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Wie sich Vergewaltiger im Netz organisieren und gegenseitig anspornen

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Häusliche Gewalt

Wie sich Vergewaltiger im Netz organisieren und gegenseitig anspornen

In Foren und Chat-Gruppen tauschen sich Zehntausende Männer über geplante oder verübte sexuelle Übergriffe aus. Wie kann das sein? Drei Experten ordnen ein.
04.05.2026, 20:3404.05.2026, 20:34
Natasha Hähni
Natasha Hähni

Als sich Gisèle Pelicot vor knapp zwei Jahren dazu entschied, ihren Fall öffentlich zu machen, löste sie damit eine Welle der Entrüstung in Frankreich und weit über die Grenzen hinaus aus. Ihr früherer Ehemann und 50 weitere Männer waren angeklagt, weil sie die jeweils betäubte Frau vergewaltigt hatten. Dominique Pelicot hatte seine Ehefrau auf einer Online-Plattform anderen Männern angeboten. Statt sich zu verstecken, sagte Gisèle während des weltweit verfolgten Prozesses, die Scham müsse «die Seite wechseln».

Alle angeklagten Männer wurden verurteilt – die meisten erhielten Haftstrafen. Dominique muss 20 Jahre ins Gefängnis. Die Website, auf der er Videos der Vergewaltigungen hochlud, wurde vom Netz genommen. Nun könnte man die Geschichte als Horror-Kapitel abtun – abstrakt, aussergewöhnlich, einmalig. Die Monate nach dem Gerichtsprozess im französischen Avignon legen jedoch einen anderen, düsteren Schluss nahe.

Photo illustration to accompany story on online pornography and its effect on marriages. (John Albert/Wichita Eagle/Tribune News Service via Getty Images)

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Zehntausende User befinden sich zum Teil in einer Chat-Gruppe. (Symbolbild)Bild: Tribune News Service

Zuletzt veröffentlichte der US-Sender CNN eine Recherche zu einer globalen «Vergewaltiger-Akademie». Über 20'000 Videos von «sleep content» wurden auf der Website motherless.com geteilt. Die Bezeichnung steht für Videos von bewusstlosen Frauen, die vergewaltigt werden. Die Pornoseite, die sich als «moralisch neutrale Plattform» bezeichnet, verzeichnete allein im Februar 2026 rund 62 Millionen Besuche.

Die Videos werden mit Tags wie #ohnmächtig oder #augenkontrolle ausgewiesen. Letzteres beschreibt das Vorgehen einiger Männer, um zu beweisen, dass die gezeigte Frau wirklich bewusstlos ist und sich nicht nur schlafend stellt. Dafür werden ihre Augenlider aufgehalten.

Eine Telegram-Gruppe mit dem Namen «Zzz» hat laut der Recherche rund 1000 Mitglieder. Die teilen nicht nur offen Videos von Vergewaltigungen, sie tauschen sich auch darüber aus, mit welchen Mitteln sie ihre Frauen am besten betäuben können, wann der beste Zeitpunkt dafür ist und sie gehen zum Teil während Live-Streams ihrer Taten auf Wünsche anderer Mitglieder ein.

Schon vor einem Jahr veröffentlichten die deutschen Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh ihre Recherche mit dem Titel «Im Vergewaltiger-Netzwerk auf Telegram» im Reportageformat «Strg_F» des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Darin decken sie mehrere Chatgruppen und Plattformen auf, auf denen Bilder und Videos von sexualisierter Gewalt an bewusstlosen Frauen geteilt und verherrlicht werden. Darunter eine Telegram-Gruppe mit über 70'000 Mitgliedern.

Die Reportage findest du hier 👇

Besprochen werden auch hier Tipps für sexuelle Übergriffe: «Ich würde liebendgern auf dem Gesicht meiner Freundin kommen, wenn sie schläft. Was kann ich zu Hause benutzen, damit sie sicher durchschläft? Bin neu dabei», schreibt ein Nutzer. Ein anderer schlägt ihm daraufhin Betäubungsmittel vor.

Die Männer in den Gruppen kommen aus der ganzen Welt. Die Recherchen lösten mehrere Ermittlungen aus. In einigen Fällen kam es zu Verurteilungen. Ein Fall führte in die Schweiz, wo ein Mann laut der Journalistinnen Ende Mai 2025 in Untersuchungshaft sass.
Wer sind die Täter? Wie funktionieren solche Netzwerke? Und wie können die Taten oft jahrelang unbemerkt im Netz geteilt werden? Drei Experten geben Auskunft:

Die Täter

Der Kriminologe Dirk Baier bezweifelt, dass es sich um ein völlig neues Phänomen handelt. «Das Internet und Darknet wirken aber als eine Art Beschleuniger», sagt er. Gelangen Personen mit einem Grundinteresse an solchen Taten in Chatgruppen wie «Zzz», könne man von einer Form von Radikalisierung sprechen. Illegales Verhalten wird normalisiert. Dadurch erscheine es ihnen zunehmend legitim, Dinge zu tun, «die sie sonst wahrscheinlich nie getan haben», sagt Baier.

Kriminologe Dirk Baier ZHAW

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Kriminologe Dirk Baier: «Das sind oft Männer aus der gesellschaftlichen Mitte, ohne klare Auffälligkeiten.»Bild: zvg

Beim Täterbild unterscheidet der ZHAW-Professor zwei Gruppen: die zentralen Akteure und die «Kunden». Bei der ersten Gruppe sei ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, ein starkes Besitz- und Dominanzdenken, sowie eine Verdinglichung von Menschen auffällig. «Es fehlt an Empathie, das Verhalten ist hochgradig egoistisch.»

Bei den Kunden sei das Bild anders. «Das sind oft Männer aus der gesellschaftlichen Mitte, ohne klare Auffälligkeiten», so Baier. Eine Gemeinsamkeit sei jedoch häufig ein negatives Frauenbild, eine gewisse Abwertung und Dominanzhaltung gegenüber Frauen. «Studien zeigen, dass solche Einstellungen relativ verbreitet sind. Viele dieser Männer glauben, ein Recht auf Sex zu haben», sagt er. Die Frage, ob die Frau damit einverstanden ist oder nicht, werde dabei ausgeblendet. Baier ergänzt: «Die Frau wird als Besitz betrachtet, über den verfügt werden kann.»

Warnzeichen zu erkennen, sei in solchen Fällen schwierig. Erkenntnisse aus der Forschung zu häuslicher Gewalt würden aber typische Muster aufzeigen: Beziehungen, die sehr schnell intensiv werden, ein zunehmendes Kontrollverhalten, die Einschränkung sozialer Kontakte und die daraus resultierende soziale Isolation «können Hinweise darauf sein, dass sich eine gefährliche Entwicklung anbahnt», so der Experte.

Wie schwierig es ist, diese Warnzeichen zu erkennen, zeigt die NDR-Recherche. Berichtet wird dort über Nils, der im Jahr 2006 erste Fotos seiner bewusstlosen Frau Marlene online gestellt hatte (beide Namen geändert). Davon erfahren hat sie erst, als die Polizei im Oktober 2024 nach mehreren Hinweisen der beiden Investigativjournalistinnen das Haus des Ehepaars durchsuchte. In den Monaten davor betäubte und vergewaltigte Nils seine Frau im Schnitt alle zwei Wochen.

Im ersten Moment dachte Marlene, dass es sich um einen Irrtum handelt, wie sie dem NDR erzählte. Erst, als sie auf der Polizeistation Auszüge von Chats ihres Mannes mit anderen Nutzern las, sei ihre Liebe für ihn in Verachtung umgeschlagen. «Er hat sich regelrecht feiern lassen mit seinen Videos, geschrieben, dass er mir Ohrfeigen gegeben hat. So sehr, dass ich den nächsten Tag über Kopfschmerzen geklagt hätte», so Marlene im Interview.

Die Opfer

Dass Menschen wie Marlene erst nicht glauben wollen, dass ihr Mann sie über Jahre misshandelte, erstaunt Psychotherapeutin Didem Ekrem nicht: «Das Gehirn schützt die Bindung vor der objektiven Realität.» Es entsteht eine kognitive Dissonanz: Das Bild einer liebevollen Partnerin oder eines liebevollen Partners passt nicht zur Tat, sagt sie.

Oberpsychologin Didem Ekrem Psychotherapeutin

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Oberpsychologin Didem Ekrem: «Wenn das Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht stimmt, sollte man dem nachgehen.»Bild: zvg

Entsprechend sei es viel schwieriger, das anzunehmen oder zu verstehen. «Unser Gehirn kann die Bedrohung neurologisch ausblenden, weil man die Beziehung aufrechterhalten möchte. Das ist ein Schutzmechanismus, der besonders bei nahestehenden Personen greift», so Ekrem. Dass Betroffene erst glauben, dass etwas geschehen ist, wenn sie konkrete Spuren sehen, sei also kein Zeichen von Naivität, sondern eine sehr normale Reaktion auf eine extreme emotionale Verletzung.

Wegen des Vertrauensverhältnisses sei auch das Erkennen von Warnzeichen schwierig. Dennoch sei Vorsicht bei gewissen Hinweisen angebracht. Dazu zählen Schlafstörungen, Angst, unerklärliche Schmerzen, zerrissene Kleider, Müdigkeit oder Benommenheit. «Wichtig ist, solche Veränderungen ernst zu nehmen und nicht zu ignorieren», sagt Ekrem. Sie leitet die Station für Traumafolgestörungen der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG). Auch dem Umfeld könne auffallen, wenn jemand nicht mehr so ist wie sonst. Grundsätzlich gelte: «Wenn das Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht stimmt, sollte man dem nachgehen.»

Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt

Unter häuslicher Gewalt versteht man körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt innerhalb einer Familie oder in einer aktuellen oder aufgelösten Paarbeziehung. Betroffene können sich bei den kantonalen Opferhilfestellen melden, die auf der Website der Opferhilfe Schweiz zu finden sind. Seit Mai 2026 existiert zudem die nationale Opferhilfe-Telefonnummer 142.

Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft. Weitere Unterstützung bietet das Frauen-Nottelefon. Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden. Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.

Neu kannst du dich auch schweizweit an die 📞 Notrufnummer 142 wenden.

Die Folgen solcher Taten sind weitreichend. Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt, dass zwölf Monate nach dem Ereignis 71 Prozent der Betroffenen depressive Symptome und 68 Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung aufweisen.

Umso wichtiger sei die Sensibilisierung auf gesellschaftlicher Ebene, sagt Ekrem. «Prävention kann über Sensibilisierungskampagnen, auch im digitalen Raum, erfolgen. Themen wie Cybergewalt oder Internetkriminalität gewinnen an Bedeutung. Es ist wichtig, dass diese Themen in der Gesellschaft stärker ankommen», so die Traumatherapeutin.

Die Folgen

Soziale Medien spielen eine enorme Rolle bei der Verbreitung von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, sagt Maïté Meeus. «Aber sie sind nicht die Ursache, sondern ein Spiegel der Gesellschaft», so die Aktivistin. Sie setzt sich seit Jahren gegen sexualisierte Gewalt an Frauen ein. Im vergangenen Jahr zählte Forbes Belgien sie wegen ihrer Arbeit zu den «30 unter 30» im Land.

Die frauenverachtenden Ideen seien nicht neu. «Heute verstärken Algorithmen diese Inhalte massiv», sagt sie. Dazu komme der Einfluss von Pornografie, die oft Gewalt, Machtgefälle oder Tabubrüche darstellt. «Junge Menschen wachsen mit Inhalten auf, in denen Konsens kaum eine Rolle spielt. Das prägt ihr Verständnis von Sexualität.»

Aktivistin Maïté Meeus Belgien

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Aktivistin Maïté Meeus: «Viele Frauen fühlen sich mittlerweile überall unsicher.»Bild: zvg

Der Fall Pelicot sei ein Wendepunkt gewesen, sagt Meeus. «Er hat gezeigt, dass Täter nicht der ‹Fremde in der dunklen Gasse› sind, sondern der eigene Ehemann sein kann.» Das bestätigen auch die Zahlen des Bundes: In Bezug auf sexualisierte Gewalt waren im 2025 rund ein Viertel der Beschuldigten in keiner oder unbekannter Beziehung mit dem Opfer. Knapp die Hälfte der Beschuldigten war entweder Verwandte, Bekannte oder in einer Beziehung mit dem Opfer.

«Viele Frauen fühlen sich mittlerweile überall unsicher – beim Ausgehen, beim Dating, selbst in Beziehungen», sagt Meeus. Das sei eine normale Reaktion. Die Folgen für Betroffene sind massiv, wie sie sagt: langfristige Traumata, Depressionen, Suizidversuche. «Das ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch ein gesellschaftliches und gesundheitspolitisches.»

Umso wichtiger sei es also, das Problem früh anzugehen: Etwa mit Bildung zu Konsens und Empathie in Schulen. Solche Programme gibt es aktuell schon in Dänemark. «Das gibt mir Hoffnung», sagt Meeus. Denn Frauen seien müde – auch wegen der defensiven Haltung von Männern beim Thema: «Natürlich wissen wir, dass nicht alle Männer Täter sind. Aber alle Männer bewegen sich in einer patriarchalen Kultur, die entweder Täterverhalten ermöglicht, passives Zuschauen begünstigt oder zumindest kein aktives Gegensteuern fordert.»

Im Fall Pelicot gab es unterdessen eine weitere Wendung: Die Plattform, auf der Dominique Pelicot seine Ex-Frau anderen Männern anpries, ist laut Behörden unter neuem Namen wieder online. Meeus sagt: «Die Empörung ist längst nicht gross genug.»

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