Seit dem Einmarsch der M23-Rebellen in Goma Ende Januar sind bei den Gefechten laut Angaben der UNO mindestens 2900 Menschen gestorben. Die Zahl sei (Stand 6. Februar) allerdings noch nicht endgültig, wird festgehalten. «Wir erwarten, dass sie steigen wird, und es gibt immer noch viele verwesende Leichen in bestimmten Gebieten», sagt Vivian van de Perre, die Vizechefin der Friedensmission Monusco.
M23-Kämfper und ruandische Truppen haben zudem ihren Eroberungszug in Richtung Provinzhauptstadt Bukavu fortgesetzt und die auf dem Weg liegende Bergbaustadt Nyabibwe eingenommen. Dies, nachdem sie am Montag eine einseitige Waffenruhe angekündigt und zwei Tage später zugleich wieder gebrochen hatten.
Van de Perren hatte in der unerwarteten Ankündigung des Waffenstillstands einen Hoffnungsschimmer gesehen: «Ich hoffe, dass es dabei bleibt, denn die M23 bewegte sich bereits mit Verstärkungen und schwerer Bewaffnung in Richtung Bukavu, was auf den Strassen von Goma zu sehen war.»
Ebenfalls für Aufruhr sorgte ein Gefängnisausbruch in Goma, bei dem 4000 Insassen entkamen. Die Häftlinge sollen im Anschluss zwischen 165 und 167 im gleichen Gefängnis inhaftierte Frauen vergewaltigt und ihren Flügel in Brand gesetzt haben. Alle Insassinnen seien lebendig verbrannt worden, teilt Monusco-Vizechefin van de Perre mit.
Die Gruppe M23 verkündete in der Nacht auf den 27. Januar, sie hätten die Stadt Goma eingenommen. Das taten sie kurz vor Ablauf eines Ultimatums an Soldaten der kongolesischen Armee, die sie aufgefordert hatten, ihre Waffen niederzulegen. Die Regierung bestritt die Einnahme zunächst.
Die Einwohnerinnen und Einwohner sollen Ruhe bewahren und die Soldaten der kongolesischen Armee sollen im zentralen Stadion ihre Waffen abgeben, forderten die Rebellen in einem Statement.
Bereits am Sonntag vor dem Einmarsch war der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammengekommen, um die eskalierende Lage zu besprechen. «Die Strassen sind blockiert und der Flughafen kann nicht mehr für Evakuierungen oder humanitäre Hilfe genutzt werden», berichtete Bintou Keita, Leiterin der UN-Mission im Kongo, dem Sicherheitsrat.
Kongos Aussenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner sprach von einer «Kriegserklärung» Ruandas gegen ihr Land. Sowohl die kongolesische Regierung in Kinshasa als auch UNO-Experten werfen Ruanda vor, die Rebellengruppe M23 unter anderem mit Waffen zu unterstützen.
Die M23 ist die stärkste bewaffnete Gruppe in der ostkongolesischen Grenzregion und besteht grösstenteils aus Tutsi, einer in den ostafrikanischen Staaten Ruanda und Burundi sowie eben im östlichen Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo lebenden Volksgruppe. Sie kämpft seit 2021 gegen die kongolesische Armee – mit Unterstützung von Ruanda und Uganda.
Die Miliz nennt sich «Mouvement du 23-Mars», da die Regierung am 23. März 2009 einen Friedensvertrag unterschrieb, der der Vorgängergruppierung «Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes» (CNDP) den Status einer politischen Partei verleihen sollte. Die aus der CNDP entstandene M23 wirft der Regierung vor, sich nicht an die Vereinbarungen des Friedensvertrags gehalten zu haben und die kongolesischen Tutsi nicht in die Armee und Regierung integriert zu haben.
Die Ursachen des Konflikts gehen bis in die Kolonialzeit zurück, als Belgien Tutsi aus Ruanda holte, um sie im Kongo als Arbeitskräfte einzusetzen. Das führte zu rassistischer Ungleichbehandlung der beiden Bevölkerungsgruppen und erzeugte eine Spaltung zwischen der dominierenden Tutsi-Minderheit und der unterdrückten Hutu-Mehrheit, die 1994 im Genozid gegen die Tutsi in Ruanda kulminierte.
Der ruandische Präsident Paul Kagame, der ebenfalls zu den Tutsi gehört, beendete damals den Völkermord. Daraufhin flohen viele Hutu aus Angst vor Rache in den Ostkongo. Die Region gilt seitdem als äusserst instabil.
Die M23 und Ruanda beschuldigen die kongolesische Regierung, die Tutsi auslöschen zu wollen. Die M23-Rebellen stellen sich denn auch als Beschützer der ostkongolesischen Tutsi-Bevölkerung dar. Kritiker Ruandas werfen dem Land jedoch vor, die M23 zu benutzen, um im Ostkongo wertvolle Rohstoffe wie Gold, Kobalt und Tantal zu plündern.
Auch wenn in der Hauptstadt Kinshasa seit der souveränen Wiederwahl des Präsidenten Félix Tshisekedi Ende 2023 politische Stabilität herrscht, sind die Ostprovinzen weiterhin geprägt von Krisen. Die kongolesischen Sicherheitskräfte sind nicht in der Lage, ihr eigenes Territorium zu kontrollieren und der Bevölkerung Schutz zu bieten.
In dieses Vakuum drängen mehr als hundert Rebellengruppen. Die laut UNO von Ruanda mit 4000 Soldaten sowie Waffen unterstützte M23 kontrolliert heute so grosse Teile wie keine andere Miliz.
Der Ostkongo ist reich an Rohstoffen wie Gold oder Coltan, das in elektronischen Geräten verbaut wird. Es wird weltweit nur in wenigen Ländern abgebaut und gilt wegen der Situation im Kongo als Konfliktrohstoff. So schreibt etwa der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Kongo, Jakob Kerstan:
Ein grosser Teil des Coltans, das der Kongo exportiert, kommt aus der Minenstadt Rubaya. Einst ein verschlafenes Bergdorf, ist die Stadt heute laut Experten die grösste Coltan-Mine der Welt. Ein strategisch zentraler Ort, den seit April 2024 die M23 kontrolliert. Nach Schätzungen der UNO verdient die Miliz über eine Produktionssteuer monatlich 800'000 US-Dollar durch den Coltan-Abbau.
Ein Teil der Rohstoffe im Ostkongo wird illegal abgebaut und durch Ruanda und Uganda geschmuggelt, von wo sie offiziell auf den Weltmarkt gelangen. Die kongolesische Regierung geht davon aus, jährlich eine Milliarde US-Dollar an Einnahmen durch illegal ausser Landes gebrachte Rohstoffe zu verlieren.
Es ist davon auszugehen, dass das wirtschaftlichen Interessen Ruandas, weiterhin an die wertvollen Mineralien zu gelangen, einer der Hauptgründe für die territoriale Ausbreitung der M23 ist.
Den Rebellen werden Morde und massenhaft Vergewaltigungen vorgeworfen. Zudem besetzen sie landwirtschaftliche Anbaugebiete, erheben Zwangsabgaben und kassieren an Strassensperren ab.
Eine besondere Herausforderung besteht aktuell darin, die vielen Toten zu bestatten, bevor sich Krankheiten ausbreiten können.
Der Einmarsch in Goma mache eine bereits kritische humanitäre Situation noch schlimmer, warnt Joyce Msuya, stellvertretende Leiterin der UNO-Koordinationsstelle für humanitäre Angelegenheiten (OCHA). Spitäler seien an ihren Belastungsgrenzen und könnten die zahlreichen Menschen, die ins Kreuzfeuer der bewaffneten Gruppierungen geraten seien, nicht behandeln.
Seit Mitte Januar seien mehrfach Bomben auf Flüchtlingslager abgeworfen worden, so ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Folge der Angriffe: zahlreiche Tote, Massenpanik und erneute Fluchtbewegungen.
Bereits vor dem Einmarsch der M23 in Goma war die humanitäre Situation verheerend. Seit Anfang 2025 mussten gemäss der UNO mehr als 480'000 Menschen im Ostkongo ihr Zuhause verlassen – schon davor zählte das Land rund 5,6 Millionen Binnenvertriebene, davon 4 Millionen im Osten Kongos. Laut UNO-Zahlen sind landesweit mehr als 21 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.