnahmen-Song «Heimat» Unterstützung von Mitgliedern der Schweizer OCG-Sekte.
Bild: dpa
Analyse

Sektenmitglieder trällern mit Xavier Naidoo gegen Corona-Massnahmen – das steckt dahinter

Sänger Xavier Naidoo und der Schweizer Sekten-Gründer Ivo Sasek sind Brüder im Geiste: Der eine warnt vor «DNA-verändernder Zwangsimpfung» und «allumfassender Weltdiktatur», der andere sieht hinter Fridays for Future den Antichrist.
31.05.2021, 12:2129.06.2021, 13:23

Xavier Naidoo ist ganz rechts angekommen. Für seine «Querdenker-Hymne» singt er mit Musikern und Aktivisten aus dem rechten bis rechtsextremem Spektrum. «Seine beiden neuen Songs ‹Heimat› und ‹Ich mach da nicht mit› illustrieren ganz direkt den Schulterschluss zwischen Querdenkern und Rechtsextremen», wie es meine watson-Kollegin Simone Meier auf den Punkt brachte.

Im Video zu «Ich mach da nicht mit» wird zum bewaffneten Kampf aufgerufen und die Sprengung eines Impfzentrums inszeniert. «Heimat» kommt weit subtiler daher, quasi ein «Schmusesong mit Rechtsruck», geträllert von einem Querfront-Grüppchen, das sich «Die Konferenz» nennt.

Nach über einem Jahr Coronapandemie hat Naidoo also völlig abgedreht. Für «Heimat» hat er sich gar mit «gewaltbereiten Rechtsextremisten» – so bezeichnet der deutsche Verfassungsschutz die Rechtsrockband Kategorie C – ins Bett gelegt. So weit, so bekannt, aber die Story wird noch irrer.

Sektenmitglieder trällern mit Naidoo gegen die «Corona-Diktatur»

Für viele mag der Zusammenhang zwischen Reichsbürgern, antisemitischen Verschwörungsideologien und prominenten Corona-Leugnern wie Naidoo und Hildmann ein alter Hut sein. Was dabei fast unterging: Für «Heimat» hat sich Naidoo auch mit Mitgliedern der Schweizer Sekte Organische Christus-Generation (OCG) von Sektenprediger Ivo Sasek zusammengetan. Führende Sekten-Mitglieder waren bei der Song-Aufnahme anwesend, wie Recherchen der Netzaktivisten von Anonymous zeigen. Demnach hat auch eine Moderatorin des Sekten-eigenen Online-TV-Senders KlaTV bei «Heimat» mitgesungen.

Saseks streng religiöse OCG-Sekte operiert primär aus der Schweiz, zählt aber auch viele Anhänger in Deutschland und ist darüber hinaus zum Sammelbecken für Verschwörungsideologen in halb Europa geworden. Seit 2020 führt die OCG eine Fake-News-Kampagne gegen die Coronaimpfung. Wen wundert's da noch, dass ihr Propaganda-Arm – der Web-TV-Kanal KlaTV – Naidoos pathetischen Corona-Schwurbel-Song beweihräuchert.

Was die Köpfe hinter «Heimat» vereint: Die Liebe zum Systemsturz und Verschwörungsmythen.

Wenn du deine Infos von der YouTube-Universität hast

Auf Twitter machen die Netzaktivisten von Anonymous darauf aufmerksam, dass Naidoo vor einem Jahr vor laufender Kamera «wegen den Kindern» geweint hat, die angeblich gerade aus den Händen eines globalen Pädophilen-Netzwerks befreit worden seien.

In der Videobotschaft an seine Fans schluchzte ein völlig aufgelöster Naidoo in die Kamera und sprach von einer «Industrie, die Kinder foltert und ermordet». Er habe jahrelang darüber recherchiert. Er bezog sich dabei offenbar auf die irre QAnon-Verschwörungserzählung, gemäss der eine weltweite (jüdische) Elite Kinder in Bunkern gefangen halte, missbrauche und ihr Blut als Verjüngungs-Elixier trinke.

Ironischerweise wird sein Song «Heimat» nun von der OCG-Sekte beworben, die nach biblischer Doktrin die Züchtigung der Kinder mit der Rute empfiehlt. «Ich war in meinem Leben von Anfang an Schlägen ausgeliefert», berichtete 2018 eine damals 21-jährige OCG-Aussteigerin. Saseks Erziehungsratschläge zu Körperstrafen («Blutige Striemen schützen vor der Hölle») führten zweimal zu Strafanzeigen wegen Kindesmisshandlung, die Ermittlungen wurden aber wieder fallengelassen.

Ob Naidoo auch um die Sekten-Kinder weint?

April 2020: Sänger und Verschwörungserzähler Xavier Naidoo weint um angeblich entführte und gefolterte Kinder.
April 2020: Sänger und Verschwörungserzähler Xavier Naidoo weint um angeblich entführte und gefolterte Kinder.

Die von Deutschlands vielleicht bekanntestem Sänger propagierte QAnon-Erzählung, dass die Eliten der Welt mit dem Blut entführter Kinder in satanischen Ritualen versuchten, sich das Leben zu verlängern, geht auf Ritualmordlegenden und antisemitische Verschwörungsmythen zurück.

Zu Beginn der Corona-Pandemie war Naidoo einer Telegram-Chatgruppe einer grösseren QAnon-Gruppe beigetreten – Anhänger absurder Verschwörungserzählungen war er aber schon viele Jahre zuvor.

Naiodoo und Sasek: Botschafter Gottes

Verschwörungsfantasien aller Art sind auch das Metier des Schweizer Sektenführers Ivo Sasek. Über sein alternatives Medium KlaTV und die sogenannte Anti-Zensur-Koalition verbreitet er seit Jahren rechtsradikale Verschwörungsmythen.

Im Kern geht es stets darum, dass eine «dominante Elite» die Menschen unterjocht und der Dritte Weltkrieg vor der Türe stehe. Als angeblicher Gesandter Gottes – diese Bürde teilt er mit Naidoo – könne er die Rechtgläubigen vor der drohenden Apokalypse retten und ins Heil führen.

Sektengründer Ivo Sasek hat ein eigenes alternatives Medienimperium aufgebaut.
Sektengründer Ivo Sasek hat ein eigenes alternatives Medienimperium aufgebaut.

Das Schlimme daran: Für Sektenexperten ist die OCG nebst Scientology, mit der Kontakte bestehen, eine der gefährlichsten Sekten Europas, da sie antisemitische Verschwörungstheorien, Wissenschaftsleugnung und esoterische Lebenshilfe vermischt und mit ihrer Video-Produktion am Laufmeter weit über ihre relativ geringe Mitgliederzahl hinaus Menschen erreicht. Sasek warnt beispielsweise vor DNA-verändernder Zwangsimpfung und «allumfassender Weltdiktatur».

Die teils mit erheblichem Aufwand erstellten Videos kommen im Gewand seriöser Nachrichtensendungen daher und werden in den eigenen TV-Studios ehrenamtlich von Sektenmitgliedern produziert.

Die von KlaTV produzierten Videos verbreiten Fake-News, kommen aber auf den ersten Blick im Stil seriöser Nachrichtensendungen daher.
Die von KlaTV produzierten Videos verbreiten Fake-News, kommen aber auf den ersten Blick im Stil seriöser Nachrichtensendungen daher.

Der Krieg der Weltverschwörer

Mit Fake-News über das Coronavirus, einen angeblich geplanten Impfzwang oder Panikmache rund um das 5G-Netz werden Ängste geschürt, wovon die Absender schlussendlich selbst profitieren. Verunsicherte Menschen sind empfänglich für die Botschaft der Verschwörungsideologen. Das Coronavirus wird so von Sekten für ihre eigenen Ziele instrumentalisiert.

Im Grunde geht es bei Sasek und dem harten Kern der Querdenker immer um das Gleiche:

«Die Auflösung bestehender Staatssysteme und das Unglaubwürdigmachen bestehender, etablierter Medien ist bei Sasek Teil seines Krieges gegen moderne Demokratien.»
Anonymous

Saseks KlaTV füttert die Verschwörungs-Blase mit immer neuem Material. In den sozialen Medien werden die Fake-News von anderen Verschwörungsideologen, Esoterikern, radikalen Impfgegnern bis hin zu Rechtsextremen geteilt. So finden sie den Weg aus der Nische und können mehr Menschen als viele etablierte Medien erreichen. Das KlaTV-Video «DRINGENDER WECKRUF: Tausende sterben nach Corona-Impfung!» von Mitte April 2021 hat über zwei Millionen Aufrufe.

Operation Alufolie: Anonymous vs. OCG-Sekte

Anonymous-Aktivisten haben deshalb zum virtuellen Gegenschlag ausgeholt und unter anderem die Server der OCG-Sekte sowie des rechtsextremen Corona-Leugners Attila Hildmann gehackt. Bei mehreren Hacks wurden riesige Datenmengen abgezügelt und Interna veröffentlicht. Die Netzaktivisten schreiben auf Twitter, dass erst ein kleiner Teil des Materials über die OCG-Sekte ausgewertet sei.

Die Operation Tinfoil (Aluhut), so nennen die Hacker ihre Aktivitäten gegen Querdenker, ist nicht unumstritten. Die Aktivisten begründen ihre teils illegalen Taten mit der Gefahr für die Gesellschaft, die von Verschwörungserzählern ausgehe: «Sie sind vielleicht selbst nur kleine Figuren, widerliche Männeken, aber die Lügen, die sie verbreiten, bringen Menschen in Gefahr und spalten Gesellschaften», schreiben die Netz-Aktivisten.

Naidoo wittert die nächste Verschwörung

Zwar hat YouTube «Ich mach da nicht mit» umgehend gesperrt, aber der subtilere und somit wohl gefährlichere Song «Heimat» ist nach wie vor abrufbar. «Heimat» soll ein Dankeschön an die Leute sein, «die für dieses Land einstehen», schreiben Naidoo und sein Querdenker-Grüppchen.

Corona-Skeptiker sind gerührt und gratulieren Naidoo zu seinem «Mut». «Der Track gibt einem Mut und das Gefühl, nicht allein an der Front gegen eine totalitäre Staatsmacht zu stehen», schreibt ein Re­zen­sent auf Amazon. Ob ihm oder ihr bewusst ist, welche subversiven Kräfte tatsächlich dahinterstecken? Zumindest einigen, die nun die Corona-Schwurbler-Hymne «Heimat» trällern, dürfte nicht bewusst sein, dass sie so auch Rechtsextremen huldigen.

Auch Amazon hatte zunächst kein Problem damit, mit Songs aus der ultrarechten Ecke Geld zu verdienen. Brandbeschleuniger Naidoo grüsste in den Musik-Charts von Amazon tagelang von Platz eins. Inzwischen wurde der Song offenbar entfernt.

Dies zeigt: Die Mobilmachung konservativ-wissenschaftsfeindlicher Kräfte läuft und das Ende der Pandemie wird daran nichts ändern. Wenn Corona vorbei oder zumindest aus den Schlagzeilen ist, wird der harte Kern der sogenannten Querdenker ein neues Thema finden, um die Demokratie anzugreifen.

Vom Coronaleugner zum Klimaleugner ist es ein sehr kurzer Weg: Xavier Naidoo erklärte bereits, er werde keines seiner Autos wegen der seiner Ansicht nach betriebenen «Klimahysterie» verschrotten. Für den 49-Jährigen steckt hinter der Klimabewegung Fridays for Future (FFF) nämlich der Antichrist. Denn «F» ist der sechste Buchstabe im Alphabet, FFF ergibt 666, also Antichrist. Logisch.

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