5 Szenarien im Wahrscheinlichkeitscheck: So könnte es im Iran-Krieg weitergehen
Zu Beginn des Angriffs durch Israel und die USA auf den Iran sprach Donald Trump von einem «Kurzausflug». Ein offizielles Kriegsziel gab es nie. Doch es war klar, dass der Einsatz zumindest vonseiten der USA nur von kurzer Dauer sein sollte.
Drei Wochen später wird der Konflikt weiter erbittert geführt und das Szenario des kurzen militärischen Eingriffes überschreitet sein Haltbarkeitsdatum. Doch wie könnte es nun im Iran und im Nahen Osten weitergehen? Diese Szenarien werden von Expertinnen und Experten gehandelt und so wahrscheinlich sind sie:
Regionaler Krieg
Der Iran hat 24 Stunden nach den ersten Angriffen neun weitere Staaten beschossen. Israel führt bereits seit Beginn des Krieges eine parallele Kampagne gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon. Mehrere Expertinnen und Experten befürchten nun, dass auch die mit dem Iran verbündete Huthi-Miliz im Jemen in Aktion treten könnte. Dies würde den Konflikt auf das Rote Meer ausdehnen.
Dies und der fortwährende Beschuss von Infrastruktur in der Golfregion durch den Iran erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Golfstaaten immer tiefer in die Kriegshandlungen hineingezogen werden.
Eine «horizontale Eskalation» wird besonders vom iranischen Regime aktiv vorangetrieben, wie die Nahost-Expertin Mona Yacoubian in einem Kommentar für den US-Thinktank Center For Strategic & International Studies schreibt:
Die wirtschaftswissenschaftliche Denkfabrik Global Trade Alert stuft diese Entwicklung in ihrem «Iran Conflict Scenario Monitor» als am wahrscheinlichsten ein. Sollte sich der Krieg weiter entlang dieser Bahnen bewegen, dürften die Ölpreise weiter steigen, Reisen in oder über diese Region weiter erschwert werden und der politische Druck auf Israel sowie die USA steigen.
Bürgerkrieg
Die US-Administration hofft weiterhin darauf, dass sich die iranische Bevölkerung gegen das Regime erhebt und dieses stürzt. Die iranische Regierung ist nach den Tötungen zahlreicher hoher Beamter tatsächlich unter Druck. Um Modschtaba Chamenei, der nach der Tötung seines Vaters als oberster iranischer Führer übernommen hat, bleibt es weiterhin ruhig. «Das Regime kann nicht nachweisen, dass sein oberster Führer die Kontrolle hat», urteilen die Expertinnen und Experten von Global Trade Alert in ihrem neusten Briefing.
Aber: Es gibt keine geeinte Opposition. Sollte das iranische Regime also tatsächlich stürzen, stellt sich die Frage, wer die Regierungsgeschäfte übernimmt. Die Iran-Expertin der University of Chicago formuliert es so:
Es droht also ein Bürgerkrieg wie in Syrien von 2011 bis 2024. Ob dort am Ende tatsächlich die demokratiefreundlichen Kräfte obsiegen, lässt sich unmöglich vorhersagen. Nach der Revolution von 1979, welche ebenfalls von sehr unterschiedlichen Gruppen getragen wurde, ernteten die Mullahs die Früchte und installierten das heutige Regime.
Bisher gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass sich im Iran eine wie auch immer gestaltete Opposition gegen das Regime erhebt. Die andauernden und teilweise willkürlichen Luftschläge auf iranische Städte erschweren Demonstrationen zusätzlich, wie mehrere Expertinnen und Experten vor Ort berichten. Die ersten Anzeichen solcher Proteste beantwortet das iranische Regime wie bereits im Januar mit blutiger Gewalt und Hinrichtungen.
Eine massgebliche Schwächung des iranischen Regimes wird also als durchaus wahrscheinlich gehandelt, doch es bleibt die Frage: Was folgt danach?
USA verkünden den Sieg und ziehen ab
Nur eine Woche nach Beginn der Angriffe durch die US-Streitkräfte auf den Iran hatten Donald Trump und verschiedene Vertreter der US-Regierung schon den Sieg ausgerufen. Der amerikanische UN-Botschafter gratulierte Trump damals bereits zu einem «überlegenen Sieg, wie es ihn in der modernen Militärgeschichte noch nicht gegeben hat».
Seither sind zwei Wochen vergangen und die Bomben fallen weiter. Am Donnerstag verkündete US-Verteidigungsminister Pete Hegseth vor US-Medien, es gebe keinen Zeitplan für ein Ende der Angriffe. Und weiter: «Letztendlich liegt es im Ermessen des Präsidenten, wann wir sagen: ‹Hey, wir haben erreicht, was wir erreichen mussten.›» Der Iran-Krieg würde mit einer solchen Erklärung aber nicht enden, die USA würden die Kriegsführung lediglich den Israelis überlassen.
Global Trade Alert schätzt eine solche Entwicklung in den nächsten Wochen jedoch als relativ unwahrscheinlich ein. Hegseths Aussagen stützen diese Einschätzung. Steigende Ölpreise und weitere Verluste aufseiten der US-Streitkräfte könnten den Druck auf Donald Trump aber derart erhöhen, dass ihm schliesslich nur noch dieser Schritt bleibt.
Diese Art, einen Konflikt für beendet zu erklären, wäre den USA nicht fremd. 1973 erklärte der damalige US-Präsident Richard Nixon, die US-Streitkräfte hätten in Vietnam alle Ziele erreicht und zögen sich deshalb zurück. Die USA überliessen den Konflikt damit Südvietnam, welches bis 1975 unter dem Ansturm der nordvietnamesischen Truppen kollabierte.
Zurück an den Verhandlungstisch
Am 27. Februar sassen sich Vertreter aus den USA und aus dem Iran in Genf noch gegenüber. Der iranische Aussenminister sprach damals am Freitag von «Fortschritt», am Samstag überraschten Trump und Israel die Weltöffentlichkeit mit ihren Angriffen auf den Iran.
Omans Aussenminister Badr Albusaidi, der als Mediator bei den Gesprächen dabei war, fand diese Woche im «Economist» scharfe Worte zum abrupten Abbruch der diplomatischen Bemühungen: «Es war ein Schock, aber keine Überraschung, als Israel und die USA am 28. Februar – nur wenige Stunden nach den jüngsten und substanziellsten Gesprächen – erneut einen rechtswidrigen Militärschlag gegen den Frieden verübten, der kurzzeitig tatsächlich möglich schien.»
Zwar sticht der Oman unter den Golfstaaten mit dieser klaren Verurteilung des US-Angriffs heraus, dennoch zeigt sich: Israel und die USA haben nicht nur den Iran, sondern auch mögliche Vermittler vor den Kopf gestossen.
Ob der Iran nach der Tötung diverser ranghoher Personen wie Ali Chamenei und Ari Laridschani überhaupt bereit ist, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aus diesen Gründen gilt dieses Szenario zum aktuellen Zeitpunkt als eher unwahrscheinlich.
Pattsituation
Die Ukraine befindet sich seit dem russischen Angriff vor vier Jahren in einem blutigen Abnutzungskampf mit hunderttausenden toten Soldaten und Zivilisten auf beiden Seiten. Droht im Iran nun ein ähnliches Szenario? Tatsächlich sind sich viele Expertinnen und Experten einig, dass die aktuelle Situation alle Anzeichen einer Pattsituation trägt.
Trotzdem wird eine über die nächsten Wochen andauernde Pattsituation im «Iran Conflict Scenario Monitor» in den letzten zwei Wochen vom wahrscheinlichsten zum unwahrscheinlichsten Szenario entwickelt. Warum?
Kurz: Die Zeichen stehen aktuell auf Eskalation und nicht auf Einfrieren des Konfliktes. Der Iran attackiert weiterhin ganz unterschiedliche Ziele im Nahen Osten und droht mit Vergeltung. Donald Trump hingegen bemüht sich darum, dass sich weitere Parteien wie die Nato oder Japan in den Konflikt einmischen. Es geht ihm um die Sicherstellung des Schiffverkehrs in der Strasse von Hormus.
Und genau hier liegt der Hund begraben: Die Sperrung der Strasse von Hormus übt Druck auf den Ölpreis, dieser hat Auswirkungen auf die globale Wirtschaft, was wiederum zu innenpolitischem wie auch internationalem Druck auf die US-Regierung führt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es entweder zu einer Klärung oder einer weiteren Eskalation in der Region kommt, was einer Pattsituation in diesem Sinne widerspricht.
