Russische Zensur: Wenn der Futterautomat der Katze für Videocalls zweckentfremdet wird
Seit Monaten zieht der Kreml die Zügel immer straffer. Die Liste teilweise oder gänzlich gesperrter Messenger-Dienste wird immer länger und VPNs werden eingeschränkt, während die staatliche Mega-App «Max» zunehmend alternativlos wird.
Über Max kann man miteinander chatten, Karten wie bei Google Maps abrufen oder auch Behörden-Gänge digital erledigen – alles vor der virtuellen Nase des Kremls.
Seit mehreren Wochen sind die beliebtesten Messenger-Dienste Telegram und Whatsapp nun durch die staatliche Medienaufsicht Roskomnadzor offiziell gesperrt. Die Sperre ist anscheinend nicht überall aktiv, wie watson aus privaten Quellen weiss, können in Kaliningrad etwa einige Menschen auch noch Whatsapp ohne VPN nutzen.
Dennoch gilt für die meisten: Max nutzen oder Umwege finden. Viele Bürger:innen sind dadurch gezwungen, kreativ zu werden.
Russen chatten über Schach- und Dating-Apps oder Duolingo
Eine der überraschendsten Alternativen ist in den vergangenen Wochen die Nutzung von Online-Schach-Apps, wie das Portal «Meduza» schreibt. Spieler:innen können sich dort nicht nur gegenseitig herausfordern, sondern auch über integrierte Chat-Funktionen Nachrichten austauschen.
Diese Methode funktioniert laut «Kommersant» auch bei anderen Programmen. Dating-Apps und sogar die Chat-Funktion von Duolingo würden als zumindest vorerst offene Kommunikationskanäle genutzt.
Video-Calls über Haustier-Futterautomaten
Eine noch viel kuriosere Idee hatte kürzlich eine Moskauerin, die auf Bali lebt. Ihre Eltern und sie nutzten, wie ein von ihr hochgeladenes Video auf Instagram zeigt, den Futterautomaten ihrer Katze, um zu telefonieren.
Die Katze war zwar irritiert, doch die Methode funktionierte.
Wie «Meduza» schreibt, ging das Video viral und in den Kommentaren darunter wurde fleissig gebrainstormt, welche weiteren Haushaltsgeräte sich für Anrufe eignen könnten.
Saugroboter mit Sprachfunktion
Auch Saugroboter wurden vorgeschlagen, um sie als Kommunikationsmittel zweckzuentfremden. Einige Modelle sind mit Kameras, Mikrofonen und Lautsprechern ausgestattet, die eigentlich für Hinderniserkennung und Sprachbenachrichtigungen gedacht sind. Die Funktionen lassen sich aber auch für Gespräche zweckentfremden.
Gemeinsame Online-Dokumente
Textnachrichten lassen sich indes auch über Online-Dokumente austauschen, die zur gemeinsamen Bearbeitung freigegeben sind. Plattformen wie Google Docs oder Yandex würden von Russ:innen genutzt werden, um Nachrichten direkt in Dokumenten zu hinterlassen.
Ebay Kleinanzeigen wird zum Chat
Die Chatfunktion bei Ebay Kleinanzeigen ist in Deutschland berühmt-berüchtigt. Veröffentlichte Unterhaltungen über die Plattform mit potenziellen Käufer:innen und Verkäufer:innen führten in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Memes.
Dennoch sind derartige Marktplatz-Apps in Russland nützlich – solange sie denn freigeschaltet bleiben. Laut «Meduza» nutzte eine Frau aus St. Petersburg etwa den Dienst Avito, um über eine Fake-Anzeige mit ihren Freund:innen zu chatten – bis die Plattform die Anzeige löschte, da sie gegen die Regeln verstiess.
VPNs: Die klassische Lösung bleibt beliebt
Trotz der kreativen Alternativen bleibt die Nutzung von VPNs die effektivste Methode, um die Sperren zu umgehen. Mit einem VPN können Nutzer:innen ihre IP-Adresse verschleiern und so weiterhin auf blockierte Dienste wie Telegram und Whatsapp zugreifen.
Viele Russ:innen setzen auf diese Technologie, um ihre digitale Freiheit zu bewahren, auch wenn VPN-Verbindungen zunehmend vom Kreml unterbunden werden. Doch wie man anhand der kreativen Ideen sieht, stellt das kein grösseres Problem für viele Bürger:innen dar.
