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Eine US-Angestellte der japanischen Firma Ajinomoto, die einem breiteren Publikum eher als Produzent des Geschmacksverstärkers Glutamat bekannt ist. Das Unternehmen stellt auch den Grundstoff für eine spezielle Isolierfolie her – und genau dort harzt es ...
Eine US-Angestellte der japanischen Firma Ajinomoto, die einem breiteren Publikum eher als Produzent des Geschmacksverstärkers Glutamat bekannt ist. Das Unternehmen stellt auch den Grundstoff für eine spezielle Isolierfolie her – und genau dort harzt es ...Bild: keystone

Warum sich die weltweite Chipkrise wegen eines Glutamat-Herstellers aus Japan zuspitzte

Die Corona-Pandemie, Naturkatastrophen und der US-Handelskrieg gegen China haben die Halbleiter-Krise mitverursacht. Dann kam auch noch Pech hinzu – in Gestalt einer speziellen Isolierfolie.
13.12.2021, 20:00

Fehlende Mikroprozessoren haben in diesem Jahr nicht nur der Automobilindustrie heftig zugesetzt. Das Beratungsunternehmen Goldman Sachs identifizierte 169 Branchen, die in diesem Jahr unter dem ständigen Chipmangel zu leiden hatten.

Darunter sind auch die Hersteller von Smartphones, Computern, WLAN-Routern und medizinischen Geräten. Und für 2022 erwarten Experten noch keine echte Trendwende. Etliche Probleme, die zur globalen Chipkrise massgeblich beigetragen haben, bestehen nämlich noch immer.

Der Mangel an Halbleitern ist gemäss Beobachtern eines der grössten Risiken für die wirtschaftliche Erholung Europas von den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Was war der Auslöser für die Chipkrise?

Um die künftige Situation besser einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick zurück: Anfang 2020 sah die Welt noch rosig aus. Die Halbleiterindustrie hatte gerade einen langanhaltenden Abschwung überwunden und stand kurz vor einem kräftigen Konjunkturaufschwung. Doch dann tauchte Covid-19 auf und insbesondere die Automobilbranche fürchtete eine schwächere Nachfrage.

Tatsächlich brachen die Fahrzeug-Verkäufe im Frühjahr 2020 kurz ein. Fast panikartig stornierten die Chef-Einkäufer der Automobilkonzerne ihre Aufträge an grosse Chiphersteller wie TSMC in Taiwan. Das sollte sich allerdings als folgenschwere Fehleinschätzung erweisen.

Nachfrage stieg stark an

«Plötzlich stieg die Nachfrage nach Autos nämlich wieder stark an», sagt Kota Yuzawa, Automobil-Analyst bei Goldman Sachs. Die stornierten Fertigungskapazitäten in der Chipindustrie standen den Auto-Konzernen aber nicht mehr zur Verfügung. Sie waren inzwischen längst an die Hersteller von Unterhaltungselektronik weitergereicht worden.

«Wir haben in dieser Zeit von zu Hause gearbeitet, von zu Hause aus Sport gemacht, von zu Hause aus Schule gehabt und uns zu Hause unterhalten», sagt Branchenexpertin Julia Hess von der Berliner Stiftung Neue Verantwortung. Das habe zu einer erhöhten Nachfrage nach Smartphones, Tablets, Laptops und Spielekonsolen geführt. Damit waren die globalen Chip-Vorräte schnell aufgebraucht.

Die Halbleiter-Fabriken, die sogenannten Fabs, konnten nicht mehr kontrolliert runtergefahren werden.

Welche Faktoren haben die Lage verschlimmert?

Verschärft wurde die Lage durch eine Kette unglücklicher Ereignisse, die vielleicht nur Klima-Aktivisten vorhergesehen hatten. Im Februar 2021 mussten Chiphersteller wie Samsung, NXP und Infineon den Betrieb in Austin, Texas, stoppen.

Nach heftigen Schneestürmen war die Stromversorgung ausgefallen, die Halbleiter-Fabriken, die sogenannten Fabs, konnten nicht mehr kontrolliert runtergefahren werden. Dadurch wurden nicht nur die Produktionsanlagen beschädigt, sondern auch Komponenten der Infrastruktur der Werke.

Naturkatastrophen und Wirtschaftskrieg

Auch in Japan kam es zu Ausfällen – hier durch Naturkatastrophen und Brände in Chipfabriken. So wurde eine Fertigungsanlage des Chip-Herstellers Renesas Electronics im März 2021 bei einem Grossfeuer beschädigt, wodurch sich die Knappheit von Mikrocontrollern verschärfte.

Als wäre das noch nicht genug, trug auch die grosse Politik zum globalen Chipmangel bei. Der damalige US-Präsident Donald Trump hatte sich vorgenommen, den globalen Einfluss von chinesischen Hightech-Konzernen wie Huawei zu begrenzen und verhängte unter anderen Sanktionen im Bereich der Chiptechnologie. Daraufhin kauften chinesische Unternehmen im grossen Stil noch verfügbare Chips und Herstellungsanlagen ein.

Was hat es mit der ABF-Folie auf sich?

Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht, zumal es in verschiedenen betroffenen Branchen unterschiedliche Engpässe gibt. Der Automobilindustrie fehlen die Chips, weil die Herstellung der Halbleiter in den Fabs den Bedarf nicht decken kann und sich so als Nadelöhr erweist.

Bei Spielekonsolen wie der Playstation 5 von Sony, die zum Weihnachtsgeschäft kaum zu haben war, wurde die Knappheit hingegen nicht durch Engpässe in den Fabs verursacht. Hier fehlte es vor allem an einer speziellen Isolierfolie, die für die Produktion von Trägerplatten für die bereits gefertigten Chips benötigt wird.

Für den Grundstoff der sogenannten ABF-Folie gibt es weltweit nur einen Hersteller, den japanischen Konzern Ajinomoto, der einem breiteren Publikum eher als Produzent des Geschmacksverstärkers Glutamat bekannt ist. Ajinomoto hatte an ABF aber bislang kaum etwas verdient und deshalb wenig Interesse, diesen Bereich aufzustocken.

«Für die Chiphersteller ist das sehr frustrierend. Der Silizium-Wafer ist belichtet und eigentlich fertig. Und dann fehlt es mit ABF an einem vergleichsweise billigen Material, um den letzten Produktionsschritt zu absolvieren», sagt Jan-Peter Kleinhans, der zusammen mit Julia Hess für die Stiftung Neue Verantwortung eine Studie zu den Ursachen der Chipkrise veröffentlicht hat. «Dieses Problem wird auch nicht durch mehr Fabs gelöst.»

US-Präsident Joe Biden hält einen Silizium-Wafer in die Kameras.
US-Präsident Joe Biden hält einen Silizium-Wafer in die Kameras.Bild: keystone

Wie gehts weiter?

Auf Druck der Kunden baut Ajinomoto nun seine ABF-Produktion aus. Und auch die grossen Chiphersteller wie Intel und Infineon schrauben ihre Fertigungskapazitäten in die Höhe, damit die Knappheit im nächsten Jahr gemildert und im Jahr 2023 komplett überwunden wird. Doch selbst mit Milliarden-Investitionen kann man nicht an der Uhr drehen.

«Der Ausbau unserer bestehenden Fabs in Irland dauert zwischen 18 und 24 Monaten», sagt die Deutschland-Chefin von Intel, Christin Eisenschmid. Beim Neubau einer Anlage müsse man sogar mit vier Jahren rechnen. «So eine Fabrik ist hochkomplex, erfordert ein gewaltiges Investitionsvolumen, damit die neuste Ausrüstung angeschafft werden kann.»

Was haben die Chip-Abnehmer vor?

Aber nicht nur die Beteiligten an der Produktion der Halbleiter erledigen ihre Hausaufgaben, sondern auch die Abnehmer – beispielsweise in der Automobilindustrie: In dem europaweiten Partnernetzwerk Catena-X wollen beispielsweise die wichtigsten Player – von BMW und Bosch über Mercedes-Benz bis hin zu Volkswagen – ihre Lieferketten transparenter machen. Damit sollen auch die Chiphersteller besser kalkulieren können, ob nur kurzfristig ein Nachfrage-Strohfeuer lodert oder ob sich ein Ausbau in bestimmten Segmenten langfristig lohnt.

Bei der Bewältigung der Chipkrise rechnen alle Beteiligten aber auch damit, dass sich der Staat aktiv beteiligt. «Wir sind bereit, ein Investment in Höhe von mehreren Milliarden Euro zu tätigen», sagt Intel-Managerin Eisenschmid. «Wir schaffen es aber nicht allein.»

In anderen Regionen der Welt werde die Chip-Herstellung massiv subventioniert. «Das ist auch der Grund, warum sich die Fertigung von Europa nach Asien und verschoben hat.»

Was tut sich in Europa?

In der ersten Hälfte 2022 will die EU gemäss aktuellen Medienberichten ein europäisches Chip-Gesetz vorlegen, um bei der Entwicklung und Herstellung von Mikrochips mit der Weltspitze gleichzuziehen. Bis 2030 sollen 20 Prozent der Weltproduktion aus Europa stammen, schreibt n-tv.de

Aktuell stammten rund 9 Prozent der globalen Halbleiter-Fertigung aus Europa. «Das waren in den 90er Jahren noch 44 Prozent», sagt die Intel-Managerin.

Gruppenbild mit Hunden:
Gruppenbild mit Hunden:Bild: keystone

Über das Wochenende wurde nun publik, dass Taiwans Techgigant TSMC in Deutschland Fuss fassen wolle. Der weltweit grösste Auftragsfertiger von Chips, der auch den iPhone-Hersteller Apple beliefert, plane eine Halbleiterfabrik.

In Zeiten massiver Lieferengpässe seien die Pläne ein Hoffnungsschimmer, dass Europa seine Chipproduktion in absehbarer Zeit deutlich hochfahren könne und sich damit ein Stück weit unabhängig von der Zulieferung aus Asien mache.

Quellen

(dsc/sda/awp/dpa)

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