Exodus der Generäle: Rückzug der USA aus der Nato hat längst begonnen
Wie lange kann Nato-Generalsekretär Mark Rutte die Fassade noch aufrechterhalten? Der Grönland-Streit bereits vergessen. Alles sei in bester Ordnung. Die USA seien der Nato-Verteidigungsallianz weiter «vollumfänglich verpflichtet», beschwor der Niederländer beim Nato-Treffen am Donnerstag in Brüssel einmal mehr.
Wirklich? Wie lässt es sich dann erklären, dass mit Verteidigungsminister Pete Hegseth nach US-Aussenminister Marco Rubio im Dezember nun schon zum zweiten Mal der Vertreter des mächtigsten Nato-Mitglieds einem formellen Treffen fernblieb?
So etwas ist höchst aussergewöhnlich. Wenn man vom damaligen Pentagon-Chef Lloyd Austin absieht, der 2024 wegen einer Krebserkrankung kurzfristig absagen musste, muss man schon über 20 Jahre zurückgehen. Damals, im Jahr 2003, kurz nach der Irak-Invasion der Bush-Regierung, war es Colin Powell, der fand, es sei jetzt vielleicht nicht der rechte Zeitpunkt, sich mit seinen Nato-Aussenministerkollegen zu treffen. Immerhin kam es vorher zum offenen Streit im Bündnis über den Angriff gegen das Land von Diktator Saddam Hussein unter der Flagge «Krieg gegen den Terror» der USA.
Löcher in der Kommandostruktur sind brandgefährlich
Aber auch wenn man Hegseth und Rubio ihr Fernbleiben nachsehen will: Der Rückzug der USA aus der Nato, ihr Abschied von Europa, der findet bereits statt.
Letzte Woche verkündete die Nato, die Leitung der beiden operativen Hauptquartiere in Neapel (Italien) und in Norfolk (USA) von den Amerikanern in europäische Hände zu geben. Ersteres ist für die Südflanke zuständig. Im zweiten werden die Operationen im Nordatlantik gesteuert. Mit Brunssum in den Niederlanden sind alle drei operativen Kommandos der Nato jetzt bei den Europäern.
Was wie eine bürokratische Umverteilung innerhalb der Allianz klingt, ist militärisch hochgradig relevant. Dazu muss man wissen: Eine funktionierende Kommandostruktur ist das Rückenmark jeder Armee. Man kann noch so viele Flugzeuge, Panzer und Soldaten besitzen. Aber wenn man sie nicht einsetzen kann, ist man schliesslich kampfunfähig. Ohne Kopf nützt alle Muskelkraft nichts.
Das Problem: Mit den beiden US-Generälen verabschiedet sich eine ganze, hoch qualifizierte Truppe, die nur schwer zu ersetzen ist. Und der Exodus der Amerikaner setzt sich auch auf den unteren Stufen fort.
Nur ein Amerikaner kann Amerikaner kommandieren
Der Kommandant eines Nato-Hauptquartiers ist üblicherweise ein Vier-Sterne-General oder -Admiral. Pro Generalstern muss man 40 Offiziere mitrechnen. Ein Nato-Land muss einem Vier-Sterne-General also 160 Offiziere zur Seite stellen. Das sind keine Unteroffiziere. Sondern höhere Mitglieder des Generalstabs mit mindestens sieben Jahren praktischer Erfahrung, vorzugsweise im internationalen Umfeld. Und solche wachsen bekanntlich nicht auf den Bäumen.
In Neapel und Norfolk übernehmen nun ein Italiener und ein Brite das Kommando. Nato-intern ist seit Kurzem Deutschland zur Nummer 1 aufgestiegen. Rund 30 Generals-Sterne steuert die Bundeswehr zur Allianz bei. Macht 1'200 Offiziere. Und demnächst könnte der heutige Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, zum Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses gewählt werden, dem höchsten militärischen Gremium. Deutschland wolle Verantwortung übernehmen, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius am Donnerstag zur Personalie.
Test in Osteuropa zeigt gravierende Mängel
Bis die Europäer von den USA endgültig den Bettel übernehmen werden, wird es aber noch lange dauern. Der sogenannte «Supreme Allied Commander in Europe» (SACEUR), also der höchste Befehlshaber der Nato in Europa, ist traditionell ein Amerikaner. Aktuell ist es Luftwaffengeneral Alexus Grynkewich. Das hat auch damit zu tun, dass US-Truppen nur von US-Generälen kommandiert werden können, wie eine ungeschriebene Regel lautet. Und US-Soldaten gibt es in Europa trotz allem noch einige.
Vor allem aber können in der Nato momentan nur die USA eine wirklich integrierte, funktionierende Kommandokette aus einer Hand bieten. Das zeigte sich auch bei einer Übung von zehn europäischen Nato-Staaten im vergangenen Herbst in Osteuropa. Unter dem Kommando Frankreichs wurde eine multinationale Brigade samt Material im Eiltempo quer durch Europa nach Rumänien und Bulgarien verlegt. Es sollte getestet werden, wie das ohne Führung der USA funktioniert.
Dem Vernehmen nach soll es nicht nur massive Probleme bei der Logistik gegeben haben. Sondern auch gravierende Schwierigkeiten in der Kommandostruktur. Fazit: Trotz Wiederaufrüstung – ohne USA ist auch eine europäische Nato für die nächsten Jahre kaum einsatzbereit. (aargauerzeitung.ch)
