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«Wir sind bereit zu sterben»: Die 8 Kampftage der Frauen in Afghanistan

09.09.2021, 20:2210.09.2021, 12:27
Yasmin Müller
Yasmin Müller
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Frauen in Afghanistan gehen zurzeit auf die Strasse, um für ihre Rechte, gegen die Taliban und gegen Pakistan zu demonstrieren. Afghanische Journalisten, welche über die Frauen-Demonstrationen berichten wollten, wurden von den Taliban schwer misshandelt.

Eine Chronologie des Frauen-Widerstands:

Tag 1

Am Donnerstag, dem 2. September, zogen Frauen durch die Strassen von Herat – der grössten Stadt im Westen Afghanistans. Die Afghanin Sabira Taheri, welche die Demonstration organisiert hatte, sagte damals gegenüber der Washington Post: «Zwei Wochen war ich nun zu Hause und habe den Boden gewischt. Jetzt ist genug. Wir müssen unser Schweigen brechen.»

Tag 2

Am Freitag, dem 3. September, twitterte der afghanische Zeitungsherausgeber Zaki Daryabi ein Video eines Frauenrechts-Demonstrationszuges in Kabul in der Nähe des Präsidentenpalastes.

Während des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 waren die Rechte der Frauen stark eingeschränkt: Frauen durften in Afghanistan nicht mehr arbeiten, das Haus nur noch verschleiert und in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen, und in der Öffentlichkeit weder laut sprechen noch lachen.

Zudem wurden Mädchen systematisch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befürchten seit der wiederholten Machtübernahme der Taliban, dass ihre Rechte erneut stark eingeschränkt werden. Darum hielten die Frauen Schilder hoch mit Statements wie «Wir sind nicht die Frauen von vor zwanzig Jahren!» oder «Gleichheit – Gerechtigkeit – Demokratie!»

Tag 3 und 4

Auch in den folgenden Tagen gingen die Frauen in Kabul für ihre Rechte auf die Strasse. Am Samstag, dem 4. September, sagte die Demonstrantin Taranum Sajidi gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass sie angesichts der Situation gezwungen sei, auf die Strasse zu gehen und ihr Recht einzufordern, denn sie habe drei Universitätsabschlüsse – und nun werde von ihr verlangt, dass sie zu Hause bleibe. Was sie entschieden nicht tun werde.

Auf einem Tweet der BBC-Journalistin Yalda Hakim vom 4. September ist zu sehen, wie eine Frau in ein Megaphon spricht, während sie von Taliban-Kämpfern umring ist. Videos zeigen, wie sich die Frauen Parolen-Duelle mit den Taliban liefern.

Bereits am Samstag wird die Stimmung zwischen den Taliban und den Frauen zunehmend aggressiv: Es kommt zu chaotischen Szenen, bei denen Taliban beginnen, die Frauen zu bedrohen und körperlich anzugreifen, um die Proteste zu stoppen. Das Kamera-Team von Daryab hält einige dieser chaotischen Szenen fest:

Afghanischen Print-Medien unterstützen die demonstrierenden Frauen:

Tag 5

Am Montag, dem 6. September, ändern sich die Forderungen auf den Strassen Kabuls, denn die Taliban haben nach eigenen Angaben das Pandschir-Tal eingenommen. Der Widerstandskämpfer Ahmad Massoud hatte zuvor Truppen im Pandschir-Tal gesammelt, um von dort aus den Widerstand gegen die Taliban zu koordinieren.

Nach der Übernahme des Pandschir-Tales durch die Taliban rief Massoud öffentlich dazu auf, weiterhin Wiederstand gegen die Taliban – sowie deren Verbündeten Pakistan – zu leisten.

Ahmad Massoud, Anführer der «Nationalen Widerstandsfront von Afghanistan» (NRF).
Ahmad Massoud, Anführer der «Nationalen Widerstandsfront von Afghanistan» (NRF).
Bild: getty

Doch warum auch gegen Pakistan? Der Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Fais Hamid, hatte sich in den Tagen zuvor in Kabul mit Taliban Vertretern getroffen. Deshalb gehen viele Afghaninnen und Afghanen davon aus, dass die pakistanische Regierung die Taliban bei der militärischen Machtübernahme unterstützt hätten.

Tag 6

Für die demonstrierenden Frauen wurden dadurch nicht nur die Taliban, sondern auch die pakistanische Regierung zur Bedrohung ihrer Rechte. Seit Dienstag, 7. September, sind darum auch Schilder mit Slogans wie «Tod Pakistans» oder «Lang lebe der Widerstand» an den Frauendemos vertreten.

Am selben Tag sagt Zabiullah Mujahid, der Sprecher der Taliban im Fernseher, dass die Demonstrationen illegal seien.

Frauen demonstrieren für ihre Rechte – und für den «Tod Pakistans».
Frauen demonstrieren für ihre Rechte – und für den «Tod Pakistans».
Bild: keystone

Tag 7 und 8

Am Mittwoch, 8. September, spricht eine Demonstrantin mit der BBC-Journalistin Yalda Hakim und sagt: «Wie ich sind hunderte, tausende Frauen und Mädchen in Afghanistan bereit zu sterben. Das ist unser Schicksal. Sie werden uns unsere Rechte nicht nehmen können, denn wir werden weiter protestieren, auch wenn wir dabei sterben.»

Am selben Tag tauchen Videos auf, die zeigen, wie die Taliban versuchen, die Demonstrantinnen durch Schüsse in die Luft zu zerstreuen.

Am Mittwoch, 8. September twitterte der Zeitungsherausgeber Daryabi, dass einige seiner Journalisten von den Taliban gefoltert wurden, als sie über die Proteste berichteten.

Auch weitere Journalisten berichten von Misshandlungen und Drohungen – auch ausländische Medienschaffende seien betroffen.

Am Dienstag hatten die Taliban die ersten Mitglieder der neuen Übergangsregierung vorgestellt. Eine Frau sucht man darin vergeblich.

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Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

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Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan
quelle: laurence brun /gamma-rapho via getty images
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