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Diese russischen Militärs stecken hinter Raketenangriffen auf Zivilisten

October 18, 2022, Kyiv, Ukraine: Emergency services tackle a fire after shelling. According to reports, two people were killed and one injured in three Russian strikes that hit an energy infrastructur ...
Feuer nach einem Raketenangriff – nun haben Investigativ-Journalisten eine geheime russische Militäreinheit ausfindig gemacht und prangern die Mitglieder an.Bild: imago/watson

«Killer mit Fernbedienung»: Journalisten decken geheime russische Raketen-Einheit auf

Das Recherche-Kollektiv Bellingcat prangert russische Militärangehörige als «Remote Control Killers» an. Sie sollen hinter den verheerenden Raketenangriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung stecken.
25.10.2022, 11:0526.10.2022, 13:26
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Nach aufwendigen Recherchen haben europäische Investiga-tivjournalisten enthüllt, wer hinter den Raketenangriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung steckt. Die zum Generalstab der russischen Streitkräfte gehörenden Fachleute werden mit Namen und Bild in einem aktuellen Enthüllungsbericht gezeigt. Dies könnte weitreichende Folgen haben.

«Haben Sie sich jemals gefragt, wie russische Marschflugkörper ihren Weg auf ukrainische Spielplätze, Kraftwerke und Wohnhäuser finden?»
Eliot Higgins, Gründer von Bellingcat

Was ist passiert?

Ein europäisches Journalisten-Kollektiv hat eine «geheime Gruppe russischer Ingenieurinnen und Ingenieure» aufgedeckt, die massgeblich an den Raketenangriffen auf zivile Infrastrukturen in der Ukraine beteiligt war. In einem am Montagabend publizierten Enthüllungsbericht werden die Verantwortlichen mit Namen und Foto gezeigt.

Der britische Journalist Eliot Higgins, Gründer der Recherche-Plattform Bellingcat, twitterte, es sei an der Zeit, das Team kennenzulernen, das hinter dem gezielten Einsatz russischer Raketen auf zivile Infrastrukturen stehe.

«Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie russische Marschflugkörper ihren Weg auf ukrainische Spielplätze, Kraftwerke und Wohnhäuser finden?»
«Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie russische Marschflugkörper ihren Weg auf ukrainische Spielplätze, Kraftwerke und Wohnhäuser finden?»screenshot: twitter/eliothiggins

Was haben die angeprangerten Personen getan?

Die russischen Militärangehörigen sollen für die Durchführung zahlreicher mit Marschflugkörpern geführter Attacken verantwortlich sein, bei denen Hunderte Zivilistinnen und Zivilisten in der Ukraine getötet und Millionen ohne Heizung oder Strom zurückgelassen wurden.

«Im Gegensatz zu ihren Militärkollegen, von denen die meisten in der Nähe der Front zumindest einem gewissen persönlichen Risiko ausgesetzt sind, arbeiten diese jungen Leute von sicheren Kommandozentralen in Moskau und St.Petersburg aus und scheinen ihr Leben ohne Beeinträchtigung durch einen Krieg zu führen, in dem sie eine entscheidende Rolle spielen.»

Bellingcat bezeichnet die Verantwortlichen innerhalb der russischen Armee als «Remote Control Killers». Dies, weil sie nicht an der Front in der Ukraine kämpfen, sondern die Raketenangriffe von Russland aus ermöglicht haben.

«Trotz Hunderter frei zugänglicher Bilder und Videos, die den Flug und die tödliche Wirkung von Marschflugkörpern zeigen, ist nur wenig darüber bekannt, wer genau für die Festlegung ihrer Ziele und die Programmierung ihrer Flugbahnen verantwortlich ist.»
quelle: twitter

Warum ist das wichtig?

Dazu schreibt Bellingcat:

Die Zuordnung der Programmierung der Flugbahn dieser Waffen ist von Bedeutung, da der absichtliche oder wahllose Beschuss ukrainischer Zivilisten und ziviler Infrastrukturen potenzielle Kriegsverbrechen darstellen könnte.
quelle: twitter

Laut Bericht geht es um die grössten koordinierten Raketenangriffe seit Beginn des Krieges:

  • Am 10. Oktober 2022 bombardierte Russland die grössten Städte der Ukraine mit Raketen, wobei gemäss Angaben der ukrainischen Behörden mindestens 20 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt wurden.
  • Die Raketenangriffe wurden am nächsten Tag fortgesetzt, wobei am 11. Oktober mindestens 28 Raketen gestartet wurden. Die Einschläge führten dazu, dass viele Zivilisten in Kiew, Lemberg, Winnyzja und Dnipro keinen oder nur sporadischen Zugang zu Elektrizität hatten.
  • Am 17. Oktober wurden die Marschflugkörperangriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine fortgesetzt.
  • Am Morgen des 18. Oktober wurden in mindestens drei ukrainischen Städten neue Raketenangriffe gemeldet. Diese «Attacken auf zivile Gebäude und kritische zivile Infrastruktur» würden als potenzielle Kriegsverbrechen durch internationale Strafermittler untersucht, heisst es.
Überreste einer russischen Kalibr-Rakete.
Überreste einer russischen Kalibr-Rakete, die in der ukrainischen Stadt Konotop einschlug.Screenshot: bellingcat.com

Es geht aber auch um länger zurückliegende Attacken.

«An einem einzigen Tag im Juli sollen bei Marschflugkörperangriffen auf die Stadt Winnyzja 27 Zivilisten getötet worden sein. Diese Angriffe, die nichtmilitärische Ziele trafen, deuten darauf hin, dass die Raketen entweder nicht ihrer vorprogrammierten Flugbahn gefolgt sind, dass das Zielen auf fehlerhaften Geheimdienstinformationen beruhte oder dass der zivile Schaden beabsichtigt war.»
quelle: bellingcat.com

In mindestens zwei Fällen im April und Anfang Juni seien russische Marschflugkörper zudem «gefährlich tief» über ukrainische Kernkraftwerke geflogen. Dadurch habe das Risiko eines nuklearen Unfalls im Falle einer Fehlzündung oder herabfallender Trümmer bestanden.

Wie wurden die mutmasslichen Täter ausfindig gemacht?

In einer sechsmonatigen Untersuchung, die Bellingcat mit renommierten Partnern durchführte. An den Recherchen waren die russische Enthüllungsplattform The Insider sowie das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» beteiligt.

Die entsprechenden Namen konnten nur herausgefunden werden, weil recherchierende Journalistinnen und Journalisten Zugriff auf Quellen in Russland hatten. So werteten sie etwa russische Telefon-Metadaten aus, die zeigten, dass die Kontakte zwischen diesen Personen und ihren Vorgesetzten kurz vor den Raketenangriffen zunahmen.

Christo Grozev, Leiter der Russland-Ermittlungen bei Bellingcat, verrät im «Tages-Anzeiger»-Interview:

Zu Beginn hatten wir lediglich Listen mit Namen Hunderttausender russischer Soldaten und Offiziere. Das sind so viele, dass die Information an sich wertlos ist. Aber wir stiessen hinter einigen Namen auf eine Abkürzung: GVC. Wir fanden heraus, dass die drei Buchstaben für «Zentrales Rechenzentrum» standen. Dann sahen wir uns auf einer anderen Liste die Anzahl der Telefongespräche einiger Personen mit GVC genauer an und entdeckten, dass sie auffallend viele Gespräche mitten in der Nacht oder am frühen Morgen geführt hatten. Und zwar an jenen Tagen, an denen Kaliber-Raketen zivile Ziele in der Ukraine getroffen hatten. Jeweils kurz vor und kurz nach dem Abschuss der Raketen. Das konnte kein Zufall sein.
quelle: tages-anzeiger.ch

So konnte die Identität von 33 Militäringenieuren mit einer Ausbildung und einem beruflichen Hintergrund in der Raketenprogrammierung aufgedeckt werden.

Über die minutiöse Auswertung der Telefondaten sei es auch möglich gewesen, die Kommandostruktur der an den Angriffen beteiligten Gruppe herauszuarbeiten.

Die Befehlskette

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  • Die ranghöchsten Vertreter sprachen gemäss Bellingcat-Bericht nur mit dem Chef der Gruppe, Oberstleutnant Bagnyuk, der wiederum mit Ingenieuren sprach, die sich mit drei Typen von Marschflugkörpern auskennen.
  • Dieses Kommunikationsmuster sei mehrfach festgestellt worden, bevor «Operationen» (sprich: Angriffe) mit diesen Waffen durchgeführt wurden.

Wer sind die «Killer mit Fernbedienung»?

Die vier jüngsten von Bellingcat identifizierten Mitglieder der Gruppe seien erst 24 Jahre alt.

Gemäss den Recherchen wurden die technischen Vorarbeiten für die Raketenangriffe – Berechnung und Programmierung – von zwei Standorten in Russland aus geleistet:

«Eine befindet sich im Hauptquartier des Verteidigungsministeriums in Moskau und eine weitere im Hauptquartier der Admiralität in St. Petersburg – sie ist tief im riesigen ‹Hauptrechenzentrum des Generalstabs› der russischen Streitkräfte vergraben, das oft mit ГВЦ (GVC) abgekürzt wird.»

Der Hintergrund der Militäringenieure, die für das GVC arbeiteten, sei vielfältig. Es handle sich sowohl um Personen, die ihre gesamte Karriere in der Armee oder Marine verbrachten und eine Wehrtechnik-Spezialisierung erhalten hätten, als auch um junge Menschen, die aus zivilen Berufen rekrutiert wurden – in der Regel seien das IT-Fachleute.

Bellingcat-Enthüllung: Telefon-Metadaten zeigen, dass die Kontakte zwischen diesen Militärangehörigen und ihren Vorgesetzten kurz vor den russischen Marschflugkörpern zunahmen.
Dieses Foto aus dem Jahr 2013 wurde Bellingcat zur Verfügung gestellt, gemäss Bericht von einem nicht namentlich genannten Mitglied der für die Raketenangriffe verantwortlichen Einheit.Screenshot: Bellingcat

Einige arbeiteten gemäss Bellingcat-Recherchen zwischen 2016 und 2021 in der militärischen Kommandozentrale Russlands in Damaskus. Also in einem Zeitraum, in dem Russland in Syrien Marschflugkörper einsetzte. Andere seien Träger verschiedener militärischer Auszeichnungen, unter anderem habe auch Wladimir Putin Orden verliehen.

Was sagen die angeschuldigten Personen?

Ein ranghoher russischer Militär, der von einem recherchierenden Reporter telefonisch kontaktiert wurde, habe sofort aufgelegt, als er erfuhr, mit wem er sprach.

Im Bellingcat-Bericht wird betont, man habe sich «an jedes identifizierte Mitglied der russischen Einheit» gewandt und eine Reihe von Fragen gestellt. Unter anderem wollten sie wissen, wer die Ziele (in der Ukraine) auswählte und ob die zivilen Opfer das Ergebnis eines Rechenfehlers oder eines absichtlichen Angriffs auf die Zivilbevölkerung seien.

Alle bis auf zwei der anderen Militäringenieure hätten entweder gar nicht auf Anrufe und SMS reagiert, ausdrücklich abgestritten, für die russischen Streitkräfte zu arbeiten, oder bestritten, überhaupt zu wissen, was das GVC sei.

«Einige bestritten, zu wissen, was das GVC ist, obwohl ihnen Fotos gezeigt wurden, auf denen sie in Militäruniform mit GVC-Abzeichen posieren.»
quelle: bellingcat

Ein Ingenieur habe seine Zugehörigkeit zu der Gruppe nicht geleugnet, aber angegeben, dass er die Fragen nicht beantworten könne, ohne sich selbst zu gefährden.

Ein anderes Mitglied habe den recherchierenden Journalisten unter Zusicherung von Anonymität «Hintergrundinformationen» zukommen lassen, wie die Gruppe mit der Programmierung der Raketen-Flugbahnen beauftragt war.

Dieser Informant habe auch mehrere Fotos ihres Kommandanten, Oberstleutnant Igor Bagnyuk, mit Bellingcat geteilt. Sowie ein Bild, das die «Berechnungsgruppe» zeigt, wie sie vor dem Verteidigungsministerium in Moskau posiert.

Stimmt das wirklich?

Die Faktenlage erscheint erdrückend.

Bellingcat hat einen international hervorragenden Ruf, was frühere Untersuchungen zu Putins Russland betrifft.

Das russische Regime versucht seit Jahren erfolglos, die journalistische Arbeit der Bellingcat-Mitglieder zu diskreditieren. Mit Online-Propaganda und Desinformation wird versucht, Zweifel an den Enthüllungen zu säen. Doch die gut vernetzten Bellingcat-Rechercheure arbeiten transparent und belegen ihre Untersuchungen mit entsprechenden Fakten, müssen aber auf umfassenden Quellenschutz achten.

An den monatelangen Recherchen zur russischen Raketenangriffsgruppe war auch die unabhängige russische Investigativ-Plattform The Insider beteiligt.

Wer ist Bellingcat?

Eine in den Niederlanden ansässige Gruppe für investigativen Journalismus, die sich auf Faktenprüfung und Open-Source-Intelligence (OSINT) spezialisiert hat. Bellingcat wurde 2014 vom britischen Journalisten und ehemaligen Blogger Eliot Higgins gegründet und hat schon verschiedentlich mit Berichten zu Kriegsverbrechen für Aufsehen gesorgt. Die erste grosse Untersuchung des Recherche-Netzwerks betraf den Abschuss von Flug 17 der Malaysia Airlines in der Ukraine, für den russische Separatisten verantwortlich sind.

Die jüngsten Enthüllungen hat die Öffentlichkeit dem bulgarischen Investigativ-Journalisten und Autor Christo Grozev zu verdanken. Bei Bellingcat ist er «leitender Ermittler für Russland» und konzentriert sich «auf Sicherheitsbedrohungen, extraterritoriale Geheimoperationen und die Nutzung von Informationen als Waffe». Seine Ermittlungen zur Identität der Verdächtigen der Nowitschok-Vergiftungen 2018 in Grossbritannien brachten ihm und dem Bellingcat-Team den Europäischen Preis für investigativen Journalismus ein.

Russland verbietet Recherche-Plattformen
Russland hat im Juli 2022 mehrere westliche Medien und Nichtregierungsorganisationen für unerwünscht erklärt – auch Recherche-Plattformen, die Skandale um die russische Führung aufgedeckt haben.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau setzte «The Insider», Bellingcat (Grossbritannien) und Stichting Bellingcat (Niederlande) sowie das Institut für Rechtsinitiativen in Zentral- und Osteuropa aus Tschechien auf eine Schwarze Liste, wie die Agentur Interfax berichtete.

«The Insider» – geleitet vom russischen Chefredaktor Roman Dobrochotow – und Bellingcat arbeiteten bei mehreren Enthüllungsgeschichten zusammen, die Aufsehen erregten. Dazu zählen die versuchten Vergiftungen des übergelaufenen russischen Agenten Sergej Skripal und des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny sowie der Abschuss einer Passagiermaschine über der Ukraine 2014. (sda)

Quellen

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65 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Guerzo
25.10.2022 11:18registriert Februar 2016
Vielen Dank Bellingcat für diese wichtige Arbeit! Die Russen müssen erfahren, dass sie nicht anonym agieren können.
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Lafayet, der gelöschte
25.10.2022 11:22registriert Juli 2022
Das ist aber schön, dass nun JEDER weiss, wer es getan hat. Keine einzige ruhige Minute mehr, dieser Mörderbande... Jetzt können sie mal lernen, wie es ist ständig bedroht zu werden bzw. viele Freunde so zu verlieren!
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banda69
25.10.2022 12:33registriert Januar 2020
Menschen wie Du und ich.

Zumindest äusserlich. Tagsüber töten sie Kinder, Frauen und Männer die sie nicht kennen. Und zerstören die Lebensgeundlage von Millionen. Ob sie das mit einem Feierabendbier feiern? Oder ihre Kinder in die Arme nehmen und stolz von ihrer täglichen Arbeit erzählen?

Wie wird man so?
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