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Zeitenwechsel beim afghanischen Sender RTA: Statt Frauen moderieren die Taliban die Nachrichtensendung.
Zeitenwechsel beim afghanischen Sender RTA: Statt Frauen moderieren die Taliban die Nachrichtensendung. Bild: twitter

Taliban 2.0 – oder warum man den Gotteskriegern niemals vertrauen sollte

Auch am Tag 4 nach der Machtübernahme der Taliban bleiben in Kabul Gräueltaten aus. Journalistinnen moderieren weiter TV-Sendungen – früher unvorstellbar. Mancherorts zeigen die Terror-Krieger aber bereits ihr altes Gesicht. Wie gemässigt sind die Taliban 2.0 tatsächlich?
18.08.2021, 19:4819.08.2021, 15:06

Der News-Sender Tolo war jahrelang ein Sinnbild für die rasante Modernisierung Afghanistans. Moderatorinnen und Journalisten versorgten das Land Tag und Nacht mit den neusten Nachrichten aus dem Vielvölkerstaat.

Viele dachten, dass mit dem Einmarsch der Taliban in Kabul die weiblichen TV-Anchors umgehend aus dem Studio verbannt werden. Denkste: Auch am Tag 4 nach der Machtübernahme der Taliban moderieren Frauen News-Sendungen. Ein Taliban-Sprecher liess sich sogar live im Scheinwerferlicht von einer Journalistin interviewen. Unter dem Taliban-Regime der 1990er-Jahre unvorstellbar. Menschen wurden damals in Fussballstadien öffentlich hingerichtet, Leichen säumten die Strassen, Frauen wurden gezwungen, sich komplett zu verhüllen, die Burka wurde zu ihrer Standardbekleidung.

Noch sind sie freundlich: Ein Taliban-Kämpfer patrouilliert in Kabul.
Noch sind sie freundlich: Ein Taliban-Kämpfer patrouilliert in Kabul. Bild: keystone

In diesen Tagen präsentieren sich die Taliban gegen aussen gemässigt. Sie verkünden Amnestie für alle Kollaborateure des Westens. Der frühere Präsident Hamid Karzai trifft sich mit der Taliban-Führung vor laufenden Kameras zu Gesprächen. Die PR-Abteilung der einstigen Terrorfürsten hat ihre Lehren offenbar gezogen und spricht sogar von Frauenrechten, die sie «innerhalb der Scharia» zusicherten. Die grosse Frage ist: Meinen es die «Taliban 2.0» mit ihrem «Kuschelkurs» ernst – oder warten sie nur darauf, bis das Land aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit verschwindet?

Grosse Skepsis bei den Schulen

Das Regime hat auch versprochen, dass der Schulbetrieb auch für Mädchen weiterlaufe. Marga Flader vom Verein Afghanistan-Schulen ist skeptisch über den neuen Kurs. Aussagen wie diese würden nur gemacht, damit internationale finanzielle Leistungen weiterliefen. «Ich glaube, niemand hat Vertrauen in die Taliban. Wir vermuten eher, dass sie im Moment diese Aussagen machen und ihre Meinung aber später wieder ändern, wie sie es auch in der Vergangenheit gemacht haben», sagt sie zu Deutschlandfunk.

In der Stadt Mashar-e-Sharif, die bereits am Samstag von den Taliban eingenommen wurde, handelte das Regime blitzschnell. Ab der zehnten Klasse müssten die Mädchen eine Burka tragen – das nicht im Unterricht, aber auf dem Weg zur Schule –, und Frauen dürften Jungen höchstens noch bis zur vierten Klasse unterrichten, führt Flader aus.

«Die Taliban fingen an, sie zu schlagen. Meine Mutter brach zusammen, und sie schlugen sie weiter mit ihren Gewehren.»
Tochter eines Taliban-Opfers

In der Provinz Faryab ganz im Norden des Landes sind die Taliban seit Juli an der Macht. Dort gehen sie bereits wieder gewaltsam gegen Frauen vor, wie CNN berichtet. Eine Frau kochte dort für Taliban-Kämpfer, als sie in ihr Haus eindrangen. «Die Taliban fingen an, sie zu schlagen. Meine Mutter brach zusammen, und sie schlugen sie weiter mit ihren Gewehren», schildert eine Tochter einer CNN-Korrespondentin. Sie sagte weiter, dass die Mutter die Kämpfer anschrie, aufzuhören. Die Taliban hätten einen Moment inne gehalten, bevor sie eine Granate in den Nebenraum warfen und flohen, als sich die Flammen ausbreiteten. Die vierfache Mutter starb wegen der Attacke. Das sei nur ein Beispiel von vielen.

Taliban-Kader Zabihullah Mujahid zeigte sich vor den Medien gemässigt.
Taliban-Kader Zabihullah Mujahid zeigte sich vor den Medien gemässigt. Bild: keystone
«Es gibt nur mörderische, mittelalterlich bis steinzeitlich denkende, primitive Taliban. Man kann sie nur bekämpfen».
Hasnain Kazim

Den Taliban vertrauen? Niemals! Der deutsche Journalist Hasnain Kazim reiste als Südasienkorrespondent unzählige Male durch Afghanistan. «Es gibt keine guten Taliban»: In einem Essay in der «ZEIT» bilanziert er, die Taliban seien zu Frieden nicht fähig. «Man kann sie nur bekämpfen», so der Sohn indisch-pakistanischer Eltern. Derzeit sei sogar die Rede davon, dass die Taliban in Pakistan Unabhängigkeit für Gebiete an der Grenze zu Afghanistan beanspruche.

Den Taliban sei egal, was die Welt über sie denke. Sie seien so oder so erfolgreich. Seinen Aufsatz schliesst Kazim mit folgenden Worten:

Die Realität ist: Die Taliban sind da, man kommt nicht um sie herum. Man sehe mir nach, dass ich nach all den Erfahrungen mit ihnen niemals glauben werde, dass ein Frieden mit ihnen möglich ist. Es gibt keine «guten Taliban», wie es manchmal heisst. Es gibt keine Taliban, mit denen man reden, verhandeln kann. Es gibt nur mörderische, mittelalterlich bis steinzeitlich denkende, primitive Taliban. Man kann sie nur bekämpfen.

Am Beispiel der TV-Stationen zeigt sich, wie schnell es derzeit in Afghanistan gehen kann. Beim Sender RTA Dari moderierten noch letzte Woche Frauen die News-Sendung. Bereits am Montag sass ein Taliban-«Anchor» vor den Kameras, wie SRF-Korrespondentin Anita Bünter schreibt. Auch beim staatlichen afghanischen Fernsehen wurde eine Frau vom Bildschirm verbannt. «Geh nach Hause, das Regime hat gewechselt», sagte ein Taliban zu ihr. Bleibt also die Frage, wie lange auf Tolo News noch Frauen moderieren.

(amü)

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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