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GIS Arta: So funktioniert die heimliche «Superwaffe» der Ukraine

«Schiessen und abhauen»: Selbstfahrende Geschütze wie die Panzerhaubitze 2000 beziehen ihre Feuerstellung erst unmittelbar vor dem Einsatz und verlassen die Stellung nach dem Feuern sofort wieder, um  ...
«Schiessen und abhauen»: Selbstfahrende Geschütze wie die Panzerhaubitze 2000 beziehen ihre Feuerstellung erst unmittelbar vor dem Einsatz und verlassen die Stellung nach dem Feuern sofort wieder, um nicht ins Gegenfeuer zu geraten. Die Schiessbefehle gibt's per App. screenshot: youtube
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So funktioniert die heimliche «Superwaffe» der Ukraine – und das sagen ihre Entwickler

24.07.2022, 06:3813.08.2022, 10:32
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Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, läuten beim Journalisten die Alarmglocken. Umso gespannter war ich, was meine Recherchen zu einer viel gepriesenen «Wunderwaffe» der ukrainischen Armee ergeben würden.

GIS Arta. So lautet der Name einer App, die nicht weniger als das «Uber der Artillerie» sein soll und die russischen Invasoren angeblich das Fürchten lehrt. Im Mai machten erste sensationell klingende Meldungen im Internet die Runde.

Weil das Satelliten-Internet des umtriebigen Milliardärs Elon Musk eine zentrale Rolle spielt, war vom «ersten Starlink-Krieg der Geschichte» die Rede. Blogger und Journalisten weltweit griffen das Thema auf. Und dann schrieb auch das Nachrichtenmagazin «Spiegel» von einer «Blitzkrieg-App».

watson hat die Entwickler kontaktiert und aufschlussreiche Antworten erhalten. Diese fliessen in die im Folgenden präsentierten wichtigsten Fakten zu GIS Arta ein.

Eine App, um sie alle zu vernichten?

Internet-Nutzerinnen und -Nutzer im Westen, die den Ukraine-Krieg am Bildschirm verfolgen, dürstet es nach «Good News». Der heroische Abwehrkampf der Überfallenen gegen die russischen «Orks» stösst auf riesiges Interesse.

Da verwunderte es nicht, dass Schilderungen über eine bis dato unbekannte ukrainische Spezial-Software, ein «Uber der Artillerie», weltweit für Schlagzeilen sorgten.

Auslöser war Trent Telenko, ein Amerikaner und gebürtiger Ukrainer. Bei Twitter beschrieb der unabhängige Militärbeobachter im Mai, wie die ukrainische Artillerie dank einer selbstentwickelten App blitzschnell und präzise zuschlage.

Der Name der Software: GIS Arta.

Telenko hatte schon zuvor mit Twitter-Analysen zum Ukraine-Krieg für Aufsehen und weltweite Reaktionen gesorgt. Etwa mit seinen Überlegungen zu den russischen Militär-Lastwagenreifen, die in desolatem Zustand waren. Und nun widmete er sich also GIS Arta in einem ellenlangen Thread und strich dabei die Rolle von Elon Musk hervor.

Sein Fazit: Die ukrainische Armee lehre im «ersten Starlink-Krieg» Russland das Fürchten. Das von den Amerikanern lancierte Satelliten-Breitband-Internet ermögliche «einen einzigartigen Kampfstil im 21. Jahrhundert».

Die logische Folge: Social-Media-User, Blogger und Journalisten griffen die sensationell klingenden Schilderungen Telenkos auf und verbreiteten die Geschichte weiter.

Das Problem: Die Berichte sprühten vor Begeisterung, entfernten sich aber von der Realität. Zudem fanden sich im Web wenig unabhängige Quellen und gesicherte Fakten zu GIS Arta, zumindest auf Englisch, so dass einige Berichterstatter die ukrainische App zur Wunderwaffe hochstilisierten.

Schliesslich sahen sich die GIS-Arta-Macher selber zu einer Stellungnahme auf ihrer Facebook-Seite veranlasst.

«Liebe Journalisten

In den letzten Tagen wurden Artikel über ‹GIS Arta› in verschiedenen Medien veröffentlicht, angefangen mit einem Twitter-Thread eines amerikanischen Militärexperten.

Einige von Ihnen haben uns klärende Fragen gestellt, aber die meisten haben die Artikel Ihrer Kollegen einfach übersetzt oder nacherzählt und Details aus Ihrer eigenen Vorstellung hinzugefügt. Nach ein paar weiteren ‹Übersetzungen› stellt sich heraus, dass das moderne Informationssystem in der Lage ist, den Krieg zu gewinnen, auch ohne die Beteiligung der Streitkräfte!

Bleiben wir innerhalb der Grenzen der Antworten, die Sie erhalten haben, ohne zu übertreiben, und wenn Sie übersetzen, dann richtig.»
Posting vom 17. Mai 2022.quelle: facebook/gis.arta

An dieser Stelle ist anzumerken, dass watson die Entwickler von GIS Arta am Vortag per E-Mail kontaktiert und ihnen einen umfangreichen Fragenkatalog geschickt hatte.

Die Antwort kam postwendend:

«Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Produkt. Wir haben die Tweets von Trent Telenko gesehen und sind sehr dankbar für seine gründliche Analyse. Nicht alle Details sind korrekt, aber die allgemeine Linie ist wahr. Leider können wir aufgrund der Sensibilität des Themas jetzt nicht alle Details offenlegen, aber wir versuchen, Ihre Fragen so weit wie möglich zu beantworten.»
GIS-Arta-Entwicklerteam

watson wartete in der Folge aber mit der Publikation eines Artikels, da trotz der ausführlichen Antworten des GIS-Arta-Teams zentrale Punkte offen blieben und die Verantwortlichen auf Rückfragen leider nicht mehr reagierten.

In der Zwischenzeit liegen neue und gesicherte Erkenntnisse vor, nämlich Einschätzungen renommierter Militärexperten, darunter der Artillerie-Chef der deutschen Armee.

Darum erachtet es der watson-Redaktor als vertretbar, nun die ganze Geschichte von GIS Arta zu erzählen.

Ausserdem ist es höchste Zeit, dass auch hierzulande möglichst viele Leute von der ukrainischen Innovationskraft erfahren. Denn diese spielt im ungleichen Kampf gegen die Invasoren eine wichtige, vielleicht entscheidende Rolle.

Was ist GIS Arta?

Ein digitales Feuerleitsystem, das Artillerie-Verbände der ukrainischen Armee einsetzen, um ausgemachte Ziele innert Minuten oder gar Sekunden zu beschiessen.

Wenn über eine Aufklärungs-Drohne oder eine Spezialeinheit ein potenzielles Ziel gesichtet wird, geben die Soldaten dessen Standort ins System ein und übermitteln sie über einen sicheren digitalen Kanal an den Kommando-Server.

GIS Arta zeigt anhand der genauen Koordinaten und mithilfe von Luftaufnahmen, ob es sich um ein legitimes Ziel handelt. Um Kollateralschäden zu vermeiden, darf es zum Beispiel nicht bei einer Schule oder einem Spital liegen.

GIS Arta Screenshot
Autorisierte Kommandanten erhalten detaillierte Kartenansichten zum Kampfgebiet, die in Echtzeit aktualisiert werden. Über eine einfache Benutzeroberfläche können sie identifizierte Ziele innert weniger als einer Minute bombardieren lassen.Bild: Facebook/gis.arta

Zudem zeigt die Software den Verantwortlichen auf der in Echtzeit aktualisierten Karte an, welche feuerbereiten Waffensysteme in Reichweite liegen und berechnet automatisch die für die präzise Bombardierung relevanten Daten.

Die von ukrainischen Freiwilligen entwickelte Software läuft als App auf herkömmlicher, frei käuflicher Hardware wie Tablets, Laptops oder Smartphones. Eine weitere Besonderheit ist die dezentrale Funktionsweise des Systems. Die Datenübertragung erfolgt verschlüsselt über diverse Kanäle, eine wichtige Rolle spielt das Satelliten-Breitband-Internet Starlink des US-Unternehmens SpaceX (von Elon Musk).

Wie setzt die ukrainische Armee GIS Arta ein?

Einige fantastisch klingende Schilderungen in Telenkos Twitter-Thread liessen sich nicht direkt verifizieren, da die GIS-Arta-Entwickler mitten im Verteidigungskrieg gegen Russland aus nachvollziehbaren Gründen keine Detailfragen beantworten und keine Betriebsgeheimnisse preisgeben.

Doch zum Glück nahm sich der österreichische Militärexperte Markus Reisner des Themas an und veröffentlichte dazu eine seiner sehenswerten Video-Analysen. So liegt uns eine professionelle Einschätzung eines unabhängigen Fachmannes vor, eines Historikers und Militärforschers.

Das sehenswerte Erklärvideo zur ukrainischen Artillerie:

GIS Arta ist ein automatisiertes Befehls- und Kontrollsystem für die digitale Feuerleitung der ukrainischen Artillerie. Klingt kompliziert, funktioniert aber ganz einfach, wie der österreichische Militärexperte – auch für militärische Laien verständlich – erklärt.Video: YouTube/Österreichs Bundesheer

Das Video (oben) mit Oberst Reisner stammt von Ende Mai und lieferte eine wertvolle Einschätzung. So sagte der österreichische Militärexperte, der Erfolg der ukrainischen Artillerie lasse sich auf drei Kernelemente herunterbrechen:

  • GIS Arta könne aufgrund der einfachen Benutzeroberfläche schnell und effektiv eingesetzt werden.
  • Starlink, das vom US-Unternehmen SpaceX betriebene Satelliten-Netzwerk, biete seit März praktisch ausfallsicheres Breitband-Internet in der Ukraine und über diesen Kanal kommuniziere auch die ukrainische Artillerie.
  • Moderne Artillerie-Munition, sogenannt «endphasengesteuerte» Geschosse, ermögliche sehr präzise Schläge, sodass oft bereits der erste Treffer das Ziel zerstöre.
Lasergesteuertes Kvitnyk-Artilleriegeschoss: «Hergestellt ohne russische Komponenten».
Lasergesteuertes Kvitnyk-Artilleriegeschoss: «Hergestellt ohne russische Komponenten».

Die Präzisionsschläge, dezentrale Kommunikation und der Umstand, rasch zuschlagen zu können, seien für die Einsatzführung der ukrainischen Artillerie wesentlich.

«Späher zeigen im digitalen System die Stelle an, wo Artilleriefeuer einschlagen soll. Das Programm berechnet, welche Artillerie sich in der günstigsten Stellung befindet. Innerhalb einer halben Minute folgt das digitale Kommando und Schüsse fallen.»
So beschrieb der stellvertretende Nato-Generalsekretär David de Weel GIS Arta in einem Interview.

GIS Arta war unter anderem bei den spektakulären Artillerie-Schlägen Mitte Mai in der Ostukraine im Einsatz. Laut Schilderungen konnten ukrainische Einheiten dort auch dank frisch gelieferter amerikanischer M777-Haubitzen mehr als 70 russische Militärfahrzeuge und Panzer «zerschmettern», als diese den Fluss Siwerskyj Donez überqueren wollten.

Die GIS-Arta-Entwickler schrieben mir:

«Die ukrainischen Soldaten sind grosse Profis. Wir haben gesehen, was sie in den Jahren 2015 bis 2018 mit alter Ausrüstung gemacht haben. Die Taktik wurde geändert und die Treffsicherheit der Artillerie in den Jahren 2015 bis 2018 mehrmals verbessert. Jetzt können Sie ein Beispiel dafür sehen, was sie mit moderner Ausrüstung und Bewaffnung unserer Partner erreichen können. Und das ist erst der Anfang. Ein erstes Beispiel. Unser Team ist stolz darauf, ihnen all die Jahre dabei zu helfen, schneller, genauer und effektiver zu werden.»

Wer hat «GIS Arta» entwickelt?

Ein Team von Freiwilligen in der Ukraine.

Initiiert wurde das Projekt 2014 von einer Gruppe von Unternehmern aus der Ukraine, die der Armee ihres Heimatlandes nach der russischen Annexion der Krim helfen wollten. Sie entwickelten «High-Tech-Systeme», die auch von den Verteidigern im Donbass eingesetzt werden konnten.

Die Entwicklungsarbeit bei GIS Arta wurde von ukrainischen IT-Spezialisten und Ingenieuren geleistet, darunter Fachleute für digitale Kartografie, die vor Jahren nach Grossbritannien gereist seien und mit britischen Unternehmen Kenntnisse über digitale Kartierung ausgetauscht hätten.

Gegenüber watson erklären die Entwickler:

«Es ist ein ukrainisches Team mit grosser Erfahrung in der Softwareentwicklung, in GIS-Technologien, Prozessautomatisierung und nicht nur das. Wir arbeiten auch auf dem Gebiet der Elektronik, Drohnen und verschiedener Automatisierungsgeräte. GIS Arta ist nur eines unserer Projekte. Wir haben auch eine Reihe von zivilen Projekten in Europa und den USA.»

Die allererste Version von GIS Arta wurde vor mehr als acht Jahren, Ende Mai 2014, einer ukrainischen Artillerieeinheit zur Verfügung gestellt, wie die Entwickler schreiben.

«Zwei Wochen später erhielten wir das erste positive Feedback von der Brigade und begannen, das System Tag für Tag zu verbessern und mit neuen Funktionen zu erweitern.»

Wie wurde das Projekt finanziert?

Durch private Initianten und Geldgeber.

Das ursprüngliche Budget betrug 50'000 Franken.

Das öffentliche Gesicht des GIS-Arta-Projekts ist der ukrainische Unternehmer Borys Kostenko, der sich seit vielen Jahren für sein Heimatland einsetzt und auch als militärischer Freiwilliger in der Ostukraine war. Er ist öfters auf Fotos zu sehen, die von GIS Arta bei Facebook gepostet werden. Und auch in YouTube-Videos nahm er öffentlich Stellung.

In einem Ende 2021 publizierten Interview erklärte er, dass es sich beim Team nicht um klassische Freiwillige handle.

«Im Gegensatz zu anderen sammeln wir überhaupt kein Geld von Dritten. Dies ist eine prinzipielle Haltung. Wir verwenden nichts anderes als unser eigenes Geld. Es ist finanziell schwieriger, aber es ist so viel einfacher für uns. Wir haben festgestellt, dass wir, indem wir das Geld von jemand anderem bekommen und etwas damit tun, zu Freiwilligen auf Kosten von jemand anderem werden. Ich möchte nicht, dass wir anders arbeiten.»
Borys Kostenkoquelle: fakty.com.ua
Borys Kostenko vom ukrainischen Freiwilligen-Projekt GIS Arta.
Borys Kostenko, der als Freiwilliger im Donbass gegen die Russen kämpfte, mit Tarnhut, umringt von Mitstreitern.Bild: Facebook/gis.arta
«Normalerweise haben diejenigen, die auf uns schiessen, nicht die Zeit, den Ort zu verlassen, an dem sie schiessen. Kurz bevor sie fertig sind, schiessen wir zurück.»
Borys Kostenko

Anzumerken ist, dass GIS Arta seit Mai 2015 mit der ukrainischen Hilfsorganisation «Come Back Alive» kooperiert.

Laut «Forbes» ist es der grösste private Fonds, der sich voll der Unterstützung der ukrainischen Armee widmet und seit seiner Gründung 2014 Material und Ausrüstung im Wert von weit über 110 Millionen Dollar beschafft hat.

Mit Spendengeldern kauft Come Back Alive die nötige Hardware, vorwiegend Laptops. Das Team von GIS Arta übernimmt dann die Installation der Spezialsoftware, die Wartung der Geräte und bietet einen 24-Stunden-Support.

Auf was für Geräten läuft die App an der Front?

Dazu die Entwickler:

«Wir verwenden verschiedene Geräte für verschiedene Komponenten des Systems. Abhängig von der Aufgabe und der Rolle der Person im Feld werden hauptsächlich Laptops und Tablets verwendet, aber es ist auch möglich, Smartphones zu verwenden.»
Dieses Foto wurde vom GIS-Arta-Team noch vor der russischen Invasion bei Facebook veröffentlicht.
Dieses Foto wurde vom GIS-Arta-Team noch vor der russischen Invasion bei Facebook veröffentlicht.bild: facebook/gis.arta

Für welche Plattformen ist GIS Arta als App verfügbar?

Dazu die Entwickler:

«Das System kann auf mehreren Plattformen gestartet werden, aber die tatsächliche Nutzung ist auf die für militärische Zwecke zertifizierten Plattformen beschränkt.»

Tatsächlich handelt es sich bei GIS Arta um eine Applikation, die vor allem auf Android-Tablets und Windows-Laptops läuft. Dabei handelt es sich um sogenannte «Rugged»-Mobilgeräte, also besonders robuste Modelle, die für den Outdoor-Einsatz konzipiert sind und Erschütterungen überstehen.

Das Zauberwort lautet «Distributed Computing», was auf Informatiker-Deutsch als – zugegeben etwas holprig klingend – «Verteiltes Rechnen» übersetzt werden kann.

Es geht darum, dass die Komponenten eines Softwaresystems auf mehrere Computer verteilt und durch ein stabiles und schnelles Netzwerk verbunden sind, was eine hohe Effizienz und Leistung gewährleistet. Zudem wird das System von den Usern dennoch als einheitlich wahrgenommen.

Was, wenn ein Gerät in falsche Hände fällt?

Die Entwickler betonen:

«Seit 2014 denken wir ständig über solche Fälle nach und haben automatische Sicherheitsmechanismen sowie entsprechende Protokolle für Systembetreiber entwickelt, um die negativen Auswirkungen zu beseitigen.»

Warum dieser Name?

GIS steht für Geografisches Informations-System (dazu gleich mehr) und Arta für Artillerie, also den ursprünglichen Zweck des Systems: die präzise Bombardierung gegnerischer Stellungen mithilfe von Echtzeit-Geodaten.

Was steckt hinter «GIS»?
Das Kürzel GIS steht für Geografisches Informations-System. Erste IT-gestützte Geoinformationssysteme entstanden in den 1960er-Jahren. Sie machen geografische oder räumliche Informationen – sogenannte Geodaten – über eine auf dem Bildschirm angezeigte interaktive Landkarte zugänglich. Ein bekanntes Beispiel sind die GIS-Browser der Kantone. Über sie lässt sich zum Beispiel herausfinden, ob der Boden auf einem bestimmten Grundstück mit Schadstoffen belastet ist. Über den GIS-Browser lassen sich aber auch interessante gesellschaftliche Erkenntnisse zu einem grösseren Gebiet gewinnen, wie zum Beispiel das Abstimmungsverhalten in einem Bezirk. Ein GIS ermöglicht also auch das Vergleichen und Analysieren geografischer Informationen und das Erkennen von Mustern.

Das allererste GIS stammt aus analogen Zeiten. Um 1850 zeichnete ein Dr. John Snow auf einer Karte der Stadt London nicht nur die Fälle einer verheerenden Cholera-Epidemie ein, sondern auch den Standort von öffentlichen Wasserpumpen. So liess sich auf einen Blick erkennen, dass eine einzelne verschmutzte Wasserpumpe bei der Ausbreitung der Seuche eine zentrale Rolle spielte.

Warum der Vergleich mit der Uber-App?

Die Entwickler selbst sprachen schon vor Jahren vom «Uber der Artillerie», wie aus einem älteren Bericht hervorgeht.

Wie beim bekannten Fahrdienst-Vermittler erledigt scheinbar eine einfache App auf einem Mobilgerät die Arbeit. Dahinter verbirgt sich ein komplexes IT-System.

Bekanntlich weist der amerikanische Fahrdienst Kundinnen und Kunden, die von A nach B gebracht werden wollen, das am besten geeignete Fahrzeug zu. Der am schnellsten verfügbare Uber-Fahrer erhält in der Regel den Auftrag.

In ähnlicher Weise ist GIS Arta ein Tool, das den Standort der ukrainischen Truppen kennt, die im Kampfgebiet verteilt sind. Und es kann ihnen automatisch Angriffsbefehle zuweisen, um Ziele möglichst schnell und effizient zu beschiessen.

Offenbar wird der Begriff Artillerie-Uber nun auch im Nato-Hauptquartier verwendet, wie der stellvertretende Generalsekretär David van Weel kürzlich in einem Interview sagte. Dies, weil die Software «so intelligent und zeitgemäss» sei.

Wie wichtig ist Starlink?

Der Satelliten-Kommunikationsdienst des US-Unternehmens SpaceX ist für die Ukraine zu einem besonders wertvollen, ja unverzichtbaren Werkzeug im Verteidigungskrieg gegen Russland geworden. Und dies gilt nicht nur für den Informationskrieg, also die Bekämpfung russischer Propaganda und Desinformation, sondern auch bezüglich GIS Arta.

Die Entwickler antworten zurückhaltend:

«Starlink ist einer unserer Kanäle. Er hat einen grossen Vorteil im Vergleich zu anderen – Flexibilität. Vorher haben wir Viasat benutzt. Aber dort gab es kritische Probleme, und wir haben die Nutzung eingestellt.»

Als ich nachfrage, ob die neue Generation der SpaceX-Satelliten (Version 1.5 und 2.0), die über Laser miteinander kommuniziert, einen Wendepunkt darstelle, antworten sie:

«Es wird den einfachen Austausch grosser Datenmengen ermöglichen. In Kombination mit der Flexibilität von Starlink ist dies ein grosser Schritt in eine Zukunft (wie bei Elon Musk üblich), in der es möglich ist, Kommunikationsprobleme in jedem Teil der Welt zu vergessen.»

Wurde GIS Arta schon von den Russen gehackt?

Die Entwickler verneinen.

Schon vor ein paar Jahren hatte die amerikanische IT-Sicherheitsfirma Crowdstrike behauptet, dass russische Hacker die GIS-Arta-App manipuliert hätten. Dies stimme nicht.

«Wir haben diesen Bericht analysiert und festgestellt, dass sie [Crowdstrike, Anmerk. d. Red.] unseren Namen verwenden und ein völlig anderes System beschreiben. Was die russischen Hacker wirklich getan haben, ist, dass sie die Firmware von Viasat-Geräten gehackt und sie zerstört haben. Aber für uns war das nur einer der möglichen Kanäle. Die Daten, die wir übertragen, sind in jedem Kanal sicher. Sogar in offenen Kanälen. Um dies zu erreichen, halten wir uns an die weltweit besten Praktiken.»

Tatsächlich attackierten mutmasslich russische Hacker kurz vor der Invasion im Februar den Satelliten-Betreiber Viasat mit einer neuartigen Malware und versuchten, die von den Ukrainern genutzten Kommunikationsdienste lahmzulegen. Elon Musk sprang daraufhin mit SpaceX und Starlink ein.

Der österreichische Militärexperte Markus Reisner hob in seinem Video im Mai (siehe oben) die Wichtigkeit von Starlink für die militärische Kommunikation hervor:

«Die russischen Streitkräfte haben seit Beginn des Krieges immer wieder versucht, die Datenübertragung zu stören, bisher jedoch ohne Erfolg. Das ist entscheidend für die Ukraine, da diese Datenübertragung bzw. Kommunikation dazu beiträgt, dass sie ihre Artilleriesysteme überhaupt einsetzen kann.»

Dies wird durch den Artillerie-Ausbildungschef des deutschen Bundesheeres, Oberst Dietmar Felber, bestätigt. Das Starlink-Netz sei in der Ukraine «dermassen verdichtet», dass es nahezu überall verfügbar sei, und es habe sich als «sehr störungsresistent» herausgestellt. Zu den ukrainischen Artillerie-Verbänden, die mit GIS Arta operieren, sagte er: «Sie sind online, mit dem Vorteil der grossen Reichweite.»

Interessant: Die ukrainische Armeeführung berichtete in ihrem Lagebericht vom 18. Juli von erneuten russischen Versuchen, die Satelliten-Verbindungen zu blockieren: «Der Feind setzte Mittel der funkelektronischen Kriegsführung ein, um Satellitenkommunikationskanäle zu unterdrücken.»

Wie werden potenzielle Angriffsziele für GIS Arta erfasst?

Die italienische Zeitung «La Repubblica» zitierte in einem Artikel zu GIS Arta einen ukrainischen Offizier:

«Das System ermöglicht es uns, zu sehen, was am Boden passiert, und in Echtzeit eine riesige Menge an Daten aus vielen Quellen zu verarbeiten: Drohnen, Flugzeuge, Überwachungsvideos und sogar Bürger, die die Position der Russen in speziellen Chats auf Telegram melden können.»
Jaroslaw Scherstjuk, ukrainische Armee

Die Entwickler von GIS Arta stellen auf Anfrage von watson zunächst klar, dass der in diversen Berichten erwähnte Jaroslaw Scherstjuk nicht der Erfinder der App sei.

«Er ist nicht der Autor von GIS Arta, aber er ist eine Person, die als [ukrainischer] Artillerieoffizier die erste öffentliche Demonstration des Systems vor Kommandeuren durchgeführt hat.»

Abgesehen davon bestätigen die GIS-Arta-Entwickler, dass bei der Erfassung möglicher militärischer Ziele auch von Hinweisen aus der Bevölkerung profitiert wird.

«Es stimmt. Wir arbeiten ständig daran, neue Datenquellen hinzuzufügen. Und die [oben von Jaroslaw Scherstjuk] gemachte Aufzählung ist nicht vollständig.»
Telegram-Chatbot gegen Besatzer
Das ukrainische Ministerium für digitale Transformation stellt für ukrainische Telegram-User einen Chatbot namens «eVorog» zur Verfügung. Die Bevölkerung soll über diesen Kanal «die Bewegungen der Besatzer» melden, wie im März 2022 berichtet wurde. Die Besonderheit: Damit man Beobachtungen zu feindlichen Truppen, deren Bewaffnung und genauem Standort über die Smartphone-App melden kann, muss man eine vom ukrainischen Staat ausgestellte digitale Identität besitzen. So sollen falsche Angaben durch Saboteure und entsprechende Angriffe, bzw. Spam-Versuche, verhindert werden. Daneben gibt es noch den offiziellen Chatbot des ukrainischen Geheimdienstes SBU (@stop_russian_war_bot), über den ebenfalls Hinweise zu feindlicher Ausrüstung entgegengenommen werden.

Wie leistungsfähig ist GIS Arta im internationalen Vergleich?

Die Entwickler zeigten sich auf Anfrage bescheiden. Sie hätten bislang nicht die Gelegenheit erhalten, die Leistungsfähigkeit und Zielgenauigkeit ihres Systems mit der Standard-Artillerieführung des US-Militärs zu vergleichen. Aber:

«Wir haben in den letzten acht Jahren von einigen Nato-Experten gute allgemeine Rückmeldungen über unser System erhalten. Unsere Aufgabe war es, alle möglichen Werkzeuge bereitzustellen, um unsere Streitkräfte so effizient wie möglich zu machen und insbesondere unsere Artillerie schneller und präziser arbeiten zu lassen.»

Und dies ist dem GIS-Arta-Team offensichtlich gelungen.

An dieser Stelle soll der Ausbildungschef der deutschen Artillerie zu Wort kommen, Oberst Dietmar Felber. Er leitet die Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein und hat die Ausbildung ukrainischer Soldaten an der Panzerhaubitze (PzH) 2000 in Deutschland hautnah mitverfolgt. In einem Anfang Juli veröffentlichten Video zeigte er sich beeindruckt.

«Wir haben auch im Rahmen von Artillerie-Scharfschiessen die ukrainischen Kräfte nach ihrem Bedarf arbeiten lassen, vollkommen selbstständig, unter Nutzung dieser App. Und das war sehr beeindruckend und erfolgreich.»

Der deutsche Artillerie-Ausbildungschef über GIS Arta:

Mehrere PzH 2000 der Bundeswehr und der Niederlande sind mittlerweile in der Ostukraine im Einsatz. Sie könnten den Krieg zwar nicht entscheiden, sagte Oberst Dietmar Felber. «Aber da, wo sie regional eingesetzt sind, werden sie durch ihre Reichweite, durch ihre Kampfkraft, durch ihre taktischen Fähigkeiten und auch durch moderne Munition den Gefechtswert der ukrainischen Streitkräfte erhöhen.»

So sieht es in der PzH 2000 aus.
So sieht es in der PzH 2000 aus.screenshot: youtube

Die ukrainischen Artilleristen hätten die von den Deutschen gesetzten Ausbildungsziele erreicht. Oberst Felber sprach von einer «guten Trefferlage und hervorragenden Zeiten». Die Soldaten könnten die relativ komplexen Waffensysteme auch unter schwierigen Bedingungen im Gefecht einsetzen.

Anzumerken ist, dass die Ausbildung gemeinsam mit den Niederländern durchgeführt wurde. Während die niederländischen Panzerhaubitzen auf Englisch bedient würden, sei bei den deutschen Geschützen die Schriftbarriere die grösste Herausforderung gewesen für die Ukrainer. «Die Panzerhaubitze ist ein interaktives Geschütz, das spricht über Schrift mit den Geschützführern und erwartet Eingaben.»

Die Sprachbarriere (Kyrillisch) habe man mithilfe von Dolmetschern überwinden können, bis zu 40 Übersetzer seien vor Ort gewesen, so der deutsche Ausbildungschef. Man habe zudem die Beschriftungen an den Panzerhaubitzen überklebt, «aber am Ende des Tages mussten die ukrainischen Soldaten die ungewohnten Bezeichnungen auswendig lernen.»

Wie wichtig ist GIS Arta für die ukrainische Armee?

Enorm wichtig.

Trotzdem würde ich nicht von einer «Wunderwaffe» im engeren Sinn sprechen: Zwar kann der schnelle und präzise Artillerie-Einsatz den Verlauf der Kampfhandlungen im jeweiligen Einsatzgebiet zugunsten der ukrainischen Einheiten beeinflussen, wie wir gesehen haben.

Ob es aber der ukrainischen Armee insgesamt gelingen wird, die russischen Aggressoren entscheidend zurückzudrängen und eine für Verhandlungen erforderliche Position der Stärke zu erlagen, hängt von weiteren Faktoren ab:

  • Die «New York Times» berichtete Ende Juni, die ukrainische Armee habe zwar versucht, sich zu modernisieren, sie sei aber immer noch nicht in der Lage, die Einheiten zu koordinieren, sodass sie oft unabhängig voneinander kämpften – mit manchmal tödlichen Folgen («Friendly Fire»).
  • Die mangelnde Kommunikation sei ein weitverbreitetes Problem an der Front und berühre «fast jeden Aspekt des Krieges – Koordination auf dem Schlachtfeld, Lieferung von Vorräten, Truppenbewegungen».
  • Dies bedeutete, dass Brigaden von rund 4000 Soldaten immer noch unabhängig voneinander kämpften und die wichtigen Aspekte der Entscheidungsfindung auf dem Schlachtfeld beeinträchtigt seien.
  • Die Ukraine verfügt zwar über hervorragend ausgebildete Elitekämpfer und schlagkräftige Einheiten, jedoch haben diese grosse Verluste erlitten. Darum gilt es, die Ausbildung der Soldaten – ob neuer Rekrut oder Veteran – zu forcieren. Dies ist nur mit westlicher Unterstützung möglich.

Der praktische Nutzen, respektive Wert von GIS Arta für die ukrainischen Streitkräfte, wird weiter zunehmen. Dies hat mit den westlichen Waffenlieferungen zu tun und vor allem mit der erfolgreichen Einbindung leistungsfähiger moderner Artilleriegeschütze wie der Panzerhaubitze 2000 oder der französischen CAESAR ins digitale Feuerleitsystem.

Ein grosses Problem bleibt: Die Vorräte an Artilleriegeschossen gehen zur Neige, wie der deutsche Artilleriechef Anfang Juli mahnte. Nachschub im Land bleibe aus, weil viele Munitionsfabriken mittlerweile zerstört seien.

«Das bedeutet, dass die ukrainische Artillerie zwingend mit Munition unterstützt werden muss.»

Ein renommierter Sicherheitsanalyst hielt fest, dass die Ukraine diese Art von Kampf nur mit einer stetigen Versorgung mit westlichen Waffen und Munition aufrechterhalten könne.

Sonst bringt die beste Software nichts.

PS: Wird GIS Arta auch ins Ausland verkauft?

«Ja, das ist möglich», teilen die Entwickler mit. Es hänge aber «vom jeweiligen Land» ab. Im Gegensatz etwa zur umstrittenen, in Israel entwickelten und in die ganze Welt exportierten iPhone-Spionagesoftware Pegasus, soll GIS Arta nicht an demokratiefeindliche Staaten verkauft werden.

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Wie sich ukrainische Zivilisten auf ihren Feind vorbereiten
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Wie sich ukrainische Zivilisten auf ihren Feind vorbereiten
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Einmaliger Gebrauch: Die Russen machen jetzt Jagd auf diese Waffe aus den USA – und das hat gute Gründe
Video: watson
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81 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Gandalf-der-Blaue
24.07.2022 08:41registriert Januar 2014
Danke für diesen umfassenden Bericht. Das Tool geistert ja schon einige Zeit durch die Medien. Und der Bericht dürfte all jenen, die ständig murren, die Ukrainer würden im Donbass auch Zivilisten bombardieren, etwas zurückbinden: die Kriegsführung von Russland kann nicht mit jener der Ukraine verglichen werden: Flächenbombardements der Russen stehen gegen gezielte Schläge der Ukrainer. Ich hoffe von Herzen, dass die Ukrainer diese Mittel weiterhin so intelligent einsetzen!
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Kommissar Rizzo
24.07.2022 08:00registriert Mai 2021
Wow! Gratuliere. Den Entwicklern für diese offensichtlich sehr effiziente Software. Und euch zu diesem umfassenden Bericht.
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aaddii
24.07.2022 08:41registriert März 2020
Schon erstaunlich, was heutige Armeen alles mit moderner Software bewerkstelligen. In meiner RS im Jahr 2007 haben wir riesige Antennen aufgestellt und mit damals schon uralten DOS-Laptops über einen Kurzwellensender Textmitteilungen verschickt, die beim Empfänger auf einem Nadeldrucker ausgedruckt wurden. Ob diese heute noch im Einsatz sind?
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