VW krempelt den ID.3 gründlich um
Es wirkt zunächst ein wenig absurd: Während Volkswagen aktuell seine Modellstrategie umstellt – vor allem bei den Elektroautos – und dabei stärker auf vertraute Bezeichnungen setzt, bleibt ausgerechnet das Facelift des ID.3 aussen vor. Aus dem ursprünglich als ID.2 geplanten Kleinwagen wird der ID. Polo, sein SUV-Bruder ID. Cross lehnt sich namentlich eng an den T-Cross mit Verbrennungsmotor an. Das Kompaktmodell ID.3 hingegen, das seit 2020 auf den Strassen unterwegs ist, bekommt lediglich einen Zusatz und heisst künftig ID.3 Neo. Woran liegt das? Schliesslich hätte man in diesem Zuge aus ihm auch einen ID. Golf machen können. Wir gehen auf Spurensuche.
Neuer ID.3 Neo …
… und der erste ID.3 von 2020.
Der wichtigste Grund dafür liegt wohl im Design. Einerseits haben die Entwickler viel Energie in die Neugestaltung der Frontpartie gesteckt. Ein durchgehendes Leuchtenband, schmalere Scheinwerfer und eine neu geformte Frontschürze rücken den ID.3 näher an die aktuellen und kommenden Modelle der Marke wie ID. Polo und ID. Cross. Der leicht «glubschäugige» Look, der bislang eher an eine Studie aus den Achtzigerjahren erinnerte, ist damit Geschichte. Auch das Heck wurde überarbeitet, die Heckklappe ist nun in Wagenfarbe lackiert statt in Schwarz.
Doch vor allem der Blick auf die Seitenlinie zeigt deutlich, dass der ID.3 noch aus einer anderen Designgeneration stammt: aus einer Zeit, in der Elektroautos bei Volkswagen bewusst futuristisch und auffällig wirken sollten. Hier hat sich kaum etwas verändert. Während VW betont, künftig auf klarere und ruhigere Formen zu setzen, bleibt beim ID.3 Neo eine Fensterlinie, die ein wenig an eine Badewanne erinnert. Um das grundlegend zu ändern, wären deutlich grössere Eingriffe nötig gewesen.
Revolution im Innenraum
Einen deutlich grösseren Entwicklungsschritt macht der Innenraum. Hier ist wohl die grösste Veränderung zu finden, die den ID.3 spürbar in Richtung aktueller Volkswagen-Modelle zieht.
Volkswagen hat das Cockpit vollständig neu aufgebaut. Statt einfacher Materialien und wenig intuitiver Bedienung gibt es jetzt eine klar strukturierte Armaturentafel, neue Stoffbezüge, zwei grössere Displays und eine Schalterleiste unterhalb des zentralen Bildschirms.
Die Mittelkonsole wurde neu gestaltet und beinhaltet nun einen klassischen Lautstärkeregler.
Das Lenkrad wurde ebenfalls überarbeitet und setzt wieder auf gut bedienbare Tasten statt reiner Touchflächen. Insgesamt wirkt der Innenraum deutlich hochwertiger und näher an dem, was viele Kunden von der Marke erwarten. Inklusive vier statt bisher zwei Schalter in der Tür zur Bedienung der elektrischen Fensterheber. Die Kritik am bisherigen ID.3 – insbesondere an Materialien und Bedienkonzept – greift Volkswagen damit direkt auf. Neu sortiert hat VW zudem die Ausstattungslinien: Statt «Pure», «Pro» und «Pro S» gibt es künftig die bekannten Bezeichnungen «Trend», «Life» und «Style».
Neue Technik, neuer Antrieb
Auch bei der Technik legt der Hersteller nach. Zum Einsatz kommt ein neues Infotainmentsystem mit integriertem App-Store. Zusätzlich lässt sich ein Retro-Modus aktivieren, der die Anzeigen an frühere Golf-Modelle anlehnt. Neu ist ausserdem das One-Pedal-Driving: Lässt der Fahrer das Fahrpedal los, verzögert das Fahrzeug so stark, dass es bis zum Stillstand abbremsen kann. Hinzu kommen neue Assistenzsysteme wie eine Ampelerkennung, bei der das Auto automatisch vor roten Ampeln oder Stoppschildern stoppt.
Technisch überarbeitet wurde auch der Antrieb. Im ID.3 Neo arbeitet eine neue Motoren-Generation mit der Bezeichnung APP350. Sie ist effizienter als bisher und stellt sicher, dass die Reichweite trotz gleicher Batteriegrössen steigt. Insgesamt stehen drei Leistungsstufen und drei Batteriegrössen zur Wahl: 125 kW (170 PS), 140 kW (190 PS) und 170 kW (231 PS). Bei den Batterien sind 50, 58 und 79 kWh erhältlich. Je nach Version sind bis zu 630 Kilometer Reichweite möglich, rund 25 Kilometer mehr als bisher.
Fazit: Eine wichtige Weiterentwicklung
Der ID.3 Neo ist ein deutlich weiterentwickeltes Fahrzeug – aber eben noch kein ID. Golf. Dafür ist der Abstand zum Verbrenner-Pendant, vor allem beim Design, weiterhin zu gross. Gleichzeitig zeigt sich, in welche Richtung sich die Marke bewegt: mehr Klarheit im Design, mehr klassische Bedienung und eine stärkere Orientierung an bekannten Modellnamen. Und warum heisst er nicht einfach ID. Neo? Aus VW-Kreisen heisst es, dass man die Kunden nicht mit kompletten Namenswechseln verwirren wolle, auch mit Blick auf die Zukunft:
Denn es deutet sich an, dass der Name ID. Golf nicht dauerhaft beerdigt ist. Mit der kommenden Plattform SSP, die gegen Ende des Jahrzehnts eingeführt werden soll, plant Volkswagen den nächsten Technologiesprung mit schnellerem Laden, mehr Software und erweiterten Assistenzfunktionen. In diesem Zeitraum soll auch der Golf 8 durch einen Nachfolger abgelöst werden. In diesem Umfeld wäre auch ein ID. Golf deutlich naheliegender als heute.
Und wie geht es mit den anderen Modellen weiter? Beim ID.5 verdichten sich die Hinweise, dass er perspektivisch entfallen könnte. Für den ID.4 steht ein neuer Name im Raum, bestätigt ist das jedoch nicht.
Und ob aus dem Elektro-Kombi ID.7 irgendwann ein ID. Passat wird, ist ebenfalls offen.

