Fall Collien Fernandes: «Täter haben oft zwei Gesichter»
Über Jahre suchte die deutsche Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes nach der Person, die in ihrem Namen Fake-Profile betrieb und sexualisierte Inhalte veröffentlichte. Sie ging davon aus, dass der Täter von ausserhalb kommen müsse. Doch es war ihr eigener Mann, Christian Ulmen, sagt sie und hat Anzeige gegen ihn erstattet. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Angesichts des Falls von Collien Fernandes und Christian Ulmen fragen sich derzeit viele: Wie kann man sich im eigenen Mann/Partner so stark täuschen?
Simone Eyemann: Das ist die falsche Frage, weil sie die Verantwortung umkehrt. Sie suggeriert, die betroffene Person wäre schuld, weil sie es «nicht gemerkt» hat. Aber genau diese Verdrehung darf nicht passieren. Mich erinnert der Fall stark an jenen von Gisèle Pelicot, wo ebenfalls gefragt wurde, wie man so lange mit jemandem zusammenleben und nichts merken könne. Aber dort wurde etwas Entscheidendes gesagt: Die Scham muss die Seite wechseln. Deshalb sollte die Frage nicht lauten: «Warum hat sie es nicht gemerkt?», sondern: «Warum hat er das getan?»
Wie erklären Sie das sich?
In solchen Beziehungen geht es fast immer um Macht und Kontrolle. Digitale Gewalt ist dabei keine völlig neue Gewaltform, sondern eine Erweiterung bestehender Muster. Sie verstärkt das, was ohnehin schon da ist – emotionale Gewalt, Kontrolle, Manipulation, im Extremfall auch physische Gewalt. Gleichzeitig wird durch die Digitalisierung alles schneller, extremer und schwerer kontrollierbar. Deepfakes lassen sich heute in Sekunden erstellen. Es gibt Tools und Plattformen, mit denen selbst Laien ohne besondere Fähigkeiten und Erfahrung solche Inhalte generieren können. Früher brauchte man dafür teure Software wie Photoshop und entsprechendes Know-how. Heute reicht ein Screenshot aus einem Zoom-Meeting oder ein Bild von LinkedIn, um täuschend echte, sexualisierte Inhalte zu erzeugen.
Wie verbreitet ist das?
Wir haben in der Schweiz noch keine belastbaren Zahlen, aber internationale Studien geben Hinweise. In nur elf Tagen wurden allein auf Grok im Dezember 2025 über drei Millionen sexualisierte Deepfakes erstellt. Darunter etwa 23'000 mit Minderjährigen. Das sind rund 190 Bilder pro Minute. Mehr als 80 Prozent der Anfragen zur Erstellung stammen von männlichen Nutzern. Und eine australische Studie zeigt: Rund 70 Prozent der Täter sind aktuelle oder ehemalige Partner.
Was hören Sie von Betroffenen?
Täter haben oft zwei Gesichter. Nach aussen wirkt alles normal: eine funktionierende Beziehung, gemeinsame Kinder, ein stabiles Leben. Doch innerhalb der Beziehung herrschen Kontrolle, Eifersucht und Manipulation bis hin zu Gaslighting.
Was bedeutet das?
Gaslighting bedeutet, dass die Realität systematisch verdreht wird. Oft beginnt das mit ganz kleinen Dingen. Eine Betroffene hat uns erzählt: Sie deckte den Tisch und ihr Partner räumte ihn wieder ab, als sie kurz wegging. Er behauptete dann, sie habe den Tisch gar nie gedeckt. Solche scheinbar banalen Situationen bringen Menschen dazu, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Über längere Zeit macht das etwas mit ihnen. Sie beginnen zu glauben, sie seien selbst schuld, übertreiben oder irren sich. Betroffene verlieren das Vertrauen in sich selbst. Und genau das macht es so schwer, die Situation zu erkennen oder sich daraus zu lösen. Gerade in langjährigen Beziehungen ist das besonders schwierig. Wenn man gemeinsam ein Leben aufgebaut hat, vielleicht Kinder hat und auch nach aussen als Paar funktioniert, passt diese Realität nicht zu dem, was tatsächlich passiert.
Welche Folgen hat digitale Gewalt für Betroffene?
Die Folgen sind gravierend: massive psychische Belastung, oft mit traumatischen Auswirkungen. Dazu kommen Reputationsschäden, beruflich und privat. Ein zentraler Punkt ist auch der sogenannte «Empathy Gap».
Was meinen Sie damit?
Bei physischer Gewalt reagieren Menschen aus dem Umfeld eher: Das ist schlimm, da ist jemand verletzt. Bei digitaler Gewalt hört man oft: «Lösch die Bilder doch einfach.» Aber so einfach ist es nicht. Die Inhalte sehen real aus, verbreiten sich rasend schnell, werden heruntergeladen, weiterverbreitet, tauchen auf Plattformen hinter Logins auf – und bleiben dort. Das macht die Situation für Betroffene extrem belastend, weil sie die Kontrolle darüber verlieren, wo diese Bilder auftauchen.
Was raten Sie den Betroffenen?
Den Partner bei einem Verdacht direkt zu konfrontieren, ist oft schwierig. Dann beginnt häufig die typische Dynamik: Leugnen, Umkehren, Beschwichtigen. Deshalb raten wir, sich Unterstützung von aussen zu holen. In der Schweiz gibt es anonyme, kostenlose und vertrauliche Opferhilfestellen, die auf Beziehungsgewalt spezialisiert sind. Gleichzeitig ist es wichtig, technisch schnell zu handeln.
Wie?
Inhalte müssen gemeldet werden, bevor sie sich weiterverbreiten. Es gibt spezialisierte Meldestellen: Für Kinder und Jugendliche etwa clickandstop.ch oder das internationale System «Take It Down». Auch bei Fedpol gibt es ein Meldeformular für entsprechende Inhalte. Erwachsene können Fälle über die Plattform Stop NCII melden. Diese arbeitet mit digitalen Fingerabdrücken, sogenannten Hashes, um die weitere Verbreitung zu verhindern. Wichtig ist auch, Beweise zu sichern. Das heisst, nicht einfach alles zu löschen, sondern zu dokumentieren.
Für rechtliche Schritte?
Ja. Denn in der Schweiz gibt es bereits rechtliche Grundlagen, etwa für unbefugtes Weiterleiten sexueller Inhalte, Identitätsmissbrauch oder Persönlichkeitsverletzungen. Allerdings muss man sagen, dass die Strafverfolgung in der Praxis oft schwierig ist. Vor allem dann, wenn Täter anonym sind oder im Ausland sitzen. Es gibt erste Ansätze zur Plattformregulierung, aber Deepfakes sind bislang nicht explizit geregelt. Hier besteht aus meiner Sicht noch Nachholbedarf.

