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Das Schlachtfeld Social Media – und warum die Ukraine gewinnt

Newly married couple Yarina Arieva and Svyatoslav Fursinb, left, pose for photo after they joined the ranks of the city territorial defense the day after they got married in Kyiv, Ukraine, Friday, Feb ...
Ein junges ukrainisches Pärchen posiert mit Waffen für die Kamera. Bild: keystone
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Schlachtfeld Social Media – und warum die Ukraine gewinnt

Instagram, Telegram, TikTok rücken den Krieg so nah wie noch nie. Und die sozialen Medien sind eine mächtige Waffe im Kampf gegen den russischen Aggressor Wladimir Putin.
06.03.2022, 14:0707.03.2022, 16:04
Helene Obrist
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Ein russischer Militärkonvoi fährt in die zweitgrösste ukrainische Stadt Charkiw ein. Wacklig gefilmt mit dem Handy.

In Uzhhorod rieseln Frauenhände Styroporkugeln in mit Brennsprit gefüllte Glasflaschen. Fotografiert von Reuters-Fotograf Serhii Hudak.

Eine Dashcam zeigt die Wucht eines Raketeneinschlags in einem Hochhaus in der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

«Ich bin hier. Wir werden die Waffen nicht niederlegen», sagt der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyi per Selfievideo.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine geht viral. Er ist in jeder Timeline, auf jeder Plattform, jeder Startseite – wir sind live dabei.

Seit der Antike werden Massenmedien eingesetzt, um Kriege zu führen. Denn mithilfe von Zeitungen, Radio und Fernsehen kann innert kurzer Zeit eine grosse Anzahl Menschen erreicht werden.

Im Ersten Weltkrieg setzten sowohl Deutschland als auch die alliierten Nationen auf staatliche Kriegspropaganda. Das Leid des Krieges wurde verharmlost. Die eigenen Soldaten wurden als heldenhaft und siegesgewiss dargestellt. Die Kriegsgegner waren Schwächlinge und Verlierer.

Die «Krüppel-Entente»: Eine deutschsprachige Satirezeitschrift zeigt den Feind während des ersten Weltkriegs als schwach und verwundet.
Die «Krüppel-Entente»: Eine deutschsprachige Satirezeitschrift zeigt den Feind während des ersten Weltkriegs als schwach und verwundet.bild: Heidelberger historische bestände / https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lb29/0800

Etwas mehr als ein Jahrhundert später sind die Massenmedien noch mächtiger. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr nur vom Staatsapparat kontrolliert werden. Der Krieg in der Ukraine zeigt es: Nicht nur die russischen und ukrainischen Medien mischen mit. Sondern jeder, der ein Smartphone hat. Die sozialen Medien machen es möglich.

Die Schlacht auf TikTok, Telegram und Co. entscheidet die Ukraine gerade für sich. Dort verteidigen 13 ukrainische Grenzsoldaten eine kleine Insel im Schwarzen Meer gegen ein russisches Kriegsschiff. Dort stellen sich Zivilpersonen russischen Panzern in den Weg und bereiten Molotow-Cocktails vor. Dort werden Bilder von russischen Militärfahrzeugen gepostet, die wegen maroder Pneus im Schlamm stecken geblieben sind.

Der Feind Russland ist der Schwächling. Die eigene Bevölkerung und Soldaten sind Heldinnen und Märtyrer. Und die ganze Welt schaut zu.

In seinem 2006 veröffentlichten Buch spricht der US-amerikanische Rechtsprofessor und Blogger Glenn Reynolds von einer «Army of Davids». Einer Armee von «kleinen Leuten», die nicht mit einer Steinschleuder, sondern dem Netz Goliath in die Knie zwingen.

Genau das macht den ukrainischen Propagandakrieg so erfolgreich. Es sind die «kleinen Leute», die Bilder ihrer Kinder in Luftschutzbunkern auf Instagram hochladen. Ihre Verzweiflung auf Video festhalten.

Die Bilder und Videos sind unmittelbar und ungeschnitten. Sie dokumentieren in Echtzeit.

Ob die Social-Media-Posts tatsächlich immer der Wahrheit entsprechen, spielt keine Rolle mehr. Durch die Bilder und Videos haben wir uns eine Meinung gebildet. Sie sind der Grund, warum weltweit Tausende von Menschen gegen den Krieg auf die Strasse gehen. Warum Unmengen von Geld und Hilfsgüter gesammelt werden.

Die sozialen Medien sind die wirksamste Waffe im Kampf gegen den russischen Angriff. Instagram, Twitter und TikTok sind das Fenster in den Krieg. Und ein Grund, warum der Westen bereits wenige Tage nach Ausbruch des Krieges einig und geschlossen gegen Wladimir Putin auftritt.

Obwohl das russische Militär dem ukrainischen bei weitem überlegen ist: Den Kampf in den sozialen Kanälen entscheidet die Ukraine für sich.

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Ukraine-Krieg: die Akteure im Überblick
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Ukraine-Krieg: die Akteure im Überblick
Durch Russlands Angriff auf die Ukraine in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar, ist die jahrelange Ukraine-Krise von einem blossen Konflikt zum Krieg geworden. Wer die wichtigsten Beteiligten sind, erfährst du hier:

Wladimir Putin ist seit 2000 (mit Unterbrechung von 2008 bis 2012) Präsident von Russland. Er sieht die Stabilität seines Systems seit den frühen Jahren seiner Präsidentschaft durch den Westen bedroht und will verhindern, dass die Ukraine Nato-Mitglied wird und eine westlich orientierte Demokratie aufbaut. Am 24. Februar befahl Putin schliesslich den Angriff auf die Ukraine. Offizielle Leitmotive für den Krieg sind die «Demilitarisierung und Entnazifizierung».
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Influencerin zeigt, wie man einen verlassenen russischen Panzer wieder in Betrieb nimmt
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80 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bratansauce
06.03.2022 22:13registriert Juni 2018
"Warum die Ukraine gewinnt"... Was für ein dämlicher Titel.
Die Ukraine verliert in diesen Tagen und Wochen alles. So siehts aus.
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Windtalkero
06.03.2022 20:49registriert März 2022
Auf social media wird überall Propaganda betrieben. Erstaunlicherweise schwurbeln jetzt viele der Corona-Unzufriedenen auf pro russischer Seite herum. Leider ohne überhaupt die Situation selbst einzuschätzen. Aber immer fleißig Unwahrheiten im Netz verbreiten. Traurige Zeiten! Und Nachtwölfe heulen fleißig Proganda herum, halt doch nicht so ganz ein unpolitischer MC .. meine Gedanken sind bei den Leuten in der 🇺🇦 🙏🏻
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Kramer
06.03.2022 19:36registriert September 2021
Es macht mich so wütend zu sehen wie auf Wohnhäuser geschossen wird und die Russen sich nichtmal an die Humanitären korridore und Waffenruhe halten!
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