Osteuropa-Experte über Siegesfeier: «Parade zeigt Putins ausweglose Situation»
Kein schweres Militärgerät, kaum hochrangige internationale Gäste: Die für kommenden Samstag geplante Parade zum Tag des Sieges zeigt, in welch auswegloser Situation sich Wladimir Putin gerade befindet. Daraus zu schliessen, dass er einen Frieden mit der Ukraine anstrebt, wäre aber falsch. Ganz im Gegenteil ist eine weitere Eskalation zu befürchten.
In seinen nunmehr 26 Amtsjahren hat der russische Machthaber Wladimir Putin die Feiern zum sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai zu einer beispiellosen Show nationaler Identität und militärischer Stärke gemacht. Die immer pompöseren Paraden, die zahlreichen Staatsgäste, die wochenlange Berichterstattung in den Medien – der Tag des Sieges ist in Russland längst zum wichtigsten Feiertag geworden.
So war die Parade 2025:
Ideologisch hat die Führung den Sieg über Nazi-Deutschland symbolisch aufgeladen und zum Kern des russischen Selbstverständnisses erhoben. Der heutige Krieg gegen die Ukraine wird dabei längst als Neuauflage des Zweiten Weltkriegs verstanden: Russland wehre sich gegen den vermeintlich faschistischen Westen, der die eigenen Werte und die jahrtausendealte Zivilisation bedrohe. Der Tag des Sieges ist nicht mehr nur Erinnerung an 1945, sondern bereits Projektion der Zukunft.
Die militärischen Erfolge der Ukraine in den vergangenen Wochen lassen die Parade am Tag des Sieges dieses Jahr nun allerdings in einem gänzlich anderen Kontext stattfinden. Der Krieg hat mit zahlreichen Drohnen- und Raketenangriffen auch das Herz der russischen Gesellschaft erreicht. Kiew hat dabei nicht nur Öl- und Gasinfrastruktur im Hinterland getroffen, sondern auch Ziele in Moskau anvisiert. Zuletzt gelang es der Ukraine sogar, ein Hochhaus in Sichtdistanz des Kremls zu beschädigen.
Die für Freitag und Samstag von russischer Seite angekündigte Waffenruhe verdeutlicht die Verzweiflung im Kreml. Wurden in vergangenen Jahren sogar herannahende Gewitterwolken im Moskauer Umland beschossen, um Regen über der Stadt zu vermeiden, ist der Führung die Kontrolle nun vollends entglitten. Russland reagiert auf die ukrainische Bedrohung in gewohnter Manier: Mit Beschimpfungen, Hohn und der Androhung noch härterer Vergeltungsschläge auf das Kiewer Stadtzentrum.
Der Krieg ist in Russland angekommen
Putin kann die Augen vor der Realität aber nicht mehr verschliessen: Der Krieg ist in Russland angekommen, was auch der Bevölkerung nicht entgeht. Unter diesen Umständen eine grosse Parade mit schwerem Gerät durchzuführen, würde der Ukraine mögliche Ziele geradezu auf dem Silbertablett präsentieren. Und eine kurzfristig abgesagte Parade wiederum wäre an Schmach für den Machthaber kaum mehr zu übertreffen.
Gleichzeitig wird auch deutlich, dass die russische Führung international zunehmend isoliert ist. War letztes Jahr noch Chinas Staatspräsident Xi Jinping zu Gast, muss Putin diesmal mit dem ewigen Verbündeten Alexander Lukaschenko vorliebnehmen. Noch offen ist, ob der slowakische Ministerpräsident Robert Fico anreisen wird, verweigern doch mehrere EU-Länder die Überfluggenehmigung.
Die noch immer nicht bestätigte Gästeliste macht jedenfalls deutlich, dass Staatsoberhäupter sich derzeit vor einer Teilnahme fürchten, sei es Gründen der tatsächlichen Sicherheit, oder weil Putin nun endgültig zum Paria geworden ist, an dessen Seite man sich nicht mehr zeigen will.
Die Ereignisse der letzten Wochen zeigen, dass die Ukraine zunehmend das Blatt zu ihren Gunsten wenden kann. Allerdings ist es irreführend zu glauben, dass Putin nun an echten Friedensverhandlungen interessiert wäre. Vielmehr bleibt dem Kremlherrscher nur noch die Eskalation. Zu weit hat er sich in den letzten Jahren aus dem Fenster gelehnt, zu viel seiner eigenen Bevölkerung versprochen, zu hoch war der Einsatz – militärisch, wirtschaftlich, menschlich.
All die Probleme und Verluste, die der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gebracht hat, können nur noch durch einen Sieg kompensiert werden. Entsprechend hat die Hysterie nicht nur im Tonfall zugenommen: Die Drohungen gegen Nato-Länder wurden verschärft, die Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine wieder verstärkt. Putin bleibt inzwischen nur noch die Flucht nach vorne. Dies müsste nicht nur der Ukraine Warnung genug sein. (aargauerzeitung.ch)
