International
Afrika

Kongo-Konflikt: Vergewaltigungen und Tote nach M23-Einmarsch in Goma

epa11874929 Members of the Congolese Red Cross and volunteers bury victims of the recent conflict in a cemetery in Goma, Democratic Republic of the Congo, 04 February 2025. Over 900 people were killed ...
Mitarbeitende des kongolesischen Roten Kreuzes und Freiwillige beerdigen Opfer des bewaffneten Konflikts. Bild: keystone

«Potenziell tausende weitere Todesopfer» – das passiert gerade im Ostkongo

Mit dem Einmarsch der M23-Rebellen in die Stadt Goma Ende Januar erreichte der krisengebeutelte Osten des Kongos eine neue Eskalationsstufe. Worum es im Konflikt geht, wer involviert ist und wie es um die Menschen vor Ort steht, erfährst du hier.
06.02.2025, 16:2214.02.2025, 14:43
Mehr «International»

Was ist passiert?

Seit dem Einmarsch der M23-Rebellen in Goma Ende Januar sind bei den Gefechten laut Angaben der UNO mindestens 2900 Menschen gestorben. Die Zahl sei (Stand 6. Februar) allerdings noch nicht endgültig, wird festgehalten. «Wir erwarten, dass sie steigen wird, und es gibt immer noch viele verwesende Leichen in bestimmten Gebieten», sagt Vivian van de Perre, die Vizechefin der Friedensmission Monusco.

M23-Kämfper und ruandische Truppen haben zudem ihren Eroberungszug in Richtung Provinzhauptstadt Bukavu fortgesetzt und die auf dem Weg liegende Bergbaustadt Nyabibwe eingenommen. Dies, nachdem sie am Montag eine einseitige Waffenruhe angekündigt und zwei Tage später zugleich wieder gebrochen hatten.

Van de Perren hatte in der unerwarteten Ankündigung des Waffenstillstands einen Hoffnungsschimmer gesehen: «Ich hoffe, dass es dabei bleibt, denn die M23 bewegte sich bereits mit Verstärkungen und schwerer Bewaffnung in Richtung Bukavu, was auf den Strassen von Goma zu sehen war.»

«Andernfalls werden wir einen neuen Zusammenstoss mit potenziell tausenden weiteren Todesopfern erleben.»
Vivian van de Perre
Update
Diese Story ist bereits auf watson veröffentlicht worden. Aus aktuellem Anlass haben wir uns entschieden, sie zu aktualisieren und erneut zu publizieren.

Ebenfalls für Aufruhr sorgte ein Gefängnisausbruch in Goma, bei dem 4000 Insassen entkamen. Die Häftlinge sollen im Anschluss zwischen 165 und 167 im gleichen Gefängnis inhaftierte Frauen vergewaltigt und ihren Flügel in Brand gesetzt haben. Alle Insassinnen seien lebendig verbrannt worden, teilt Monusco-Vizechefin van de Perre mit.

Wie kam es zur Eskalation?

Die Gruppe M23 verkündete in der Nacht auf den 27. Januar, sie hätten die Stadt Goma eingenommen. Das taten sie kurz vor Ablauf eines Ultimatums an Soldaten der kongolesischen Armee, die sie aufgefordert hatten, ihre Waffen niederzulegen. Die Regierung bestritt die Einnahme zunächst.

Die Einwohnerinnen und Einwohner sollen Ruhe bewahren und die Soldaten der kongolesischen Armee sollen im zentralen Stadion ihre Waffen abgeben, forderten die Rebellen in einem Statement.

Bereits am Sonntag vor dem Einmarsch war der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammengekommen, um die eskalierende Lage zu besprechen. «Die Strassen sind blockiert und der Flughafen kann nicht mehr für Evakuierungen oder humanitäre Hilfe genutzt werden», berichtete Bintou Keita, Leiterin der UN-Mission im Kongo, dem Sicherheitsrat.

«Mit anderen Worten: Wir sitzen in der Falle.»
Bintou Keita

Kongos Aussenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner sprach von einer «Kriegserklärung» Ruandas gegen ihr Land. Sowohl die kongolesische Regierung in Kinshasa als auch UNO-Experten werfen Ruanda vor, die Rebellengruppe M23 unter anderem mit Waffen zu unterstützen.

Wer sind die M23-Rebellen?

Die M23 ist die stärkste bewaffnete Gruppe in der ostkongolesischen Grenzregion und besteht grösstenteils aus Tutsi, einer in den ostafrikanischen Staaten Ruanda und Burundi sowie eben im östlichen Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo lebenden Volksgruppe. Sie kämpft seit 2021 gegen die kongolesische Armee – mit Unterstützung von Ruanda und Uganda.

Die Miliz nennt sich «Mouvement du 23-Mars», da die Regierung am 23. März 2009 einen Friedensvertrag unterschrieb, der der Vorgängergruppierung «Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes» (CNDP) den Status einer politischen Partei verleihen sollte. Die aus der CNDP entstandene M23 wirft der Regierung vor, sich nicht an die Vereinbarungen des Friedensvertrags gehalten zu haben und die kongolesischen Tutsi nicht in die Armee und Regierung integriert zu haben.

Worum geht es in diesem Konflikt?

Die Ursachen des Konflikts gehen bis in die Kolonialzeit zurück, als Belgien Tutsi aus Ruanda holte, um sie im Kongo als Arbeitskräfte einzusetzen. Das führte zu rassistischer Ungleichbehandlung der beiden Bevölkerungsgruppen und erzeugte eine Spaltung zwischen der dominierenden Tutsi-Minderheit und der unterdrückten Hutu-Mehrheit, die 1994 im Genozid gegen die Tutsi in Ruanda kulminierte.

Der ruandische Präsident Paul Kagame, der ebenfalls zu den Tutsi gehört, beendete damals den Völkermord. Daraufhin flohen viele Hutu aus Angst vor Rache in den Ostkongo. Die Region gilt seitdem als äusserst instabil.

Die M23 und Ruanda beschuldigen die kongolesische Regierung, die Tutsi auslöschen zu wollen. Die M23-Rebellen stellen sich denn auch als Beschützer der ostkongolesischen Tutsi-Bevölkerung dar. Kritiker Ruandas werfen dem Land jedoch vor, die M23 zu benutzen, um im Ostkongo wertvolle Rohstoffe wie Gold, Kobalt und Tantal zu plündern.

Auch wenn in der Hauptstadt Kinshasa seit der souveränen Wiederwahl des Präsidenten Félix Tshisekedi Ende 2023 politische Stabilität herrscht, sind die Ostprovinzen weiterhin geprägt von Krisen. Die kongolesischen Sicherheitskräfte sind nicht in der Lage, ihr eigenes Territorium zu kontrollieren und der Bevölkerung Schutz zu bieten.

In dieses Vakuum drängen mehr als hundert Rebellengruppen. Die laut UNO von Ruanda mit 4000 Soldaten sowie Waffen unterstützte M23 kontrolliert heute so grosse Teile wie keine andere Miliz.

Welche Rolle spielen die Rohstoffe?

Der Ostkongo ist reich an Rohstoffen wie Gold oder Coltan, das in elektronischen Geräten verbaut wird. Es wird weltweit nur in wenigen Ländern abgebaut und gilt wegen der Situation im Kongo als Konfliktrohstoff. So schreibt etwa der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Kongo, Jakob Kerstan:

«Durch den Schmuggel der oftmals unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebauten Mineralien Zinn, Wolfram, Coltan (Tantal), Gold und Diamanten wird der Konflikt befeuert.»

Ein grosser Teil des Coltans, das der Kongo exportiert, kommt aus der Minenstadt Rubaya. Einst ein verschlafenes Bergdorf, ist die Stadt heute laut Experten die grösste Coltan-Mine der Welt. Ein strategisch zentraler Ort, den seit April 2024 die M23 kontrolliert. Nach Schätzungen der UNO verdient die Miliz über eine Produktionssteuer monatlich 800'000 US-Dollar durch den Coltan-Abbau.

Ein Teil der Rohstoffe im Ostkongo wird illegal abgebaut und durch Ruanda und Uganda geschmuggelt, von wo sie offiziell auf den Weltmarkt gelangen. Die kongolesische Regierung geht davon aus, jährlich eine Milliarde US-Dollar an Einnahmen durch illegal ausser Landes gebrachte Rohstoffe zu verlieren.

Es ist davon auszugehen, dass das wirtschaftlichen Interessen Ruandas, weiterhin an die wertvollen Mineralien zu gelangen, einer der Hauptgründe für die territoriale Ausbreitung der M23 ist.

Wie geht es den Menschen vor Ort?

Den Rebellen werden Morde und massenhaft Vergewaltigungen vorgeworfen. Zudem besetzen sie landwirtschaftliche Anbaugebiete, erheben Zwangsabgaben und kassieren an Strassensperren ab.

Eine besondere Herausforderung besteht aktuell darin, die vielen Toten zu bestatten, bevor sich Krankheiten ausbreiten können.

epaselect epa11876999 Medical workers carry a patient wounded during fighting between the Armed Forces of the Democratic Republic of the Congo (FARDC) and the M23 rebels, in Kyeshero Hospital in Goma, ...
Immer wieder geraten Zivilisten ins Kreuzfeuer der Kämpfe zwischen M23 und der Armee.Bild: keystone

Der Einmarsch in Goma mache eine bereits kritische humanitäre Situation noch schlimmer, warnt Joyce Msuya, stellvertretende Leiterin der UNO-Koordinationsstelle für humanitäre Angelegenheiten (OCHA). Spitäler seien an ihren Belastungsgrenzen und könnten die zahlreichen Menschen, die ins Kreuzfeuer der bewaffneten Gruppierungen geraten seien, nicht behandeln.

Seit Mitte Januar seien mehrfach Bomben auf Flüchtlingslager abgeworfen worden, so ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Folge der Angriffe: zahlreiche Tote, Massenpanik und erneute Fluchtbewegungen.

«Die Flüchtlingslager an den Aussengrenzen der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma sind seit Langem überfüllt, chronisch unterfinanziert und teilweise selbst Kriegsschauplatz, was zu katastrophalen hygienischen Bedingungen und der Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera oder Typhus geführt hat.»
Jakob Kerstan, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Kongo.

Bereits vor dem Einmarsch der M23 in Goma war die humanitäre Situation verheerend. Seit Anfang 2025 mussten gemäss der UNO mehr als 480'000 Menschen im Ostkongo ihr Zuhause verlassen – schon davor zählte das Land rund 5,6 Millionen Binnenvertriebene, davon 4 Millionen im Osten Kongos. Laut UNO-Zahlen sind landesweit mehr als 21 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Ruanda - 20 Jahre Genozid
1 / 10
Ruanda - 20 Jahre Genozid
Nyabimana (Vorname unbekannt) zeigt seine Macheten-Wunden am 4. Juni '94. Macheten wurden während dem Genozid bevorzugt als Waffen eingesetzt. Grund: ihre leichte Verfügbarkeit. Mehr als 80 Prozent der Haushalte besassen eine Machete als Arbeitsinstrument. Zur Vorbereitung des Völkermords wurden nochmals Hunderttausende importiert.
quelle: ap / jean-marc bouju
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Mit blossen Händen ausgegraben – wie Minenarbeiter im Kongo gerettet wurden
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
50 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
chicadeltren
28.01.2025 00:54registriert Dezember 2015
Zu erwähnen wäre noch, dass die Tutsi und Huti eigentlich gar keine unterschiedlichen ethnischen Gruppen, sondern sozioökonomische Gruppen darstellen. Wer mehr als 10 Kühe besass, wurde von den Belgiern als Tutsi definiert, die andern als Hutus. Gleichzeitig wurde der Status dann aber zementiert und man konnte nicht mehr wie früher zwischen sozialen Klassen auf- oder absteigen, was dann letztendlich auch zu den Spannungen geführt hat.
706
Melden
Zum Kommentar
avatar
Punktlandung
27.01.2025 22:30registriert September 2023
Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr Konflikte gibt, an denen zu viele ein Interesse daran haben, dass er weitergeht. Es macht mich traurig und zugleich dankbar, in der Schweiz leben zu dürfen.
398
Melden
Zum Kommentar
50
    CDU stimmt mit AfD: Schulen müssen täglich deutsche Flagge hissen

    Bricht die Brandmauer gegen die AfD weiter ein? Vielleicht. Jedenfalls hat die CDU in einem Landkreis in Sachsen-Anhalt gemeinsam einem Antrag der Rechtsaussen-Partei zum Durchbruch verholfen, wie die deutsche «Bild-Zeitung» berichtet.

    Zur Story