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Tritt in die Fussstapfen seines Vaters: Ferdinand Marcos jun.
Tritt in die Fussstapfen seines Vaters: Ferdinand Marcos jun.Bild: keystone
Analyse

Marcos Junior greift nach der Macht – Comeback einer korrupten Familie

11.05.2022, 21:2512.05.2022, 12:35

3000 Paar Schuhe für die Füsse einer einzigen Frau. Sie wurden nach dem Sturz des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos 1986 im Malacañang-Palast gefunden. Die jedes Mass sprengende Schuh-Sammlung von Marcos' Gattin Imelda geriet sogleich zum Inbegriff der Kleptokratie, die das Entwicklungsland jahrzehntelang ausgeplündert hatte. Von 1965, als Marcos Präsident des Inselstaates wurde, bis zu seiner Absetzung Ende Februar 1986, hatte der Clan nach einer vorsichtigen Schätzung rund 10 Milliarden Dollar zusammengerafft; andere Schätzungen gehen bis zu 30 Milliarden.

Die Schuhkollektion der Diktatoren-Gattin.
Die Schuhkollektion der Diktatoren-Gattin.Bild: Keystone

Dieser massive Diebstahl am eigenen Volk – ein Teil der Beute lagerte übrigens auf Schweizer Banken – hat Marcos den zweiten Platz auf einer 2004 erstellten Top-Ten-Liste der grössten Kleptokraten eingebracht; hinter dem indonesischen Präsidenten Mohamed Suharto und noch vor Mobutu Sese Seko, dem Präsidenten von Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Diese beiden Autokraten, die erst 1998 bzw. 1997 abgesetzt wurden, hatten allerdings wesentlich mehr Zeit für ihre Raubzüge.

Sieg trotz dunkler Vergangenheit

Nur schon dieses zweifelhafte Erbe sollte eigentlich genügen, um den Marcos-Clan politisch zu diskreditieren. Hinzu kommt aber noch, dass Marcos besonders ab 1972, als er das Kriegsrecht verhängte, die Menschenrechte systematisch ignorierte und politische Gegner foltern oder verschwinden liess. Trotz dieser rundum verheerenden Bilanz ist am vergangenen Montag der einzige Sohn des 1989 verstorbenen Diktators mit grossem Vorsprung zum neuen Präsidenten der Philippinen gewählt worden. Das offizielle Ergebnis wird für Ende Mai erwartet und dürfte sich nicht mehr ändern.

Der 64-jährige Ferdinand Marcos jun., genannt «Bongbong» oder «BBM», der aller Wahrscheinlichkeit nach die Nachfolge des autoritären Präsidenten Rodrigo Duterte antreten wird, war Gouverneur, Kongressabgeordneter und Senator in der nördlichen Provinz Ilocos Norte. Seit seinem 23. Altersjahr bekleidete er fast immer ein öffentliches Amt – mit Ausnahme der fünf Jahre im Exil nach dem Sturz seines Vaters. In den Präsidentschaftswahlen 2016 trat er als Vizepräsidentschaftskandidat an, zog damals aber gegen die Liberale Leni Robredo, die er nun besiegt hat, den Kürzeren.

Die Familie Marcos 1969: Ferdinand jun., Ferdinand sen., Iren, Imelda und Imee.
Die Familie Marcos 1969: Ferdinand jun., Ferdinand sen., Iren, Imelda und Imee. Bild: keystone

Wie ist es möglich, dass der Spross einer solcherart kontaminierten Familie kurz nach seiner Rückkehr aus dem Exil wieder erfolgreich in die philippinische Politik einsteigen und nun das Amt des Präsidenten erobern konnte?

Imelda Marcos – Machtzentrum des Clans

Einer der Gründe, und wohl nicht der unbedeutendste, heisst Imelda Marcos. Die mittlerweile 92-jährige Mutter des designierten Präsidenten stammt aus der Romualdez-Sippschaft, einer philippinischen Oligarchen-Familie. Sie war einst Schönheitskönigin in der Provinz, bevor sie 1955 den aufstrebenden Politiker Ferdinand Marcos ehelichte – diese Verbindung vereinigte zwei einflussreiche Clans, deren Hausmacht im Norden und in der Provinz Leyte lag.

Zehn Jahre später war sie die First Lady an Marcos' Seite, und blieb es bis zu dessen Sturz in der sogenannten EDSA-Revolution. Mit nur gerade neun Millionen Dollar Bargeld und etwas Schmuck und Aktien floh die Familie nach Hawaii, wo der Ex-Diktator 1989 das Zeitliche segnete. Imelda, die spätestens jetzt der Spiritus rector des Clans war, kehrte 1991 mit ihrer Familie zurück in die Heimat – doch die war dort zunächst kaum mehr als geduldet.

Diktator Marcos mit seiner Familie kurz vor der Flucht nach Hawaii.
Diktator Marcos mit seiner Familie kurz vor der Flucht nach Hawaii.Bild: keystone

Rebranding der Marke Marcos

Imelda und ihre Kinder – neben Ferdinand Junior ist auch dessen Schwester Imee in der Politik – arbeiteten nun erfolgreich daran, das Branding der Marke Marcos weisszuwaschen. Die Diktatoren-Witwe wurde zwar mehrmals wegen Betrugs verurteilt, doch diese Urteile wurden jeweils vom Obersten Gericht wieder aufgehoben. Schon 1992 kandidierte Imelda für das Präsidentenamt, freilich ohne Erfolg. Im selben Jahr konnte jedoch ihr Sohn als Abgeordneter ins Repräsentantenhaus der Philippinen einziehen. Imelda selbst gelang dies 1995.

«Bongbong» und seine Schwester Imee konnten die Verankerung des Marcos-Clans in Ilocos Norte nutzen; beide stiegen an die Spitze der Provinz auf – Ferdinand Junior, der bis zum Machtverlust seines Vaters schon einmal Gouverneur gewesen war, bekleidete dieses Amt von 1998 bis 2007 erneut, danach wurde er in den Senat gewählt. Imee wiederum ist seit 2010 Gouverneurin.

Die Familie gab nie etwas aus ihrem zusammengeraubten Vermögen zurück, und sie entschuldigte sich nie für ihre Verbrechen während der Diktatur. Im Gegenteil: Die Marcos betrieben eine infame Umschreibung der Geschichte, in der sie als Wohltäter der Nation erschienen. Dass diese Kampagne erfolgreich sein konnte, lag auch daran, dass sich der Clan seit nunmehr zehn Jahren höchst professionell der Sozialen Medien bedient.

Imelda Marcos liess den Leichnam ihres Gatten konservieren und nach ihrer Rückkehr auf die Philippinen überführen, wo er erst 2016 auf dem Heldenfriedhof in Taguig City begraben wurde.
Imelda Marcos liess den Leichnam ihres Gatten konservieren und nach ihrer Rückkehr auf die Philippinen überführen, wo er erst 2016 auf dem Heldenfriedhof in Taguig City begraben wurde.Bild: EPA

Erfolgreiche Social-Media-Kampagne

Sie posteten schönfärberische Videos auf YouTube, die dann via Facebook und Tiktok verbreitet wurden. In ihnen schilderten sie die Marcos-Ära nicht als Zeit des Kriegsrechts, der Menschenrechtsverletzungen, der Korruption und des wirtschaftlichen Niedergangs, sondern als «Goldenes Zeitalter», in dem es kaum Kriminalität gab und Sicherheit herrschte. Die Gräuel wurden einfach abgestritten und dafür eine alternative Realität des ökonomischen Fortschritts herbeigelogen. Selbst die Legende, «Bongbong» werde als Präsident das Gold des Clans an das Volk verteilen, wurde von vielen für bare Münze genommen.

Die Geschichtsklitterung verfing – zur Konsternation all der Filipinos, die noch immer auf eine juristische Aufarbeitung der Diktatur hofften – vor allem bei den Jungen, die diese Zeit nicht persönlich erlebt hatten. Mehr als die Hälfte der etwa 65 Millionen Wahlberechtigten ist zwischen 18 und 30 Jahre alt. Und diese jungen Filipinos gehören zu den eifrigsten Nutzern der Sozialen Medien – sie verbringen dort im Schnitt täglich vier Stunden und damit mehr Zeit als die Nutzerinnen und Nutzer in jedem anderen Land der Welt. Viele von ihnen sind obendrein nur schlecht gebildet und können den Wahrheitsgehalt der Informationen, die sie vornehmlich über Facebook beziehen, kaum beurteilen.

Die Faktencheck-Website Tsek.ph wertete Daten aus der Marcos-Kampagne aus, laut denen bis Ende April 92 Prozent der Online-Desinformationen zugunsten von «Bongbong» ausfielen, während 96 Prozent über seine Hauptkonkurrentin Robredo negativ waren und überdies zum Teil üble Verleumdungen enthielten. So wurde es möglich, dass das Wahlvolk die negativen Seiten der Marcos-Ära vergass und stattdessen glaubte, die Philippinen seien unter dem Diktator zum «Tiger Asiens» geworden.

Bongbongs stärkste Rivalin, die amtierende Vizepräsidentin Leni Robredo.
Bongbongs stärkste Rivalin, die amtierende Vizepräsidentin Leni Robredo.Bild: keystone

Keine Debatten, keine Interviews

Was Marcos Junior zudem nebst seiner erfolgreichen Social-Media-Kampagne nützte, war der Umstand, dass das Feld seiner Konkurrenten gross war und die Anti-Marcos-Stimmen sich daher auf mehrere Kandidaten verteilten. Seine stärkste Rivalin, Leni Robredo, hatte ihre Kandidatur ausserdem erst relativ spät erklärt; in dieser kurzen Zeit gelang es ihr nicht, das Lügengebäude der Marcos-Kampagne wirksam anzugreifen.

Es gelang ihr auch deshalb nicht, weil «Bongbong» fast allen Debatten – besonders im Fernsehen – konsequent aus dem Weg ging und auch den Medien keine Interviews gab. So konnte er der Konfrontation mit der wahren Geschichte seines Clans aus dem Weg gehen. Die Verbrechen der Vergangenheit und das schönfärberische Bild, das die Marcos-Kampagne von der Diktatur zeichnete, wurden auf diese Weise kaum zum Thema.

Der scheidende Amtsinhaber Rodrigo Duterte nach der Stimmabgabe im Wahlbüro. Ihm wird nachgesagt, dass er persönlich schon Menschen erschossen habe.
Der scheidende Amtsinhaber Rodrigo Duterte nach der Stimmabgabe im Wahlbüro. Ihm wird nachgesagt, dass er persönlich schon Menschen erschossen habe.Bild: keystone

«Bongbong» gelang es, sich erfolgreich als Kandidat des Wechsels zu verkaufen. Er profitierte von der weit verbreiteten Enttäuschung in der Bevölkerung über die Erfolglosigkeit und Misswirtschaft der Regierungen, die seit der Marcos-Zeit an der Macht gewesen waren. «Make the Philippines great again» («Macht die Philippinen wieder gross») lautete denn auch in Anlehnung an Donald Trump ein Slogan der Marcos-Kampagne.

Das Versprechen des Wechsels, zurück zu einem vermeintlich goldenen Zeitalter, fiel auf fruchtbaren Boden: Vor den Präsidentschaftswahlen hatten die Philippinen zwei Jahre eines äusserst harten Lockdowns hinter sich, wobei die Infektionszahlen dennoch stets hoch waren. Die Armut war gestiegen, die Obdachlosigkeit hatte zugenommen, die Schere zwischen Reich und Arm hatte sich weiter geöffnet.

«Starke Männer» werden von vielen Filipinos verehrt. Dieser Mann zeigt seine Tattoos mit den Köpfen von Ferdinand Marcos sen. (oben), Ferdinand Marcos jun. (unten l.) und Rodrigo Duterte.
«Starke Männer» werden von vielen Filipinos verehrt. Dieser Mann zeigt seine Tattoos mit den Köpfen von Ferdinand Marcos sen. (oben), Ferdinand Marcos jun. (unten l.) und Rodrigo Duterte. Bild: keystone

Vages Programm

Neben dieser vagen Evozierung eines Wechsels, eines goldenen Zeitalters, enthielt «Bongbongs» Programm kaum greifbare Inhalte. Im Widerspruch zum versprochenen Wechsel stand zudem die Allianz, die er mit der Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten einging (in den Philippinen werden der Präsident und der Vizepräsident direkt, aber unabhängig voneinander gewählt): Es handelt sich nämlich um die 43-jährige Sara Duterte-Carpio, die Tochter des scheidenden Präsidenten. Ohne diese Unterstützung hätte Marcos Junior die Wahlen wohl nicht gewonnen. Der Duterte-Clan ist in Mindanao im Süden der Philippinen einflussreich.

Vermutlich wird Marcos Junior die extrem brutale Anti-Drogenpolitik seines Vorgängers nicht mit derselben Gnadenlosigkeit weiterführen. Duterte, der nach sechs Jahren Amtszeit nicht ein zweites Mal kandidieren durfte, hatte Kleindealer und Drogenabhängige von seinen Polizeikräften einfach aussergerichtlich töten lassen. Mit Marcos Junior an der Spitze der Regierung und seiner Tochter als Vizepräsidentin wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit einer Strafverfolgung entgehen.

«Bongbong» und die Vizepräsidentschaftskandidatin Sara Duterte-Carpio.
«Bongbong» und die Vizepräsidentschaftskandidatin Sara Duterte-Carpio. Bild: keystone

Kein guter Tag für die Menschenrechte

Innenpolitisch rechnen Beobachter damit, dass die Menschenrechte in dem Inselstaat weiter geschwächt und die Presse- und Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt werden. Aussenpolitisch dürfte Marcos Junior den chinafreundlichen Kurs seines Vorgängers fortsetzen, der zu den USA auf Distanz gegangen war, weil Washington seinen blutigen Anti-Drogenkrieg kritisiert hatte.

Gegen «Bongbong» läuft zudem in den USA ein Verfahren, das ihm derzeit nicht erlaubt, dort einzureisen. Angesichts der engen Verflechtungen mit der ehemaligen Kolonialmacht und der US-freundlichen Tendenz des philippinischen Sicherheitsapparates wird aber auch Marcos Junior nicht darum herumkommen, sich mit den USA zu arrangieren.

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Nackte Demonstration auf den Philippinen

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Nackte Demonstration auf den Philippinen
quelle: epa/epa / francis r. malasig
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Philippinischer Präsident Duterte erzwingt Kuss

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25 Kommentare
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AFK
11.05.2022 22:58registriert Juni 2020
Tja, die nächste Demokratie entwickelt sich zu einer Diktatur. In den nächten 20 Jahren werden die Diktaturen überhand bekommen, es sieht düster aus für die Welt. Und sowas wie das Klima retten können wir eh gleich vergessen, das interessiert Diktatoren nicht.
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M.Ensch
11.05.2022 21:40registriert März 2020
Schönfärberisch farbig. Darauf steht man in den Philippinen. Hinterfragt wird selten. Duterte hat ja angeblich das Drogenproblem aus der Welt geschafft. Oder geschossen. Das interessiert in den Philippinen nicht. Man lässt sich blenden und wählt den Nächsten. Bongbong ...
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salamandre
11.05.2022 22:44registriert März 2018
Das Internet lässt sich ganz beliebig zurechtbiegen, in China, Russland oder eben anderswo. Das Resultat ist dann Fluch oder Segen, je nach Blickwinkel.
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