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Peering Wars Reloaded: Ein Streit zwischen UPC und Rivale Init7 bremst ihre Kunden im Homeoffice aus.

Wenn du dich fragst, warum deine Internet-Verbindung sch****e ist: UPC und Init7 wissen es

Der Machtkampf um den Verkehr im Internet spitzt sich zu. UPC und der kleinere Internet-Provider Init7 streiten in der Corona-Krise auf dem Buckel der Kunden über Geld, Macht und ums Prinzip.



Der Winterthurer Internet-Provider Init7 hat am Dienstag überraschend verkündet, dass die ungleich grössere UPC den seit Jahren funktionierenden Austausch von Traffic einseitig eingestellt hat. Normalerweise fliessen die Daten beim sogenannten Private Peering von Init7 direkt zur UPC und umgekehrt. Nun nehmen sie einen Umweg über die USA, selbst wenn sie nur für das Nachbardorf bestimmt sind.

Die beiden Streithähne machen sich gegenseitig dafür verantwortlich. Init7-Chef Fredy Künzler bezeichnet die Abschaltung als «einseitiger Akt der Aggression». Es geht wie immer um Geld und Macht.

Für die Kunden bedeutet die aktuelle Situation: Daten zwischen Kunden von UPC und Init7 werden nicht mehr direkt weitergeleitet, sondern übers Ausland umgeleitet, was zu einer höheren Latenz (Verzögerungszeit) führt. Für die Kunden macht sich dies in einer schlechteren Internet-Qualität spürbar, etwa bei Videoanrufen. Hat beispielsweise der Arbeitgeber einen Anschluss bei Init7 und ein Mitarbeiter bei UPC, sind VPN-Verbindungen potenziell beeinträchtigt.

In einer längeren Mitteilung schreibt Init7:

«Am 14. April 2020 um ca. 10:30 Uhr hat UPC einseitig die bestehenden Interkonnektionen (Private Peerings) zu Init7 abgeschaltet. Diese Peering-Links bestanden seit über einer Dekade und haben bislang eine direkte Verbindung zwischen dem Init7-Netz und dem UPC-Netz gewährleistet. Diese Abschaltung ist ein einseitiger Akt der Aggression.»

Fredy Künzler, CEO Init7 InterkonnektionInit7 und UPC

UPC habe im vollen Bewusstsein der Konsequenz «den Stecker gezogen». Die Konsequenz ist:

«Durch die einseitige Abschaltung der Peerings mit Init7 durch UPC beträgt die Latenz seit dem 14. April 2020 jetzt ca. 140 ms – gut sichtbar in der unten-stehenden Grafik. UPC zieht es vor, Traffic zu Init7 via die USA statt direkt wie bisher zu routen.»

Fredy Künzler

Init7 und UPC zoffen sich auf Twitter:

Die Grafik zeigt: Ohne Peering erhöhen sich die Latenzzeiten (Verzögerungszeit) im Netz.

Die UPC hat also die langjährige Peering-Vereinbarung gekündigt, die den direkten Datenaustausch zwischen Init7 und UPC regelte. Die Begründung:

«Obwohl wir alte Peering-Vereinbarungen in der Regel nicht kündigen, hat Init7 inakzeptables Verhalten an den Tag gelegt, wie die Umleitung ihres Datenverkehrs über Grossbritannien und die USA zu uns, was die Qualität der Nutzung für unsere gemeinsamen Kunden massgeblich beeinträchtigt hat. Wir wollen nicht direkt mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, das die Bedürfnisse seiner Kunden nicht in den Vordergrund stellt.»

UPC

Künzler kontert: «Wenn die Bedürfnisse der eigenen Kunden bei UPC im Vordergrund stehen würden, hätte man sich nicht seit mindestes 7 Jahren nicht um den Upgrade der Kapazität gekümmert.»

Die Folgen des Peering-Streits müssen die Kunden ausbaden: Inbesondere die Qualität von Videocalls oder VPN-Verbindungen zwischen Kunden von UPC und Init7 dürfte leiden. In der aktuellen Homeoffice-Phase ist dies für die Betroffenen besonders ärgerlich.

Init7 schreibt hierzu auf Twitter: «Alle Latenz-kritischen und Bandbreite-intensiven Anwendungen zwischen Init7 und UPC sind jetzt praktisch unmöglich.»

Peering? Ohne ruckelts im Netz

Beim Peering stellen Internet-Provider, aber auch Inhalte-Anbieter wie Netflix oder Google, direkte Verbindungen zueinander her, um Daten ohne Umwege auszutauschen. Datenpakete werden günstig oder gar kostenlos ausgetauscht, damit für die Internet-Nutzer die Wartezeit bei einer Anfrage (Latenzzeit) gering bleibt. Hierzu werden Vereinbarungen getroffen, welche die Durchleitung von Daten aus anderen Netzen regeln.

«Vor der Abschaltung setzte uns UPC die Pistole auf die Brust: entweder ihr zahlt oder wir drehen ab.»

Fredy Künzler, CEO Init7

Peering-Vereinbarungen zwischen Providern sind üblich. Sie erlauben ihnen für die Datenübertragung die Infrastruktur der anderen Anbieter zu nutzen, die sich am Peering beteiligen. Für die Kunden ergibt sich dadurch eine bessere Internet-Qualität, und natürlich profitieren auch die Provider selbst. Der Vorteil eines Peerings sei für beide Partner gleich, sagt Init7-Chef Künzler: «Höhere Kapazität und bessere Qualität bei tieferen Kosten.» Eigentlich eine Win-Win-Situation, doch nun liegt Ärger in der Luft. UPC will für das Peering Geld sehen, Init7 weigert sich.

Warum gibt's ausgerechnet jetzt Probleme?

In der Corona-Krise wächst der Internet-Traffic überdurchschnittlich schnell. Schon im März seien die Netze aufgrund der «Covid-19-Umstände» quasi vollgelaufen, was laut Init7 Übertragungsverluste nach sich zog. Init7 verlangte laut Eigenaussage einen Ausbau der Infrastruktur (Link-Upgrade). Ein Gespräch zwischen den beiden Providern am 2. April brachte offenbar keine Einigung. Man habe daher ab Anfang April «immer mehr Traffic umgeroutet, um den Übertragungsverlust zu eliminieren, allerdings mit der Konsequenz, dass der Traffic zwischen den jeweiligen Schweizer Kunden von Init7 und UPC teilweise via Wien und London geroutet wird.» Die folgende Grafik soll dies veranschaulichen.

Init7 leitet seit Anfang April den Datenverkehr zu UPC teils via Grossbritannien um

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Die teilweise Umleitung der Daten über London erhöhte schon seit Anfang April die Verzögerungszeit (= schlechtere Internet-Qualität für gewisse Anwendungen). grafik: init7

Schiesst UPC ein Eigengoal?

Man habe den Traffic zu UPC notgedrungen teils übers Ausland umleiten müssen, da UPC nicht genügend Kapazität bereitgestellt habe, sagt Init7. Seit der einseitigen Abschaltung des Peerings seitens UPC dürfte sich die Internet-Qualität für die direkt Betroffenen, also auch bestimmte UPC-Kunden, nochmals massiv verschlechtert haben. Für Init7 ist dies zugleich ein Druckmittel, um das bisherige Peering zurückzuerhalten. Der kleine Provider hofft, dass der potenzielle Reputationsschaden für UPC den grösseren Mitbewerber zum Einlenken bewegen wird. «UPC macht uns das jetzt zum Vorwurf, gleichzeitig weigerten sie sich aber ein Upgrade der Kapazität vorzunehmen», sagt Künzler.

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Im Netz sind die Meinungen gemacht. screenshot: twitter

UPC sieht dies naturgemäss anders. Da Init7 die in den Peering Principles festgelegten Mindestschwellenwerte nicht erfülle, sei man «nicht in der Lage, mehr Kapazität bereitzustellen», teilt die Kabelnetzbetreiberin auf Anfrage mit.

Künzler entgegnet: «Wenn Init7 tatsächlich die Policy nicht erfüllt, weshalb waren dann die Peerings all die Jahre aktiv?»

Klar ist: UPC will das bisherige Peering nicht mehr und lässt wissen:

«Wenn ein Peering-Partner seine Kapazität gegenüber unserem Netzwerk erhöhen möchte, kann er dies über einen von vielen anerkannten, weltweiten Internet-Konnektivitätsanbietern (Peering-Partnern) tun. Diese Möglichkeit steht auch Init7 jederzeit offen.»

UPC

UPC verweist also auf die internationalen Peering-Vereinbarungen ihrer Muttergesellschaft Liberty Global, die die Kapazitätsprobleme beseitigen würden. Anscheinend möchte man in der Schweiz keine separaten Peering-Vereinbarungen betreiben. Init7 hingegen ist weiterhin nicht gewillt für Peering zu zahlen. Nun ist der Streit eskaliert. Schon wieder, muss man sagen, denn es gibt eine Vorgeschichte.

Die Vorgeschichte

Ein ähnlicher Machtkampf zwischen den gleichen Kontrahenten tobte schon vor fast 15 Jahren. Ende 2006 schrieb die NZZ: «Das System der Schweizer Peering-Agreements wurde im Oktober erschüttert durch den Entscheid der Cablecom, unentgeltliche Peering-Agreements mit kleineren Schweizer Internet-Service-Providern (ISP) zu kündigen.» Init7 weigerte sich schon damals zu zahlen und besteht seitdem darauf, dass jeder Peering-Partner für seine eigenen Kosten aufkommt. 2006 gab Cablecom (die heutige UPC) erst nach mehreren Monaten nach und reaktivierte den direkten Datenaustausch nach heftigen Kundenreklamationen und negativer Presse.

Mit der Übernahme der damaligen Cablecom durch den Branchen-Giganten Liberty Global im Jahr 2005 habe sich die Situation zugespitzt, sagt Künzler. Die neue Konzernmutter wolle kleinere Provider dazu bringen, für Peering zu zahlen. Dabei gehe es nicht in erster Linie um Geld, sondern um Macht, sagt der Init7-Chef. Die Peering-Vereinbarungen seien von Liberty Global «über die Jahre stets zu Ungunsten kleinerer Marktteilnehmer angepasst» worden, «während spezielle Bedingungen für Branchenriesen wie Google oder Netflix geschaffen wurden, um mit diesen nicht in einen vergleichbaren Konflikt zu geraten».

Mit Machtkämpfen mit weit grösseren Rivalen hat Künzler Erfahrung: 2012 sei man in der selben Situation mit Swisscom gewesen. «Doch statt zu zahlen, haben wir die Sache juristisch beurteilen lassen», sagt Künzler. Das Verfahren sei derzeit beim Bundesverwaltungsgericht hängig, «weil sich die Schweizerische Telekom-Regulationsbehörde ComCom bisher nicht dazu durchringen konnte, eine kostenorientierte Interkonnektion zu verfügen.» Der Init7-Gründer hofft nun auf die Wettbewerbskommission.

Und wie geht es für die Kunden von Init7 und UPC weiter? «Bis auf weiteres wird die Verbindung zwischen Init7 und UPC beeinträchtigt bleiben», sagt Künzler. Trotzdem biete er weiterhin Hand für eine konstruktive Lösung. Am Mittwochnachmittag habe er UPC eine E-Mail geschickt: «Macht die Peerings vorerst wieder an, dann machen wir ein anständiges Meeting zum Thema.»

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