Es ist ein gewaltiges Spektakel am Nachthimmel im Norden Israels. Wellen von iranischen Raketen nähern sich. Wie glühende Punkte fliegen sie hoch oben am Himmel Richtung Süden, während vom Boden andere Leuchtpunkte aufsteigen, den iranischen Geschossen entgegen, und viele davon abschiessen. Danach setzen glühende Trümmerteile ihren Flug fort bis zum Aufschlag, irgendwo hinter dem Horizont.
Ballistische Raketen verlassen nach der Startphase die Atmosphäre, fliegen einen Teil der Strecke also in grosser Höhe und treten dann wieder in die Luftschichten ein. In grosser Entfernung ist nun eine riesige bläuliche Explosion zu sehen. Offenbar hat eine Abfangrakete ein iranisches Geschoss in der äussersten Schicht der Erdatmosphäre getroffen. Abfangraketen kommen aber auch vom offenen Meer her, wahrscheinlich von amerikanischen Kriegsschiffen. Diese greifen ebenfalls in den stillen Kampf am Nachthimmel ein. Die Explosionen sind zu weit weg, als dass sie am Boden zu hören wären.
Zumindest im Norden des Landes lassen sich viele Israeli davon nicht beeindrucken. Autos sind weiter auf den Strassen unterwegs, und in Akko, einer alten Hafenstadt in Galiläa, werfen arabische Fischer stoisch ihre Angeln ins vom Wind aufgepeitschte Meer. Rund um die Millionenstadt Tel Aviv haben die Sirenen des Luftalarms dagegen viele Menschen in die Schutzräume getrieben, bis am Ende die Entwarnung kommt.
Laut israelischen Medienberichten gab es ein paar wenige Verletzte, und ein Palästinenser in Jericho wurde vom herabfallenden Endstück einer grossen Rakete getötet. Nicht näher erläuterte Schäden meldeten die israelischen Streitkräfte auch auf verschiedenen Luftwaffenbasen, wo ebenfalls iranische Raketen einschlugen. Es seien allerdings keine Flugzeuge getroffen worden. Teheran drohte mit weiteren Angriffen für den Fall, dass Israel zu einem Gegenschlag ausholen sollte.
Die in den sozialen Medien verbreiteten Videos von den anfliegenden Raketen und Einschlägen wirken spektakulär und wurden unter anderem im Iran und in den Palästinensergebieten gefeiert. Es mag sein, dass der Angriff die Moral der angeschlagenen Hisbollah-Terroristen im Libanon und der Hamas im Gaza-Streifen etwas hob, aber angesichts der sehr begrenzten Schäden stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Aktion.
Militärisch war das Ganze jedenfalls ein Schlag ins Wasser. Der Iran hat mehr als 180 ballistische Raketen abgefeuert, die ihn umgerechnet schätzungsweise eine halbe Milliarde Franken gekostet haben, ohne dass es in Israel zu ernsthaften Verlusten gekommen wäre.
Zur selben Zeit verübten zwei Palästinenser aus dem Westjordanland einen Terroranschlag in Jaffa, einem teilweise arabischen Stadtteil von Tel Aviv. Bei einer Strassenbahnlinie schossen sie vor einer Moschee mit einem Sturmgewehr wahllos auf Zivilisten und töteten sieben Personen, wobei 17 weitere verwundet wurden.
Die beiden Palästinenser wurden noch an Ort und Stelle gestellt und erschossen. Der Anschlag hat die Hintermänner mutmasslich nur wenige tausend Franken gekostet, dennoch fällt die Opferbilanz um ein Vielfaches drastischer aus als jene der Raketeneinschläge.
Alle sprechen nun vom zu erwartenden israelischen Gegenschlag und der drohenden Eskalation eines regionalen Flächenbrands. Von Jerusalem bis nach Teheran sind es allerdings mehr als 1500 Kilometer Luftlinie – ein Problem für beide Kriegsparteien. Iran kann praktisch nur Raketen, Marschflugkörper oder Drohnen einsetzen, entweder allein oder in Zusammenarbeit mit seinen Verbündeten im Libanon, Jemen, Irak oder in Syrien.
Über eine schlagkräftige Luftwaffe verfügt das Mullah-Regime dagegen nicht – im Gegensatz zu Israel. Solange Teheran keine Atomwaffen besitzt, ist das iranische Eskalationspotenzial also beschränkt. Die Entsendung grosser iranischer Truppenverbände in den Libanon, um den israelischen Truppen Paroli zu bieten, wirkt unrealistisch.
Für Gegenschläge im Iran müssen die israelischen Kampfjets wohl zuerst die Luftverteidigung der Mullahs ausschalten. Dass die Israeli die tief in den Fels eingelassenen Anlagen für die Anreicherung von Uran und andere für die Produktion von Atomwaffen geeigneten Installationen zerstören können, erscheint fraglich. Wahrscheinlicher sind Angriffe auf Repräsentanten des Regimes und der Revolutionsgarden sowie auf Anlagen für den Erdölexport.
In Kooperation mit den USA könnten koordinierte Luftschläge Iran schweren Schaden zufügen. Der Einbezug der Amerikaner wäre dann eine wirkliche Eskalation, aber es bleibt unklar, ob sich Präsident Biden so kurz vor den amerikanischen Wahlen auf ein Experiment dieser Grössenordnung einlassen kann und will.
Derweil geht der Krieg im Südlibanon weiter. Die israelische Armee berief weitere Reservisten ein. In Naharija, einer Küstenstadt ganz im Norden, breiteten israelische Reservisten, halb in Zivilkleidern und schon halb in Uniform, Ausrüstungsgegenstände auf einem Kunstrasen aus, um sie untereinander zu verteilen. Zugleich bereiteten sie sich auf das jüdische Neujahrsfest vom Mittwochabend vor.
Die Militärführung hat nun neben der bereits im Einsatz stehenden 98. Division auch die 36. Division ins Kampfgebiet entsandt. Damit stehen schätzungsweise 20'000 bis 30'000 Soldaten für die Invasion im Südlibanon bereit. Die Hisbollah meldete, dass sie den Zionisten im libanesischen Grenzort Aidassah bei Metullah mit Hinterhalten «harte Schläge» verpasst habe.
Inzwischen gab die israelische Armee den Verlust von acht eigenen Soldaten, unter ihnen zwei Hauptleute, bekannt. Damit ist klar, wo die wahre Eskalation liegt: Nachdem am Dienstag für die Israeli noch alles rund lief, droht der Bodenkrieg im Libanon nun zu einem verlustreichen Unterfangen zu werden. Die libanesische Armee bestätigte die Kämpfe in Aidassah, berichtete aber auch von Gefechten bei Jarun, rund 23 Kilometer weiter südwestlich. (aargauerzeitung.ch)