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Der diabolische Denker hinter Putins-Vernichtungs-Krieg

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Der diabolische Denker hinter Putins Vernichtungs-Krieg

Alexander Dugin liefert die russische Antwort auf «Mein Kampf»: die menschenverachtende Ideologie von einem eurasischen Imperium.
22.08.2022, 10:11

Der von der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti veröffentlichte Artikel mit dem Titel «Was soll mit der Ukraine passieren?» hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Zu Recht: Darin wird unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Denazifierung nicht mehr und nicht weniger als ein Genozid am ukrainischen Volk verlangt.

Der Text ist keineswegs das Werk eines sadistischen Einzelgängers. Die Vorstellung einer neuen Grossmacht ist in der russischen Elite tief verankert. So wünscht sich etwa Dimitri Medwedew ein «offenes Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok». Medwedew durfte immerhin vier Jahre lang mit Wladimir Putins Segen Präsident von Russland spielen.

Der Plan von einem eurasischen Imperium ist auch der Inhalt eines Buches von Alexander Dugin mit dem Titel «The Foundation of Geopolitics». Es ist 1997 erschienen, war ein Bestseller und ist wiederholt neu aufgelegt worden. Wer ist dieser Alexander Dugin?

Der inzwischen 60 Jahre alte Intellektuelle ist der Sohn eines russischen Geheimdienstoffiziers, ob KGB oder GRU ist unklar. Er kannte seinen Vater kaum, da sich dieser früh von Dugins Mutter trennte. Er wuchs in den Siebzigerjahren auf, dem Höhepunkt der Breschnew-Ära – und einem Albtraum für Teenager.

Hinweis
Dieser Artikel erschien zum ersten Mal im April 2022. Anlässlich des Anschlags auf Dugins Tochter publizieren wir ihn erneut.

Charles Clover beschreibt diese Zeit in seinem Buch «Black Wind, White Snow» wie folgt: «In den 1970er-Jahren war das Leben in der Sowjetunion wie in Amerika in den 1950er-Jahren: Es war ideologisch rigid, materialistisch, eindimensional und langweilig.» Clover war lange Zeit Russland-Korrespondent der «Financial Times» und hat Dugin mehrmals persönlich interviewt.

Wie die Generation der Beatniks suchte Dugin sein Heil in der Bohème-Szene. Er versuchte sich als Sänger, machte sich in seinen Liedern über die UdSSR lustig, trat gelegentlich in einer SS-Uniform und unter dem Pseudonym Hans Sievers auf. Dabei spielte er auf Wolfram Sievers an, einen Gehilfen von Heinrich Himmler. Dieser wurde bei den Nürnberger Prozessen zu Tode verurteilt und gehängt.

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Glaubte an den Nationalsozialismus: der Philosoph Martin Heidegger.

Dugin war in seiner Jugend jedoch nicht nur ein Provokateur, er war auch sehr fleissig – und hochintelligent. So war er in der Lage, innerhalb von zwei Wochen eine neue Sprache zu erlernen. Unter anderem spricht er deshalb fliessend deutsch, französisch, englisch und italienisch. Zudem ist er sehr belesen, vor allem in der faschistischen Literatur. Er kennt die Bücher von Hitlers Rechtstheoretiker Carl Schmitt genauso wie die Schriften von Martin Heidegger – einem Philosophen, der Hitler verehrte – und Josef Evola – einem Mystiker und Vordenker des italienischen Faschismus.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion herrschte in Russland ein ideologisches Vakuum. Der kommunistische Traum war längst ausgeträumt. Derweil führte der Versuch, den westliche Liberalismus im Wilden Osten einzuführen, zu perversen Auswüchsen und ein paar wenigen superreichen Oligarchen und einem desillusionierten Volk. In diesem Umfeld wurde aus dem Provokateur Dugin allmählich ein Intellektueller, der ernst genommen wurde.

Mithilfe des rechtsradikalen Schriftstellers Alexander Prokhanow gelang es ihm, eine Stelle an der renommierten Militäruniversität in Moskau zu ergattern. Dort begann er mit dem Segen der Generäle seinen Plan von einem eurasischen Imperium zu entwickeln. Inspiriert wurde er dabei unter anderem von Alain de Benoist, einem französischen Vordenker des Neofaschismus, und von Karl Haushofer, einem ehemaligen Freund von Hitlers Sekretär Rudolph Hess.

Die Grundlage für die Eurasien-Imperium-Theorie stammt von einem schottischen Geologen namens Halford Mackinder. Dieser vertrat schon 1904 vor der Royal Geographical Society die These, wonach nicht Deutschland, sondern Russland die wahre Bedrohung für das Vereinigte Königreich darstellen würde.

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Ein provisorisches Grab in einer Vorstadt von Kiew.Bild: keystone

Mackinder gab seiner These den Titel «Geopolitik». Inhaltlich besagte sie, dass der Kampf der Grossmächte langfristig kein Kampf der Weltanschauung sei, sondern ein Kampf zwischen den See- und den Landmächten. Die Weltmeere würden dabei von den Angelsachsen, die Landmassen von den Russen beherrscht.

Dugin machte aus der obskuren Theorie einen tragenden Pfeiler der russischen Aussenpolitik. Clover zitiert John Dunlop, einen Historiker am Hoover Institution und Russlandspezialist, wie folgt: «In der post-kommunistischen Zeit gibt es wahrscheinlich kein Buch, das einen grösseren Einfluss auf das russische Militär, die Polizei und die Elite gehabt hat.»

Dugins Plan sieht vor, dass die alte UdSSR wiederhergestellt werden muss, allerdings ohne Kommunismus. Gleichzeitig soll Deutschland aus dem westlichen Bündnis gelockt und zu einer Partnerschaft mit Russland überredet werden.

«Heute ist Deutschland ein wirtschaftlicher Riese und ein politischer Zwerg», so Dugin. «Russland ist genau das Gegenteil. Eine Achse ‹Moskau-Berlin› würde daher die Schwäche von beiden heilen und die Grundlage für ein prosperierendes Grossrussland und Grossdeutschland bilden.»

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Demonstrierende in Tiflis (Georgien) spielen die schrecklichen Szenen in Butscha nach.Bild: keystone

Die Ukraine hingegen hat in diesem Plan keinen Platz. Im Gegenteil, sie stellt eine Bedrohung für ein eurasisches Imperium dar und muss daher eliminiert werden.

Mit seinem Buch traf Dugin den Zeitgeist und erwarb die Gunst der Elite. «Als er sich auf den Mainstream hinbewegte, fand er heraus, dass sich auch der Mainstream auf ihn zubewegte», so Clover. Es erstaunt daher nicht, dass in der wirren Wutrede, die Putin vor der Invasion gehalten hat, immer wieder Versatzstücke aus Dugins Gedankengut zu finden sind.

Nur so nebenbei: Auch in der Schwurblerszene um den vermeintlichen Friedensforscher Daniele Ganser und bei altlinken Putin-Verstehern ist die See- und Landmacht-These sehr beliebt.

Die schrecklichen Bilder aus Butscha und der eingangs zitierte Artikel der Nachrichtenagentur Ria Novosti zeigen, dass die Nato-Osterweiterung nur ein Vorwand für Putin ist. Er will mehr: «‹Denazifizierung› bedeutet die Eliminierung von allen Menschen, die nicht einsehen wollen, dass die Ukraine ein Teil einer russischen Grossmacht ist», stellte der Historiker Timothy Snyder kürzlich in einem Kommentar in der «Washington Post» fest. Und: «‹Demilitarisierung› bedeutet die Zerstörung eines souveränen Staates.»

Mit Verhandlungen wird man Putin nicht von seinem schrecklichen Plan abbringen können.

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Journalist platzt nach Zweifel an Butscha-Bildern der Kragen

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284 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Magnum
07.04.2022 18:46registriert Februar 2015
Ich warne schon seit Jahren vor dem Faschisten Dugin. Und ich habe inständig gehofft, dass dieser reaktionäre Neo-Rasputin nur Insidern ein Begriff bleiben wird. Leider ist dieser grossrussische Chauvinist und Kriegstreiber nun in breiten Kreisen bekannt. Die Welt hätte gut darauf verzichten können.
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Triple
07.04.2022 18:34registriert Juli 2015
Der sieht aus wie Rasputin 🤔
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banda69
07.04.2022 19:12registriert Januar 2020
Und Roger Köppel (SVP) macht mit seiner Weltwoche weiterhin auf Putin-Versteher und belustigt sich über den nach Hilfe rufenden Ukrainischen Präsident lustig. erbärmlich diese Rechtspipulisten.
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