Der Fall Collien Fernandes: Es gilt das Prinzip Wut!
Es ist der 11.12.2024. Das ZDF zeigt die zweiteilige Dokumentation Deepfake-Pornos: Missbrauch im Netz. Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes und die Investigativ-Journalistin Marie Bröckling gehen darin auf die Suche nach erotischen Deepfakes von Ulmen-Fernandes. Nach Bildern und Pornofilmen. Die Recherche führt sie quer durch Europa zu immer clandestineren Anbietern, sie lernen, mit welchen Tools Deepfakes hergestellt werden und wohin das Geld fliesst.
Sie unterhalten sich mit Experten wie dem Medienanwalt Christian Schertz über die unbefriedigende Rechtslage. Schertz bezeichnet die Taten als «eine mediale Vergewaltigung». Und Ulmen-Fernandes fragt sich, was die Motivation dahinter sein könne, sie im Netz zu erniedrigen, sich als sie selbst auszugeben, mit ihrer Stimme Telefongespräche mit interessierten Männern zu führen. Statt einer Lösung fördert die Recherche noch mehr Verunsicherung zutage. Je länger sich die beiden Frauen damit beschäftigen, desto unheimlicher wird der digitale Übergriff.
Am 25.12.2024 gesteht Christian Ulmen, der Ehemann von Collien Ulmen-Fernandes und Vater der gemeinsamen Tochter, dass er hinter den Deepfakes, manipulierten Fotos und Sextelefongesprächen steckt. So erzählte es Collien Fernandes, wie sie seit der Scheidung im Februar 2026 wieder heisst, vergangene Woche in einer grossen «Spiegel»-Reportage. Noch gilt die Unschuldsvermutung für Christian Ulmen. Sein Anwalt ist Christian Schertz.
Die Solidarität mit Fernandes war sofort da und sie ist riesig. Die Geschichte ist allzu ungeheuerlich. Allzu grauenhaft ist die Vorstellung, dass der nächste und liebste Mensch jahrelang Tauschhandel mit ihr getrieben hat, sie anderen Männern angeboten hat, sie erniedrigt und sich dabei auch noch als sie selbst ausgegeben hat. Dass er sie als Besitz behandelt haben soll, über den er nach Belieben verfügen konnte. Meine Frau, meine Hure.
So, wie Dominique Pelicot seine Frau an andere Männer verkauft hatte. Auch sie wusste nichts davon. Weil sie schlief. Auch Collien Fernandes schlief. Nicht, weil sie betäubt war wie Pelicot, doch sie schlief den Schlaf der Unwissenden. Bis andere Männer sie mit ihren digitalen Doppelexistenz konfrontierten. Männer, die sich zuvor an der vermeintlich verfügbaren Prominenten aufgegeilt hatten. Doch als Fernandes ihre Dokumentation drehte, war Dornröschen erwacht und wurde gefährlich. So, wie Gisèle Pelicot vor Gericht ihrem Mann und allen, die sie missbraucht hatten, gefährlich wurde.
Pelicot, Ulmen, Epstein, der Ex-Prinz Andrew, der norwegische Halb-Prinz Marius Borg Høiby ... lauter weisse Männer, mit Ausnahme von Pelicot alle von ihnen übermässig privilegiert ... Sie alle zogen unendlich viel Lust daraus, Frauen zu erniedrigen. Und Pelicot, Ulmen, Epstein, Andrew nutzten die Erniedrigung, um darüber mit anderen Männern in Kontakt zu treten.
Die Grundlage, auf der unsere Gesellschaft gebaut ist, ist noch immer eine homosoziale. Frauen raufen sich zusammen, wenn sie verzweifelt sind. Wenn sie sich zur Demonstration gegen Frauenhass zusammenfinden. Männer raufen sich zusammen, weil sie dies eh am liebsten tun. Weil sie sich so Bestätigung holen. Ganz egal, wie alt oder jung einer ist. Der Thrill ist nicht die Frau, die ist bloss Mittel zum Zweck. Der Thrill sind die anderen Männer. Jedem seine Manosphere. Da fühlen sich Täter gut aufgehoben und sicher.
Die Nachrichten über Frauenhass häufen sich noch immer. Zum Glück häuft sich auch der Widerstand der Frauen. Gisèle Pelicot und Collien Fernandes, so ihre Vorwürfe denn stimmen, sind zähe Kämpferinnen gegen den Bleiregen der totalen Frustration. Sie haben alle Bedenken, alle Furcht und unnötige Scham in den Wind geschlagen und gehandelt. Nach dem Prinzip Mut.
Und was ist die Reaktion? Nur wenige Tage nach den Enthüllungen von Fernandes fordern Medien vom «Spiegel» über die «Welt», die «taz» bis zum «Rolling Stone» etc., dass frau jetzt wirklich nicht dem Männerhass oder dem «Heteropessimismus» anheimfallen dürfe. Dass sie vielmehr die Care-Arbeit der Grosszügigkeit und Toleranz leisten solle, denn die Männer, ja, die Männer, nicht die Frauen, die seien jetzt echt verunsichert und hätten es echt schwer, die wüssten ja gar nicht mehr, was sie sagen dürfen. Man müsse sie dringend wieder aus dem Schweigen der Männer erlösen.
Bezeichne sich einer von ihnen als Feminist, dann halte man ihn eh für einen selbstgefälligen Hochstapler. Aber dass es keinen Spass mache, seinen Feminismus als Mann einfach in aller Normalität zu leben, nicht darüber zu sprechen und nicht dafür belohnt zu werden, müsse man schon auch verstehen. Und: Ja keine Vorverurteilung des einst so beliebten Bro-Bären Christian Ulmen! Ja keine mediale Hysterie! Ambiguitätstoleranz ist das Zauberwort!
Meine Güte! Beziehungsweise: meine Fresse, euer Ernst?! Was zum Teufel haben wir Frauen euch Männern angetan, um so behandelt zu werden? Ist es, weil wir euch geboren haben, ist es der Gebärmutterneid? Nein! Es gibt keinen Grund! So wie es für uns keinen Grund gibt, euch zu vergewaltigen, zu betäuben, anderen Frauen anzubieten. Und apropos Schweigen der Männer: Nötig wäre doch, dass sich mal einer der Täter hinstellt und in aller Öffentlichkeit sagt: Mea culpa, ja, ich bin schuld und es tut mir unendlich leid. Ohne dass er dafür Applaus erwartet. Macht aber keiner. Bis dahin gilt das Prinzip Mut. Wenn man das M auf den Kopf stellt, wird Wut daraus.
