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Im Netz kursieren Panik-Fotos gegen das 5G-Netz – das neuste Gerücht ist besonders abstrus

Um das neue Mobilfunknetz der fünften Generation ranken sich im Netz die irrsten Gerüchte. Neustes Beispiel: die 5G-Baumfäller-Theorie.



Fallen in Städten ganze Alleen dem 5G-Netz zum Opfer? Mit Fotos und Videos abgeholzter Bäume wird auf Facebook und YouTube das Gerücht verbreitet, wegen des 5G-Netzes würden heimlich über Nacht massenhaft Bäume gefällt, um Platz für Mobilfunk-Antennen zu schaffen. Manche Bäume müssten auch weichen, weil sie das 5G-Signal störten.

Als angeblichen Beweis werden solche Facebook-Posts verbreitet:

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Das Foto zeige eine Strasse in Amsterdam, an der angeblich sämtliche Bäume wegen des 5G-Netzes gefällt wurden.

Mussten hier tatsächlich massenhaft Bäume dem 5G-Netz weichen? Natürlich nicht. Für den Kahlschlag gibt es eine natürliche Erklärung. Die Bäume waren krank und werden durch neue ersetzt.

Dass es sich bei den Panikmachern eher nicht um Mobilfunkexperten handelt, lässt sich schon daran erkennen, dass sie von «G5-Antennen» schreiben (statt 5G). In die Welt gesetzt wird der Unfug von esoterischen Webseiten, die etwa mit Lichttherapie werben.

Die Webseite connectiv.events behauptet:

«Wir alle bemerken verwundert, dass entlang der Strassen und Autobahnen und in manchen Städten die Strassenbäume über Nacht grossflächig abgeholzt werden. Es gibt keine Benachrichtigung, keine Erklärung, nichts. Die Fällertrupps rücken einfach an, und bevor jemand etwas dagegen unternehmen kann oder Beschwerde einreichen, bevor Anwohner sich dagegen wehren können, sind die Bäume schon weg.»

Connectiv

Die Esoterik-Webseite schreibt weiter, dass es sich bei der Baumfäller-Theorie nicht um eine Verschwörungstheorie handle, da ein offizielles Informationsblatt der «G5-Industrie» (sic!) die Angelegenheit belege. Auch dies ist Quatsch, wie wir gleich sehen werden.

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Ein Facebook-Post stellt die Frage: «Werden unsere Bäume G5-Antennen geopfert?» screenshot: facebook / connectiv

Trittbrettfahrer, die von der geschürten Strahlenangst profitieren wollen, haben derzeit auf Facebook Hochkonjunktur: Sie werben etwa mit einer von Engeln gemachten «5G-Essenz», die unseren «feinstofflichen Körper» vor der 5G-Strahlung schütze.

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screenshot: facebook

Wer sich fragt, warum in seinem Facebook- oder YouTube-Feed immer mehr abstruse Horrorgeschichten über das 5G-Netz auftauchen, kann sich die Antwort leicht zusammenreimen: Esoteriker schüren Ängste und verkaufen ihren Opfern auch gleich das angebliche Gegenmittel.

Das steckt wirklich hinter den abgeholzten Bäumen

Die österreichische Webseite Mimikama, die regelmässig über Missbrauch und Falschmeldungen im Netz aufklärt, hat das oben gezeigte Foto mit den gefällten Strassenbäumen in Amsterdam überprüft.

Das Resultat ihrer Recherche: Das Foto zeigt tatsächlich eine Strasse in Amsterdam und die Bäume wurden tatsächlich vor kurzem gefällt – allerdings nicht, weil sie 5G-Antennen weichen mussten, sondern weil sie schlicht eingegangen waren. Die Bäume werden nun ersetzt.

Amsterdam gehört zu den grünsten Städten Europas und hat sogar eine Baumverordnung. Diese schreibt vor, dass jeder gefällte Baum durch einen neuen ersetzt werden muss. Auf einer interaktiven Karte lässt sich nachverfolgen, wo ein Baum gefällt wurde bzw. wo in naher Zukunft ein neuer gepflanzt wird.

Auch das Dokument der «G5-Industrie», das angeblich empfiehlt, Bäume dem 5G-Netz zu opfern, hat sich Mimikama genauer angeschaut. Das Ergebnis:

«Im kompletten Papier ist nicht ein einziger Satz zu lesen, in dem vorgeschlagen wird, die Bäume in den Städten zu fällen! Dies wäre auch ziemlicher Unsinn, da die Häuser ein weitaus grösseres Hindernis für das 5G-Signal sind, als die Bäume.»

Mimikama

Bei besagtem Dokument handelt es sich um ein White Paper zum 5G-Standard der renommierten britischen University of Surrey. Es wurde, wie von den Esoterikern angedeutet, in Zusammenarbeit mit Vertretern der Mobilfunkbranche verfasst und wird von diesen für ihre Öffentlichkeitsarbeit genutzt. Im ganzen Dokument geht es aber nur am Rande um Bäume. Die Autoren empfehlen in ländlichen Gebieten, wo sich weitaus mehr und höhere Bäume befinden, höhere Masten zu errichten, die aber das Landschaftsbild nicht zu sehr stören dürften.

Das Tückische an den Gerüchten der Esoteriker: Sie enthalten Spuren von Wahrheit, was ihnen Glaubwürdigkeit verleihen soll. So stimmt etwa, dass das 5G-Netz zusätzliche Antennen braucht (was auch beim stetig laufenden Ausbau des 4G-Netzes der Fall ist). Doch weder für 4G noch für 5G werden alte, prächtige Alleen abgeholzt. Dies würde schlicht keinen Sinn machen, da es ganz andere Lösungen gibt: In Städten werden kleine, leistungsschwache Mobilfunkantennen beispielsweise schon heute unauffällig als Schachtdeckel getarnt im Boden gebaut. Kleinantennen sind insbesondere in Innenstädten notwendig, wo besonders viele Menschen gleichzeitig das Handy-Netz nutzen.

Es stimmt auch, dass Bäume das 5G-Netz stören könnten. Dies gilt aber nur bei extrem kurzwelligen Frequenzen, die weder heute noch in den nächsten Jahren für das 5G-Netz genutzt werden. Solche extrem kurzwelligen Frequenzen würden zudem von jeder Hauswand, jeder Glasscheibe und jedem anderen Hindernis geblockt.

Dass die 5G-Industrie nachts heimlich «Fällertrupps» losschickt, um ganze Alleen zu bodigen, gehört ins Reich der Ammenmärchen. Dies hindert Facebook-Nutzer nicht daran, weiter Fotos von abgeholzten Bäumen zu posten, welche die angebliche 5G-Verschwörung beweisen sollen. Mimikama hat mehrere dieser Fotos untersucht und kommt zum Schluss: «In keinem Fall wurden die Bäume einfach so gefällt. Es gab immer eine Begründung: Weil dort Bauarbeiten stattfanden, weil die Strasse verbreitert wurde oder weil es Sturmschäden an den Bäumen gab.»

(oli)

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