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Wie Trump uns dumm macht

Alle machen Männchen. Wie Trump alle dumm macht.
Bild: keystone/imago/watson
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Wie Donald Trump uns dumm macht

Oligarchen, Journalisten und Intellektuelle fressen dem US-Präsidenten aus der Hand.
27.01.2025, 20:04
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Vom legendären Apple-Gründer Steve Jobs wird berichtet, er habe ein «reality distortion field» besessen, will heissen: Er habe die Fähigkeit besessen, seinen Ingenieuren Dinge einzureden, von denen diese glaubten, sie seien unmöglich zu realisieren, und sie geradezu magisch von seiner Sicht zu überzeugen.

Geht es um die Politik, scheint auch Donald Trump derzeit über ein solches «reality distortion field» zu verfügen. An seiner Inauguration sassen die reichsten Männer wie Schulbuben im Saal, nachdem sie zuvor je eine Million Dollar für die Feier abgeliefert hatten. Ein paar Tage später hörten am WEF in Davos die vermeintlichen Masters of the Universe einer belanglosen Rede des Präsidenten zu, als wäre er der neue Messias und stellten danach ein paar Fragen, die so harmlos waren, dass sich dafür ein Journalistenschüler schämen müsste.

SAN FRANCISCO, CA - JANUARY 9: Apple CEO Steve Jobs holds up the new iPhone that was introduced at Macworld on January 9, 2007 in San Francisco, California. The new iPhone will combine a mobile phone, ...
Apple-Gründer Steve Jobs.Bild: Getty Images North America

Trump hat nicht nur die Wirtschaftsführer im Griff, er beherrscht derzeit auch den Diskurs in den Medien. Selbst gescheite Journalisten verfallen in kritikloses Anhimmeln, beispielsweise Eric Gujer. Der NZZ-Chefredaktor verfasste über das Wochenende einen Leitartikel, bei dem er sich schon mit dem Titel auf Köppel-Niveau begibt: «Trump ist ein Raubtier, und die Europäer sind Sozialarbeiter.»

Was darauf folgt, ist eine Lobhudelei auf eine moderne Form von Sozialdarwinismus, wie man sie längst überwunden glaubte. «Das Mantra der sozialen Gerechtigkeit hat die einfache Wahrheit verdrängt, dass es Gewinner und Verlierer gibt», so Gujer, der sein Elaborat mit der indirekten Aufforderung abrundete, die Brandmauer gegen rechts abzureissen und mit den Rechtspopulisten zu kooperieren.

Dass das Raubtier Trump eklatant gegen Rechtsstaat und bürgerlichen Anstand verstösst, wird dabei geflissentlich übersehen. Die pauschale Begnadigung der Kapitol-Stürmer beispielsweise, auch derjenigen, die Polizisten geschlagen und mit Pistolen und Anti-Bären-Sprays bedroht hatten. Oder seine präsidiale Verordnung, die das Recht aufhebt, automatisch amerikanischer Bürger zu werden, wenn man im Land geboren wird. Ein klarer Bruch mit der Verfassung.

Ebenso unerwähnt bleibt die offene Korruption der Trump-Familie. Selbst die Krypto-Gemeinde ist entsetzt ob der Lancierung eines Memecoin namens $Trump. Diese vermeintliche Währung hat keinen praktischen Nutzen, und sie als «digitales Gold» wie Bitcoin zu bezeichnen, wäre ebenfalls mehr als gewagt. Nein, $Trump ist einzig eine Möglichkeit, Trump zu bestechen, eine digitale Version des Briefumschlags sozusagen, der früher noch unter dem Tisch zugeschoben werden musste.

President Donald Trump arrives to speak about the economy during an event at the Circa Resort and Casino in Las Vegas, Saturday, Jan. 25, 2025. (AP Photo/Mark Schiefelbein)
Donald Trump
«Keine Steuern auf Trinkgelder», hat Donald Trump im Wahlkampf versprochen.Bild: keystone

Nur sind die Beträge weit höher: Schon Stunden nach der Lancierung flossen geschätzte 58 Millionen Dollar in die Kassen der Trump-Familie. Der Papierwert von $Trump betrug derweil über 20 Milliarden Dollar, und dies, obwohl der Kurs bereits rund 60 Prozent seines Höchstwertes eingebüsst hatte.

Weil es so schön war, schoben die Trumps gleich noch einen zweiten Memecoin nach, den $Melania. Und wie rechtfertigt der amtierende Präsident diese offene Korruption? Trump spielt den Ahnungslosen. «Ich weiss nichts davon», erklärte er an einer Medienkonferenz.

Trumps «reality distortion field» beeinflusst zunehmend auch den geopolitischen Diskurs der Intellektuellen. Nach der Pandemie schien der Neoliberalismus der Reagan-Thatcher-Ära endgültig erledigt zu sein. Schliesslich hatte es sich gezeigt, dass in der Not der Nationalstaat immer noch der «Retter in letzter Instanz» ist. Ebenso wurde mehr als deutlich, dass globale Lieferketten zerbrechlich sind.

Forderungen nach mehr Deregulierung und Steuersenkungen erhielten einen anachronistischen Beigeschmack. Selbst eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent für multinationale Konzerne wurde nach langen und zähen Verhandlungen beschlossen.

Argentina's President Javier Milei reacts after receiving this year's Roepke Prize for Civil Society of the Liberal Institute at the Congress centre in Kloten, Switzerland, Friday, Jan. 24,  ...
Vom Wirrkopf zum Vorbild: Javier Milei an einer Preisverleihung in Kloten.Bild: keystone

Mit Trump ist der Neoliberalismus zurück, und zwar auf Stelzen. Er soll gar wieder einmal mit dem Gedanken spielen, Einkommenssteuern vollständig abzuschaffen und durch Zolleinnahmen ersetzen, so wie es in den USA bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der Fall war. Weil er im Begriff ist, den Staat mit der Kettensäge zu zerlegen, steht auch Javier Milei, der libertäre Präsident Argentiniens, mittlerweile hoch im Kurs. Bis vor kurzem galt er noch als Wirrkopf.

Überhaupt ist Trump von der Ära um die Wende zum 20. Jahrhundert fasziniert. Mehrmals schon hat er William McKinley als einen der grössten US-Präsidenten gelobt und will gar den höchsten Berg in Alaska erneut nach ihm benennen. McKinley sass von 1897 bis zu seiner Ermordung 1901 im Weissen Haus.

Trump bewundert McKinley aus zwei Gründen: Er hat zunächst ebenfalls hohe Strafzölle auf Importe erhoben. (Später hat er sie widerrufen, aber das ist eine andere Geschichte.) Und in der Amtszeit von McKinley wurden auch Hawaii und Puerto Rico annektiert.

Schliesslich hat McKinley einen Krieg gegen die Spanier auf den Philippinen angezettelt, der mehr als 4000 amerikanischen Soldaten und über 200’000 philippinischen Zivilisten das Leben gekostet hat. Heute gilt dieser Krieg als epochale Dummheit.

FILE - An undated photo of William McKinley, 25th President of the United States. He was inaugurated in 1897, and again in 1901 just prior to being assassinated on Sept. 6, 1901. (AP Photo, File)
Vorbild für Donald Trump: William McKinley.Bild: keystone

Auch Trump will bekanntlich den USA neues Land zuführen. Seine Aufforderung an Kanada, sich als 51. Bundesstaat anzuschliessen, kann man vielleicht als Trolling abtun. Nicht so jedoch seine Drohung, sich Grönland und den Panamakanal einzuverleiben, notfalls mit militärischer Gewalt. Wie Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine würde dies klar gegen geltendes Völkerrecht verstossen.

Die zweite Amtszeit von Trump wird mittlerweile gerne als «imperiale Präsidentschaft» bezeichnet. Es ist eine Art «back to the future»: Trump schwebt einerseits eine Gesellschaftsordnung vor, wie sie im Eisenbahnzeitalter von McKinley geherrscht hat, er will aber gleichzeitig die USA zur führenden Macht im digitalen Zeitalter machen, wie es seinen Broligarchen aus dem Silicon Valley vorschwebt.

Mit anderen Worten: Trump will innenpolitisch zu einem Sozialdarwinismus zurück und aussenpolitisch die USA zu einer imperialistischen Macht ausbauen. Dieser Film wird kein Happy End haben. Oder wie es der Historiker Max Boot in der «Washington Post» formuliert:

«Richtig verstanden offeriert die Präsidentschaft von McKinley eine wichtige Lektion, weshalb die von Trump bevorzugte Politik selbstzerstörerisch sein könnte. Das Letzte, was Amerika braucht, ist in Handelskriege verwickelt zu werden – und noch weniger braucht es eine Konfrontation mit anderen Nationen wegen Trumps Träumereien, noch mehr Land für die Vereinigten Staaten erwerben zu wollen.»
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151 Kommentare
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Thomas Melone
27.01.2025 20:29registriert Mai 2014
Es gibt doch hier auch so eine Partei, die meint der Rechtsstaat gelte nur für die anderen und man müsse sich, selbst im Bundeshaus, nicht an die Anordnungen der Polizei halten.
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Lagi
27.01.2025 20:56registriert Mai 2022
Alle bauen sie geifernd am libertärenanarchokapitalfaschistischen kartenhaus….

Das wird mächtig schief gehen

spannende geschichtslektionen in 50 jahren sind garantiert….
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Lucille_The_Bat
27.01.2025 20:26registriert August 2021
Wenn die Menschen doof genug sind, den Trump Coin zu kaufen, haben sie nichts besseres verdient. Auch da gab es Gewinner un Verlierer - da bin ich ganz bei Gujer.
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