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SwissCovid

SwissCovid hilft, Infektionsketten zu unterbrechen. In der neusten Version weist die App noch zuverlässiger und schneller auf potenziell gefährliche «Kontakte» hin. bild: watson / unsplash (Samuel Ferrara)

Interview

App-Entwicklerchef: «In den meisten Fällen ist es unnötig, SwissCovid zu deaktivieren»

Der SwissCovid-Entwicklerchef Mathias Wellig nimmt im ausführlichen watson-Interview zu den brennendsten Fragen Stellung und verrät, wie die Schweizer Corona-Warn-App weiter verbessert wird.



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App-Entwicklerchef Mathias Wellig, Geschäftsführer der Ubique AG. screenshot: twitter

Herr Wellig, in der SwissCovid-App stand bis vor Kurzem immer noch der Slogan «Gemeinsam ... Eine zweite Welle verhindern». Wie beurteilen Sie das?
Mathias Wellig: Wir waren uns bewusst, dass dieser Text im Falle einer zweiten Welle, wie wir sie heute haben, nicht mehr passend sein würde. Weil wir aber auf die Dringlichkeit hinweisen wollten, entschieden wir uns trotzdem für diese Formulierung. Mit der aktuellen App-Version haben wir den Text auf ein allgemeineres «Ansteckungen verhindern» angepasst.

«Deaktiviert man die App, kann sie während dieser Zeit auch nicht alarmieren.»

Mit dem jüngsten SwissCovid-Update gib es diverse Verbesserungen, gemäss Beschrieb soll die App nun Benachrichtigungen (zu möglichen Covid-Kontakten) schneller anzeigen. Was heisst das konkret?
Mit dem neusten Update setzt SwissCovid auf die neue Version 2 der Apple-Google-Schnittstelle (GAEN API). In der ersten Version gab es die Begrenzung, dass die App nur zwei Mal pro Tag den Abgleich mit den veröffentlichten Schlüsseln durchführen konnte. Neu können wir das alle vier Stunden. Das hilft, Warnhinweise schneller anzuzeigen.

Genauer im Zug und Bus

Die neue Version 2 der Apple-Google-Schnittstelle, auf der auch die SwissCovid aufbaut, bringt wichtige technische Verbesserungen zur Distanzschätzung über Bluetooth Low Energy (BLE). Neu wird gemäss 9to5Mac (durch das Android-System oder Apples iOS) eine spezifische Prüfung auf schnell schwankende BLE-Signalstärken durchgeführt. «Wenn ein Kontakt den Abstand schnell zu ändern scheint – sagen wir von einem Meter über acht Meter auf fünf Meter – dann wird dies als unzuverlässige Daten gekennzeichnet.» Das könnte etwa passieren, wenn die Bluetooth-Signale an den Wänden in einem Zugabteil abprallen.

In diesem Fall wende die in das iOS- und Android-System integrierte API neue Algorithmen an, um auf die schwankenden BLE-Daten zu reagieren. Dies ermögliche es, die wahrscheinliche Entfernung (zwischen zwei Smartphones) genauer abzuschätzen. Dies wiederum bedeute, dass es weniger False-Positive-Treffer geben sollte.

Was bedeuten die Neuerungen bei der Apple-Google-Schnittstelle für die SwissCovid-App?
Neu kriegen wir nicht mehr nur vorgängig aggregierte Werte von empfangenen Bluetooth-Beacons, sondern haben direkt Zugriff auf mehr Rohdaten, die wir selber auswerten können. In der aktuellen Version von SwissCovid setzen wir noch auf dieselbe Aggregation, die sich in den letzten Monaten auch bewährt hat. Der Grundstein ist jetzt jedoch gelegt, damit wir Optimierungen vornehmen können. Solche Optimierungen werden aktuell von den Forschern der EPFL und ETH Zürich gesucht.

«Wir wissen aus mehreren Studien und auch direkt von der SwissCovid-Hotline, dass der Bluetooth-basierte Ansatz funktioniert.»

Welche praktischen Erkenntnisse liegen Ihnen zur Zuverlässigkeit der App in ÖV-Situationen vor, also bei Fahrten mit dem Zug, im Bus oder Tram?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Experimenten, die von der EPFL und ETH Zürich durchgeführt wurden, zeigen, dass das Bluetooth-basierte Proximity-Tracing auch in ÖV-Situationen funktioniert.

Eine irische Studie über Bluetooth-Proximity-Tracing in Trams hat hier etwas für Verwirrung gesorgt. Diese Studie ging beispielsweise von einem statischen Setting aus – Geräte/Personen würden sich nicht bewegen. Zudem haben die Studienverfasser auch die nötige Kalibrierung der unterschiedlichen Smartphones ganz ausser Acht gelassen.

Wie gut steht es um die Kalibrierung der vielen Android-Smartphone-Modellen seitens Google?
Da sind die Spezialisten fortlaufend dran. Den aktuellen Stand zur Kalibrierung seitens Google sieht man hier im Web.

Hand aufs Herz: Funktioniert SwissCovid zuverlässig?
In den gut vier Monaten, in der die App nun produktiv ist, haben wir nur vereinzelt von Fällen gehört, in denen SwissCovid-Nutzer klar fälschlicherweise benachrichtigt wurden.

Die Rückmeldungen sind positiv, wir wissen inzwischen aus mehreren Studien und auch direkt von der SwissCovid-Hotline, dass der Bluetooth-basierte Ansatz funktioniert. Es ist aber auch klar, dass Proximity-Messungen via Bluetooth nicht perfekt sind. Mit einer gewissen Unschärfe müssen wir leben. Das ist beim klassischen Contact Tracing und auch bei der Übertragung des Virus nicht anders.

SwissCovid hat knapp 1,9 Millionen aktive User, Twint angeblich über 3 Millionen. Was geht Ihnen bei diesen Zahlen durch den Kopf?
Es zeigt mir, dass das Potential für mehr aktive Nutzer offensichtlich vorhanden ist. Hier müssen wir weiter auf allen Ebenen dran arbeiten.

Ist der Bund zu ehrlich?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), als Herausgeberin der SwissCovid-App, informiert online mit grosser Transparenz über die wichtigsten Kennzahlen. Auf einer regelmässig aktualisierten Monitoring-Webseite wird die Zahl der aktiven App-User (pro Tag) angegeben. Wohlgemerkt, dabei handelt es sich um eine Schätzung. Sicher ist: Damit kommuniziert die Eidgenossenschaft deutlich offener, als es etwa die Deutschen mit ihrer Corona-Warn-App tun. Das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) verrät lediglich die Zahl der Downloads (für Android-Smartphones und iPhones). Zu den aktiven Apps schweigt man sich aus. Es sind sicher deutlicher weniger als die Downloads (21,9 Mio.).
Aus Schweizer Perspektive müssen sich die Verantwortlichen beim BAG fragen: Wie wäre die öffentliche Wahrnehmung von SwissCovid, wenn man nicht versuchte, die aktiven User zu schätzen, sondern nur die Downloads (2.7 Millionen) kommunizierte, so wie die Deutschen?
Fakt ist: Sang-Il Kim, der Leiter der Abteilung Digitale Transformation beim BAG, hatte öffentlich erklärt, «3 Millionen aktive Apps bis im Herbst» seien das Ziel. Davon sind die Verantwortlichen derzeit noch weit entfernt.

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Die Anbieter der deutschen Corona-Warn-App schreiben von fast 22 Millionen App-Downloads. Darüber, ob die App auch tatsächlich aktiviert ist, erfährt man nichts. screenshot: rki.de

Was sind die nächsten geplanten Verbesserungen zur SwissCovid-App?
Mit der zweiten Welle ist ein Flaschenhals der SwissCovid-App zu Tage getreten: die Erstellung der Covidcodes. Hier sind wir nun seit einiger Zeit dran, Lösungen zu suchen. Seit letzter Woche können sich auch die behandelnden Ärzte und Spitäler anmelden, um Covidcodes auszustellen. Bis heute Mittag (5. November 2020) haben sich schon über 600 Ärzte angemeldet. Wir hoffen hier in den nächsten Tagen einen klar positiven Trend bei den Covidcodes zu sehen.

Es gibt User, die aus ganz unterschiedlichen Gründen regelmässig die SwissCovid App deaktivieren.
Ja. Und leider wird dann die Reaktivierung manchmal vergessen. Hier möchten wir darauf hinweisen, dass es in den meisten Fällen unnötig ist, die App zu deaktivieren. Wenn man zum Beispiel in einem geschützten Setting war, wird man das bei einer allfälligen Meldung zusammen mit der Hotline herausfinden und entsprechend kann man dann darauf reagieren. Auch der Akkuverbrauch wird vielfach überschätzt, in der Regel handelt es sich um einige Prozentpunkte pro Tag.

Und was viele auch nicht wissen: Deaktiviert man die App, kann sie während dieser Zeit auch nicht alarmieren. Für die meisten User macht es also Sinn, die App einfach immer aktiv zu lassen. Weil es aber doch gute Gründe gibt, die App temporär zu deaktivieren, werden wir in Zukunft eine Möglichkeit bieten, sich direkt bei Deaktivierung eine Erinnerung zu setzen um die App wieder zu aktivieren.

Als weiteres Feature haben wir angedacht die Möglichkeiten, wo man sich testen lassen kann, direkt aus der App heraus anzuzeigen. Das wird vorerst als einfache Weiterleitung umgesetzt, da die Daten auf kantonaler Ebene in unterschiedlicher Form existieren.

Verzögerungen beim Covidcode-Ausstellen wurden als eines der grössten Probleme des SwissCovid-Systems ausgemacht. Neu können nun auch Ärzte die Codes ausstellen. Gibt es aus Sicht des App-Entwicklerchefs noch andere Möglichkeiten, die Effizienz zu verbessern?
Wir erhoffen uns eine erste Entschärfung des Problems, wenn sich mehr und mehr Ärzte für die Covidcode-Ausstellung ‹onboarden›. Wir denken aber grundsätzlich über weitere Ansätze nach, damit wir nicht wieder in einen Flaschenhals hinein laufen.

Was für Ansätze sind das?
Es gibt noch keine spruchreifen Ansätze. Grundsätzlich suchen wir nach Optimierungen entlang des ganzen Prozesses.

Auch wenn derzeit Auslandaufenthalte eher die Ausnahme sein dürften, gilt es auch noch die Interoperabilität anzusprechen. Wie ist da der technische Stand? Kann SwissCovid sofort mit dem EU-Gateway in Luxembourg verbunden werden, wenn die politischen Verhandlungen abgeschlossen sind?
Ja, wir haben sowohl das Konzept als auch grösstenteils die Umsetzung in der Schublade bereit. Sollten wir auf politischer Ebene grünes Licht kriegen, wäre die Funktionalität innerhalb von ca. zwei Wochen auf technischer Seite integriert, getestet und verfügbar.

Steht das SwissCovid-Entwicklerteam eigentlich noch regelmässig mit Apple und Google in Verbindung und tauscht sich mit den Spezialisten über technische Belange aus, oder wie ist diese historisch einmalige Kooperation vom Frühjahr inzwischen weitergegangen?
Der Austausch besteht weiterhin, wenn auch nicht mehr so intensiv. Sowohl bei Apple/Google als auch bei Ubique sind wir nicht mehr im Ausnahmezustand. Entsprechend ist auch die Zusammenarbeit weniger spektakulär. Man tauscht sich über ‹Releases› und ‹Challenges› aus, die Gruppe der Beteiligten ist aber auf allen Seiten kleiner geworden.

Und jetzt du!

Was hast du mit der SwissCovid-App erlebt? Welches technische oder organisatorische Problem erachtest du als vordringlich? Gibt es unbeantwortete Fragen zur Corona-Warn-App? Dann schreib uns via Kommentarfunktion.

Quellen

Das sagte Mathias Wellig beim Interview im September:

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