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Bei einem schweren Verlauf der Lungenkrankheit Covid-19 werden Patienten künstlich beatmet.
screenshot: srf /quelle: ZDF

Elon Musk spielte Corona-Gefahr lange herunter – darum will er nun Beatmungsgeräte bauen

Tesla-Chef Elon Musk hat die Bedrohung durch COVID-19 mehrfach relativiert. Doch jetzt stehen seine Elektroauto-Werke in den USA still. Tesla und andere Autobauer wollen daher nun dringend benötigte Beatmungsgeräte herstellen. Doch wie soll das gehen?



Spitäler rüsten auf. Es ist ein weltweiter Wettlauf gegen die Corona-Welle. Gefragt sind vor allem Beatmungsgeräte und Verbrauchsmaterial wie Beatmungsschläuche und Kanülen für Geräte, die das Blut mit Sauerstoff anreichern. Denn bei einem schweren Verlauf der Lungenkrankheit Covid-19 müssen Patienten künstlich beatmet werden. Das betrifft nicht nur ältere Menschen. In den Intensivstationen werden mit der raschen Ausbreitung des Coronavirus auch immer mehr 40- bis 50-jährige Patienten eingeliefert, die beatmet werden müssen.

Die US-Autohersteller General Motors, Tesla und Ford haben nun angeboten, ihre Produktion umzustellen, um in der Corona-Krise dringend benötigte Beatmungsgeräte zu bauen. Das geschieht keineswegs aus reiner Nächstenliebe. Autobauer auf der ganzen Welt mussten ihre Produktion in den letzten Tagen einstellen oder massiv herunterfahren, da die Lieferketten unterbrochen sind. Darum haben in England beispielsweise auch Jaguar-Landrover und Toyota angeboten, statt Autos Medizingeräte für Spitäler herzustellen. Die klassischen Produzenten kommen mit der Produktion nicht nach, da sich vor allem Europa und die USA im grossen Stil mit Beatmungsgeräten eindecken.

Das Problem: Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise könnten nicht nur Beatmungsgeräte Mangelware sein, es wird vor allem an Pflegepersonal fehlen. Bevor also die Materialien ausgehen, dürfte es es zu Engpässen in der Versorgung der schwerkranken Corona-Patienten kommen. Einerseits sind für eine solch aussergewöhnliche Krise zu wenig Pflegekräfte in der Intensivpflege geschult, andererseits wird das Coronavirus voraussichtlich auch unter dem Spitalpersonal zu Ausfällen führen. Die Bilder wiederholen sich. Zuerst in China, dann in Italien, nun im Tessin: Die Spitäler kommen vor allem wegen dem überlasteten Pflegepersonal an den Anschlag.

Die Autobranche als edler Retter in der Not?

Das deutsche Techportal Golem schreibt: «GM-Chefin Mary Barra will leere Fabrikräume im Rahmen einer Art Mobilmachung umwidmen. Das geschieht normalerweise bei einer Umstellung einer zivilen Industrie auf eine Kriegswirtschaft. Zuletzt wurde dies in den USA im Zweiten Weltkrieg gemacht.»

Auch Tesla-Chef Elon Musk, der in den letzten Tagen und Wochen immer wieder als Corona-Skeptiker in Erscheinung trat, bietet nun auf Twitter an, in seinen stillgelegten Fabriken Beatmungsgeräte herzustellen, aber nur, «wenn ein Mangel herrsche». Angesichts des offensichtlichen Mangels gab es dafür viel Kritik.

Die öffentlich kommunizierten Hilfsangebote der Autohersteller können als Bewerbungsschreiben um Regierungsaufträge verstanden werden. GM, Tesla, Ford etc. wollen ihre Werke irgendwie am Laufen halten und wissen, dass nun Dutzende Länder händeringend neue Beatmungsgeräte suchen. Allein in New York müssen in sehr kurzer Zeit bis 18'000 Geräte einsatzbereit sein, um eine Tragödie zu verhindern. Weltweit werden bald Zehntausende Beatmungsgeräte gebraucht. In diesen Krisenzeiten wäre dies vermutlich ein gutes Nebengeschäft für die von der Corona-Pandemie hart getroffene Autoindustrie.

New Yorks Bürgermeister will von Musk Beatmungsgeräte kaufen

GM, Tesla und Ford haben eine Ansage gemacht, nun müssen sie liefern. Können sie das nicht, werden sie gegrillt, sobald Hunderte, Tausende oder mehr in den US-Spitälern sterben, weil Beatmungsgeräte fehlen.

Können Tesla und Co. wirklich helfen?

Auf den ersten Blick könnten die Autohersteller tatsächlich in die Bresche springen. Hunderte oder Tausende Spitäler auf der ganzen Welt brauchen dringend Beatmungsgeräte und die Autohersteller haben freie Kapazitäten. Kommt hinzu: Bei Autobauern wie Tesla und insbesondere bei Musks Raumfahrtfirma SpaceX dürfte dafür durchaus Expertise vorhanden sein. Musk schreibt auf Twitter: «Tesla stellt Autos mit hochentwickelten hvac-Systemen (Heizung, Lüftung, Klimatechnik) her. SpaceX produziert Raumfahrzeuge mit Lebenserhaltungssystemen. Beatmungsgeräte bauen ist nicht schwierig, wir können sie aber nicht sofort produzieren.»

Und genau hier liegt die Krux: Denn «auf den zweiten Blick bleibt die Frage im Raum, woher die Baupläne für die Beatmungsgeräte kommen sollen», wie golem.de schreibt. Schliesslich würden Medizingeräte von kommerziellen Herstellern gebaut, «die zudem besonders strengen Qualitätsauflagen unterliegen.» In der Tat sind geeignete Beatmungsgeräte in Intensivstationen ausgeklügelte Maschinen, die branchenfremde Firmen nicht ohne Weiteres in kürzester Zeit produzieren können, wie Infektiologe Huldrych Günthard vom Unispital Zürich in der Corona-Spezialausgabe der Tagesschau durchblicken liess.

Selbst wenn Autofirmen Beatmungsgeräte bauen könnten, kommt dies für die jetzt anrollende Corona-Welle vielleicht schon zu spät. Viren warten bekanntlich nicht, bis auch allfällige rechtliche Fragen (Patente, Haftung) ausgeräumt sind. Die Autobauer lassen die entscheidende Frage, wie sie ihre Fabriken in nützlicher Frist umrüsten wollen, offen. Am Freitag sagte ein Arzt im Interview mit dem TV-Sender MSNBC, er habe mit Musk gesprochen und dieser habe ihm gesagt, dass seine Fabriken «wahrscheinlich in acht bis zehn Wochen» mit der Produktion von Beatmungsgeräten beginnen könnten.

Erschwerend kommt hinzu: Selbst an einem Beatmungsgerät haben schwer erkrankte Corona-Patienten schlechte Heilungschancen, wie die dramatischen Szenen in italienischen Spitälern mit bislang über 4000 Toten zeigen.

Wenn ein Covid-19-Patient beatmet werden muss, sind seine Überlebenschancen gering

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Patienten in Cremona werden in Bauchlage beatmet. Bei Menschen mit Lungenentzündung funktioniert das gut, nicht aber bei Covid-19-Kranken. Die Ärzte in Italien sind ratlos. screenshot: srf

Im Schnitt müssten Schwer­kran­ke 14 Tage lang beatmet werden, sagte Philip Tarr, Co-Chefarzt des Kantonsspitals Baselland am Donnerstag. Ihre Überlebenschancen liegen dann insgesamt bei rund 50 Prozent. Da sie sehr lange beatmet werden müssen, ist ein Engpass bei den Beatmungsgeräten vorprogrammiert. In Italien sind geeignete Geräte schon seit längerem Mangelware. Die Folge sind solche Bilder.

Italiens Militär transportiert Corona-Tote aus Bergamo ab

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In der Provinz Bergamo in Norditalien steigt die Anzahl Tote derart schnell an, dass das Krematorium nicht mehr nachkommt. Deshalb muss das Militär die Opfer nun in andere Städte bringen. bild: twitter/@tancredipalmeri

Auf dem Höhepunkt der Corona-Welle dürfte es in zahlreichen Ländern an Beatmungsgeräten mangeln. Nicht nur wegen Corona-Patienten, sondern weil es auch Herzinfarkte weiterhin gibt. Die Schweiz ist intensiv damit beschäftigt, weitere Geräte zu beschaffen. Weltweit gibt es aber nur eine Handvoll grosser Anbieter, die rasch mehrere Tausend Geräte liefern könnten.

Die Initiative der Autofabrikanten könnte im besten Fall viele Leben retten. Klar ist auch: GM, Tesla, Ford und Co. bringen sich just dann als edle Retter ins Spiel, wenn ihre Fabriken stillstehen.

Doch die Autobranche kann auch helfen, wenn sie keine Beatmungsgeräte baut: In Deutschland etwa spenden Volkswagen und Daimler den Spitälern Hunderttausende Atemschutzmasken aus den eigenen Beständen, die sie wegen der ruhenden Produktion nicht brauchen. Auch Tesla will US-Spitälern rasch Schutzmasken spenden.

Sheriff stoppt Musk

Der Elektroautopionier wollte eigentlich in diesen Tagen das neue SUV-Modell Y in den USA ausliefern. Am Montag aber haben die Behörden in Kalifornien ein Machtwort gesprochen: Wie mehrere europäische Länder verhängten sie für die Region um Fremont, in der Teslas grösste Fabrik steht, eine dreiwöchige Ausgangssperre. Nur noch die notwendigsten Aktivitäten sind erlaubt, sprich nur «essenzielle Betriebe» wie Supermärkte oder Arztpraxen dürfen offen bleiben. Teslas Hauptwerk hätte somit am Dienstag schliessen müssen, die Fabrik lief aber zunächst weiter.

Die lokale Polizei vermeldete darauf via Twitter, direkt an Tesla gerichtet, dass Autos fabrizieren keine «essenzielle Tätigkeit» sei.

«Tesla ist nach der Gesundheitsanweisung des Alameda Counties kein unverzichtbarer Betrieb», sagte ein Sprecher des Sheriffs am Dienstag. Nach einigem hin und her einigten sich Tesla und die Behörden laut Buzzfeed News darauf, dass im Tesla-Werk statt wie üblich 10'000 noch maximal 2500 Angestellte arbeiten dürfen. Autos aber dürfen keine mehr produziert werden. Hingegen seien Administrationsarbeiten erlaubt, etwa um die Lohnabrechnungen zu machen, stellten die lokalen Behörden klar. Tesla hingegen machte geltend, dass auf US-Bundesebene auch Autohersteller als kritische Infrastruktur zählen würden. Die Bürger bräuchten «Zugang zu Transport und Infrastruktur, und wir sind essenziell dafür, ihn bereitzustellen.» Man wolle daher den Betrieb und die Verkaufsläden weiter geöffnet halten und auch weiterhin Autos ausliefern.

Vollständige Ausgangssperre in Kalifornien stoppt Tesla endgültig

Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hat am Donnerstag eine vollständige Ausgangssperre für den gesamten Bundesstaat erlassen. Zuvor schrieb er in einem Brief an Trump, er rechne mit über 25 Millionen Coronavirus-Infektionen im US-Westküstenstaat, falls keine drastischen Massnahmen ergriffen werden. Knapp 60 Prozent der Bevölkerung könnten sich in den nächsten acht Wochen mit dem Virus anstecken. In einigen Teilen Kaliforniens würden sich die Fallzahlen alle vier Tage verdoppeln.

Erst dies brachte Tesla zum Einlenken. «Wir halten uns an die gesetzlichen Vorschriften», teilt das Unternehmen des Tech-Milliardärs nun mit. Die Zwangspause gilt ab dem 23. März. Auch in seiner Fabrik in New York wird die Fertigung vorübergehend gestoppt. Die Arbeiten für die Gigafactory 4 bei Berlin laufen derweil weiter.

Elon Musk: «Meine ehrliche Meinung ist, dass die Panik mehr Schaden anrichtet als das Virus selbst.»

Tesla and SpaceX Chief Executive Officer Elon Musk listens to a question as he speaks at the SATELLITE Conference and Exhibition in Washington, Monday, March 9, 2020. (AP Photo/Susan Walsh)
Elon Mush

Tesla-Chef Elon Musk ist einer der prominentesten Corona-Skeptiker. Bild: AP

Teslas Zaudern im Kampf gegen das Coronavirus kommt wenig überraschend: Firmenchef Musk spielte die Bedrohung durch das Virus wiederholt herunter. Er wehrte sich bis zuletzt gegen die faktische Schliessung seiner Hauptfabrik im kalifornischen Fremont, obwohl auch dort das Virus wütet.

Noch am Montag schrieb er in einer E-Mail an die Belegschaft, die der «Los Angeles Times» vorliegt: «Meine ehrliche Meinung ist, dass die Panik mehr Schaden anrichtet als das Virus selbst.» Seine Aussage wiederholte er öffentlich auf Twitter. Letzte Woche liess er die Angestellten seiner Raumfahrtfirma SpaceX per E-Mail wissen, dass die Gefahr, bei der Autofahrt nach Hause zu sterben, grösser sei, als das Risiko an COVID-19 zu sterben. Das mag sein, aber ganz offensichtlich vergleicht er Äpfel mit Birnen, wenn er Corona-Tote mit der Zahl der jährlichen Todesfälle durch Autounfälle in den USA vergleicht: «Es gibt etwa 36'000 tödliche Autounfälle im Vergleich zu bislang 36 tödlichen Covid19-Fällen», schrieb Musk an seine Mitarbeiter. Musk kam daher in der Rundmail an seine Belegschaft zum Schluss, dass das Virus nicht zu den 100 grössten Gesundheitsrisiken in den USA gehöre. Wenige Tage später (Stand 20. März) gibt es bereits 217 Corona-Todesfälle in den USA.

Ärzte widersprechen Musk energisch: Das Virus verbreitet sich exponentiell und die Sterblichkeit ist um Faktoren höher als bei der normalen Grippe.

Musk spielt die Gefahr des Coronavirus weiter herunter und wird dafür selbst von seinen grössten Fans kritisiert.

Corona-Panik ist tatsächlich kein guter Ratgeber. Verharmlosung ebenfalls nicht.

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