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Taliban verbannen Frauen-Gesichter – mit diesem Widerstand haben sie aber nicht gerechnet

Die Taliban haben angeordnet, dass Frauen im Fernsehen einen Gesichtsschleier tragen müssen. Der Widerstand gegen diese Vorschrift ist kreativ.
23.05.2022, 10:5424.05.2022, 10:46

Das frauenverachtende Regime der Taliban hält wieder Einzug im Leben der Afghaninnen. Der neueste Clou der Gotteskrieger: Nachrichtensprecherinnen müssen ihr Gesicht verschleiern.

Doch die Taliban haben nicht mit der Solidarität der männlichen Nachrichtensprecher mit ihren Kolleginnen gerechnet. Denn plötzlich tragen auch die Männer zur exklusivsten Primetime Gesichtsbedeckungen.

Wie es dazu kam:

8. Mai: Die neue Verordnung – oder der fragwürdige Fokus

Seit August sind die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht. Und seit da wird das Leben der Frauen systematisch Schritt für Schritt eingeschränkt. Für Mädchen wird der Zugang zu Bildung stark erschwert und Frauen dürfen das Haus maximal im Umkreis von 72 km verlassen – es sei denn, sie sind in männlicher Begleitung. Frauen wurde sogar der Zugang zu medizinischen Einrichtungen ohne männliche Aufsicht untersagt.

Afghanische Lehrerinnen protestieren vor dem Ministerium für Bildung, damit die Sekundarschulen wieder für Mädchen geöffnet werden, Kabul, 26. März 2022.
Afghanische Lehrerinnen protestieren vor dem Ministerium für Bildung, damit die Sekundarschulen wieder für Mädchen geöffnet werden, Kabul, 26. März 2022.Bild: keystone
Afghanische Kinder nehmen an einer Bildungsveranstaltung von der Pen Path Civil Society teil. Pen Path ist eine zivilgesellschaftlichen Initiative, die afghanischen Kindern Zugang zu Bildung bietet, überall da, wo es keine Schulen gibt – in Form von Unterricht und mobilen Bibliotheken. Auch Mädchen sind ausdrücklich angehalten, am Unterricht teilzunehmen. Zudem soll ein Programm eingerichtet werden, bei dem Mädchen von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen könnten. Bild: Kandahar, 17. Mai 2022.<br>
Afghanische Kinder nehmen an einer Bildungsveranstaltung von der Pen Path Civil Society teil. Pen Path ist eine zivilgesellschaftlichen Initiative, die afghanischen Kindern Zugang zu Bildung bietet, überall da, wo es keine Schulen gibt – in Form von Unterricht und mobilen Bibliotheken. Auch Mädchen sind ausdrücklich angehalten, am Unterricht teilzunehmen. Zudem soll ein Programm eingerichtet werden, bei dem Mädchen von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen könnten. Bild: Kandahar, 17. Mai 2022.
Bild: keystone

Seit Anfang Mai gilt noch eine weitere Vorschrift: Frauen müssen in der Öffentlichkeit nicht nur ihre Haare und den Körper, sondern auch das Gesicht verhüllen. In einem Erlass des Taliban-Chefs Haibatullah Achunsada vom 8. Mai heisst es:

«Frauen sollten einen Tschadori (eine von Kopf bis Fuss reichende Burka, Anm. watson) tragen, da dies traditionell und respektvoll ist.»

Heutzutage tragen die meisten Frauen in Afghanistan ein Kopftuch – aber viele bedecken ihr Gesicht nicht. Doch nun feiern der Gesichtsschleier und die Burka wohl ein grossflächiges Comeback im Land am Hindukusch. Bereits in der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 war die Burka das weltweite Symbol – das Schreckgespenst – für die frauenverachtende Herrschaft der Taliban.

Weiter heisst es in dem Dekret des Ministeriums für die Verbreitung von Tugend und die Verhinderung von Lastern (Ministerium für Sitte und Tugend), dass der Vater oder der engste männliche Verwandte einer Frau aufgesucht, inhaftiert oder aus dem Staatsdienst entlassen werde, wenn eine Frau ihr Gesicht ausserhalb des Hauses nicht bedeckt.

So sollen alle Frauen in Afghanistan in der Öffentlichkeit herumwandeln, Kabul, 05. Dezember 2022.
So sollen alle Frauen in Afghanistan in der Öffentlichkeit herumwandeln, Kabul, 05. Dezember 2022.Bild: keystone
Schaufensterpuppen müssen kopflos sein in Kabul. Das haben die Taliban bereits im Januar entschieden, Kabul, 24. Januar 2022.
Schaufensterpuppen müssen kopflos sein in Kabul. Das haben die Taliban bereits im Januar entschieden, Kabul, 24. Januar 2022. Bild: keystone

In einem Gespräch mit Al-Jazeera sagte Fawsia Koofi, ehemalige stellvertretende Sprecherin des afghanischen Parlaments, dass die Dekrete der Taliban schlicht ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen sei:

«Bestimmte Personen innerhalb der Taliban haben einfach versucht, ihre eigenen, selbst interpretierten Prinzipien im Namen der Religion durchzusetzen. Das hat keine Grundlage im Islam.»

Und weiter spricht Koofi die scheinbar verquere Innenpolitik der Taliban-Regierung an:

«Die Frage ist, warum inmitten all des Leids, das das afghanische Volk erleidet, nur die Frauenfrage Priorität hat.»

Denn in Afghanistan herrscht zurzeit eine der schlimmsten Wirtschafts- und Hungerkrisen weltweit. Nicht zuletzt auch darum, weil seit der Machtübernahme durch die Taliban die USA und andere Länder die Entwicklungshilfe gekürzt und strenge Sanktionen gegen das Bankensystem verhängt haben. Doch sowohl die Anerkennung der Taliban als auch eine Lockerung der Sanktionen sind von der internationalen Gemeinschaft unter anderem an die Forderung nach Bildung von Mädchen gekoppelt.

Ob der Fokus der Taliban auf Frauenkleider mitunter ein Ablenkungsmanöver ist, ist unklar. Klar ist aber, dass unter der Talibanregierung kein einziges Dekret erlassen wurde, um dieser Wirtschaftskrise und dem Hunger im Land Herr zu werden.

19. Mai: Die Fernsehsprecherinnen verschleiern sich

Am 19. Mai haben die Taliban-Behörden ‹Öffentlichkeit› auch auf Fernsehsender ausgeweitet: Weibliche Moderatoren sollen nun auch ihr Gesicht bedecken, wenn sie auf Sendung sind. Die Eliminierung der Frau in der Gesellschaft schreitet also voran.

Moderatorinnen mit bedecktem Gesicht wären gute Vorbilder für alle Frauen in Afghanistan, erklärte Akif Muhajir, ein Sprecher des Taliban-Ministeriums für Sitte und Tugend, gegenüber Al-Jazeera.

Die Moderatorin Khatereh Ahmadi präsentiert die Nachrichten auf ToloNews mit Gesichtsschleier, 22. Mai 2022.
Die Moderatorin Khatereh Ahmadi präsentiert die Nachrichten auf ToloNews mit Gesichtsschleier, 22. Mai 2022.Bild: keystone

Der afghanische nationale Nachrichtensender ToloNews gab die neue Regelung am Donnerstag auf seinem offiziellen Twitter-Account bekannt. Dazu vermeldet er, dass Vertreter der Ministerien für Sitte und Tugend sowie für Information und Kultur das Urteil als nicht verhandelbar ansähen.

Bei Missachtung der Regeln drohe Entlassung. Auch männliche Verwandte wie Väter, Ehemänner oder andere der Frauen müssen mit einer Strafe rechnen – ebenso wie TV-Manager, die diese Anordnung nicht durchsetzen.

ToloNews-Moderatorin Sonja Niazin sagte gegenüber Al-Jazeera:

«Dieser Erlass war für alle Moderatorinnen nicht vorhersehbar, denn der Islam hat uns nicht befohlen, unser Gesicht zu verhüllen. Jeder islamische Gelehrte und jede politische Persönlichkeit hat sich gegen diesen Erlass ausgesprochen.»

Muhajir präzisierte, dass weibliche Moderatoren ihr Gesicht auch durch das Tragen einer medizinischen Gesichtsmaske bedecken könnten, wie es während der COVID-19-Pandemie weit verbreitet war, wie Reuters schreibt.

Und genau diese Präzisierung fliegt den strenggläubigen und konservativen Taliban nun in Form eines unerwarteten Protestes um die Ohren.

Mit akkurater Frisur und Gesichtsmaske – die News in Afghanistan

Zuerst kamen nur eine Handvoll Nachrichtensender der neuen Anordnung der Taliban nach. Doch bereits am Sonntag waren die meisten Moderatorinnen mit verschleiertem Gesicht zu sehen.

Doch nicht nur die Frauen tragen im Fernsehen eine Maske: In einem Akt der Solidarität verdeckten plötzlich auch die männlichen Mitarbeiter einiger Sender ihre Gesichter – darunter auch der Hauptnachrichtensprecher von ToloNews und 1TV.

Mit akkurater Frisur, einer goldenen Krawatte und passendem Pochette sass zum Beispiel Nesar Nabil auf ToloNews neben einem Taliban-Vertreter im Nachrichtenstudio – und protestiert so dezent.

Nesar Nabil moderiert die Abendnachrichten auf ToloNews, 22. Mai 2022.
Nesar Nabil moderiert die Abendnachrichten auf ToloNews, 22. Mai 2022.Bild: keystone
Nesar Nabil: Mit akkurater Frisur, einer goldenen Krawatte und passendem Pochette protestiert öffentlich gegen die Taliban-Verordnung – mit Gesichtsmaske.
Nesar Nabil: Mit akkurater Frisur, einer goldenen Krawatte und passendem Pochette protestiert öffentlich gegen die Taliban-Verordnung – mit Gesichtsmaske.Bild: keystone

Doch die Rebellion der afghanischen Moderatoren gefällt nicht allen: Auf den sozialen Medien gibt es mindestens so viel verachtende Posts über die Rebellen wie Applaus für sie. So schreibt ein Gotteskrieger, dass Journalisten sowieso keine gute Arbeit leisten würden – immerhin postet er dazu ein Bild, auf dem auch die Moderatorinnen von ToloNews zu sehen sind.

Der Kampf der Frauen in Afghanistan um ihre Rechte ist also in die nächste Runde gegangen. Und diese Runde ist noch nicht entschieden. Denn der Widerstand wird in jedes Wohnzimmer des Landes getragen. Er ist sichtbar.

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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«Vergesst Afghanistan nicht» – die Situation junger Frauen in Afghanistan

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109 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Back in Time
23.05.2022 11:14registriert November 2019
IMHO war das von Anfang an absehbar, als die Taliban zurückgekehrt sind. Mit Vollgas zurück ins finsterste Mittelalter, weil die Typen offenbar nicht fähig oder willig sind, sich weiterzuentwickeln.
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A6524
23.05.2022 11:14registriert Mai 2021
Jeder Vater, der seiner Tochter die Vollverschleierung aufzwingt oder sich nicht solidarisch zeigt ist seiner Tochter nicht würdig.
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stormcloud
23.05.2022 11:24registriert Juni 2021
Was für jämmerliche Gestalten, die ihre Komplexe hinter ihrer Religion verstecken müssen.
Mir tun die Frauen leid, die sich hier unter Gewaltandrohung fügen müssen und nichts tun können, um aus ihren Lebensverhältnissen zu entkommen.
Und auch die Jungen und Mädchen, die schon in frühester Kindheit von diesen rückständigen Bartfuzzis indoktriniert werden.
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