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European Union chief Brexit negotiator Michel Barnier walks to the Conference Centre in London, Thursday, Dec. 3, 2020. With less than one month to go before the U.K. exits the EU's economic orbit, talks are continuing, and U.K. officials have said this is the last week to strike a deal. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Sackgasse oder freie Fahrt? EU-Unterhändler Michel Barnier am letzten Donnerstag in London. Bild: keystone

Showdown in Brüssel: Darum ist der Brexit-Streit noch immer ungelöst

Die Verhandlungen zwischen Grossbritannien und EU über einen Handelsvertrag sind in der Endphase. Ohne Einigung droht ab Neujahr ein Chaos. Das sind die wichtigsten Punkte.



Michel Barnier ist pessimistisch. Es gebe keine wesentlichen Fortschritte in den Gesprächen über einen Post-Brexit-Handelsvertrag, sagte der Chefunterhändler der Europäischen Union (EU) nach Angaben von Diplomaten am Montagmorgen in Brüssel. Die Verhandlungen mit seinem britischen Gegenüber David Frost würden aber fortgesetzt.

Schon am Samstag sah es nach einem Scheitern der Gespräche aus. Dann telefonierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit dem britischen Premierminister Boris Johnson. Sie stellten fest, dass es in wichtigen Punkten nach wie vor Differenzen gibt, man aber nicht aufgeben wolle. Worauf David Frost am Sonntag den Eurostar nach Brüssel bestieg.

European Commission President Ursula von der Leyen makes a statement on camera, after a phone call with British Prime Minister Boris Johnson, at EU headquarters in Brussels, Saturday, Dec. 5, 2020. (Julien Warnand)

Ursula von der Leyen informierte am Samstag über ihr Telefonat mit Boris Johnson. Bild: keystone

Am Montagabend um 17 Uhr wollen von der Leyen und Johnson erneut telefonieren. «Der Ausgang ist immer noch offen», sagte ein Diplomat. Die EU sei zu Anstrengungen für einen fairen, nachhaltigen und ausgewogenen Deal bereit: «Es ist jetzt an Grossbritannien, zwischen einem solchen positiven Ergebnis und einem No-Deal zu wählen.»

Update: Johnson reist nach Brüssel

Im Streit über den Brexit-Handelspakt soll ein persönliches Treffen auf höchster Ebene den Durchbruch bringen. Der britische Premierminister Boris Johnson werde in den kommenden Tagen nach Brüssel reisen, um mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die schwierigsten Fragen zu klären, teilte die EU-Kommission am Montagabend nach einem Telefonat Johnsons mit von der Leyen mit. (sda/dpa)

«Auf Messers Schneide»

Der irische Premierminister Micheál Martin sagte dem Fernsehsender RTE am Sonntag, die Gespräche seien «auf Messers Schneide». Er hoffe, der gesunde Menschenverstand setze sich durch, man könne aber nicht «übertrieben optimistisch» sein. Der britische Umweltminister George Eustice sprach in der BBC von «fundamentalen Divergenzen».

Warum wird verhandelt?

Im Prinzip ist der Brexit bereits vollzogen. Das Vereinigte Königreich ist am 31. Januar aus der Europäischen Union ausgetreten. Wirtschaftlich allerdings bleibt es während einer Übergangsfrist im Binnenmarkt und in der Zollunion integriert. Sie endet am 31. Dezember. Eine Verlängerung hat Boris Johnson kategorisch ausgeschlossen.

Für die Zeit danach müssen beide Seiten ihr wirtschaftliches Verhältnis neu regeln. Die Briten hätten am liebsten ein erweitertes Freihandelsabkommen nach dem Vorbild des CETA zwischen der EU und Kanada. Brüssel hingegen verweist darauf, dass die britische Wirtschaft viel stärker mit dem EU-Markt verflochten sei und es mehr Regeln brauche.

Was steht auf dem Spiel?

A view of lorries queuing for the Eurotunnel in Folkestone, Kent, England, Friday, Sept. 25, 2020, as the government develops the 27-acre site near Ashford into a post-Brexit lorry park as it gears up to leave the EU at the end of the year. (Gareth Fuller/PA via AP)

Lastwagen warten vor dem Eurotunnel in Folkestone. Ohne Deal droht das totale Chaos. Bild: keystone

Ohne Einigung müssten Grenzkontrollen und Zölle gemäss der Welthandelsorganisation WTO eingeführt werden. Das würde den Warenverkehr über den Ärmelkanal massiv beeinträchtigen. Ein Test des neuen Grenzregimes in Frankreich Ende November führte zu einem kilometerlangen Lastwagenstau vor der Einfahrt zum Eurotunnel in Folkestone.

Ähnliches ist vor den Fährterminals in Dover zu erwarten. Die britische Regierung hat einen ausgedienten Flugplatz in eine Wartezone für Lastwagen umfunktioniert, ausserdem baut sie eine neue Zollanlage in der Grafschaft Kent, die als «Garten Englands» bekannt ist. Denn selbst mit einem Deal sind wegen neuen Formalitäten Staus programmiert.

Britische Wirtschaftsverbände warnen vor Engpässen bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. Selbst der ersehnte Corona-Impfstoff von Pfizer/Biontech könnte im Stau stecken bleiben. Die britische Regierung plant deshalb gemäss der Zeitung «Observer», ihn mit Militärflugzeugen einzufliegen, um dem Verkehrschaos auszuweichen.

Wo harzt es?

epaselect epa08815530 Crew member Nathan Harman sorts fish following the first catch of the day on board the fishing trawler 'About Time' in the English Channel, off the south coast of Newhaven, East Sussex, Britain, 10 November 2020 (issued 12 November 2020). Skipper of the wooden-hulled vessel About Time Neil Witney, has been fishing in the English Channel since the mid-1980s and has watched the local industry shrink over the decades. Like many in the trade, he sees Brexit as an opportunity to revive the sector. 'Hopefully at the end of the year we can get some sort of deal, get our waters back, get control of our quota and then hopefully rebuild our industry and the rest of the maritime industry that goes with it,' he said. Fishing has become a major sticking point in the Brexit negotiations. An agreement on the issue is a prerequisite for a future trade deal between the UK and the European Union which, in theory, should be in place by end of the year. Under the current common fisheries policy, EU vessels have access to fishing grounds in the Exclusive Economic Zones of other member states, although quotas on hauls are negotiated every year. Once outside the EU, the UK will have full control over its EEZ, which stretches 200 nautical miles into the North Atlantic. But while Brussels and London pore over the details of a future deal, Witney cracks on with his job. Fishing from small trawlers is extremely weather dependent and he estimates that he is able to head out on between 150 to 180 days per year. Each time, he aims to make two catches, which means his shift can last up to 14 hours. On a typical day, he expects to catch around 30 different species of fish which, subject to quotas and marketability, will all be kept. 'We used to be able to fish for sprats, herrings, mackerel here but this year we've seen a lot of tuna, but we've got no quota for tuna or horse mackerel and we've lost all the market for things like sprats so at the moment it's almost uneconomic

Die Fischerei ist ein Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen. Bild: keystone

Drei Punkte sind nach wie vor umstritten: So verlangen vor allem französische Fischer, dass sie auch nach dem definitiven Brexit Zugang zu den fischreichen britischen Gewässern erhalten. Die französische Regierung drohte sogar mit dem Veto gegen einen neuen Vertrag. Berichte über einen Durchbruch am Sonntagabend wiesen die Briten zurück.

Dennoch scheint eine Einigung bei der Fischerei in Griffweite, mit Übergangsfristen und Quoten. Schwierig ist es beim zweiten Streitpunkt, den Wettbewerbsbedingungen, auch Level Playing Field genannt. Es geht in erster Linie um Sozial- und Umweltstandards sowie staatliche Beihilfen, ein Streitpunkt auch zwischen der Schweiz und der EU.

Brüssel will verhindern, dass die Briten sich mit Dumpingregeln Wettbewerbsvorteile verschaffen, während Grossbritannien auf seine Souveränität pocht und sich gegen strenge Vorgaben wehrt. Der dritte Punkt ist die Streitbeilegung und die Rolle des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) – ein auch aus Schweizer Sicht bekanntes Problem.

Was ist mit Irland?

epa07418926 (26/66) A defaced sign designates the border between the Republic of Ireland and Northern Ireland on the A13 Road near Londonderry in Britain, 01 March 2019.  Neither the UK nor the EU wants a hard border, and the Irish backstop is the mechanism that negotiators agreed upon to prevent that from happening. The open border, a now-invisible, 499-kilometer (310-mile) line running through countryside, farmland and bisecting main roads, is enshrined in an international peace deal that in 1998 helped to extinguish decades of sectarian and political violence in Northern Ireland; a period known as the Troubles. Over 3,000 people died during the Troubles, which saw unionist paramilitaries from largely Protestant areas, who identify as British, and republican militias from largely Catholic areas, who sought a re-unified Ireland, trade terror. Britain is scheduled to leave the European Union on 29 March 2019, two years after Prime Minister Theresa May invoked Article 50, the mechanism to notify the EU of her country's intention to abandon the member's club after the tightly-contested 2016 referendum. The results of that referendum exposed a divided nation. Leave won, claiming 52 percent of the overall vote. Voters in England and Wales came out in favor of leave, while Scotland and Northern Ireland plumped for remain.  EPA/NEIL HALL  ATTENTION: For the full PHOTO ESSAY text please see Advisory Notice epa07418899 , epa07418900

An der irischen Grenze gibt es keine Kontrollen. Bild: EPA/EPA

Nach dem Ja der Briten zum EU-Austritt im Juni 2016 rückte ein zuvor kaum diskutiertes Problem in den Fokus: Wie kann die Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland offen bleiben? Die Einführung von Zollkontrollen könnte das Karfreitagsabkommen von 1998 und damit den Friedensprozess in Nordirland gefährden.

Die im «Scheidungsvertrag» vor einem Jahr vereinbarte Lösung sieht vor, dass in Nordirland weiterhin EU-Recht gilt, was faktisch auf eine Zollgrenze in der Irischen See hinausläuft. Der britischen Regierung ist dies ein Dorn im Auge, sie hat ein Binnenmarktgesetz vorgelegt, das in wichtigen Punkten auf einen einseitigen Bruch des Austrittsvertrags hinausläuft.

Das EU-freundliche Oberhaus hat die entsprechenden Passagen gestrichen, doch die Regierung Johnson lässt das Gesetz am Montag erneut im Unterhaus beraten. Dieses hat das letzte Wort. Der mögliche Verstoss gegen internationales Recht wird hart kritisiert, auch vom neuen US-Präsidenten Joe Biden. Er ist irischer Abstammung.

Was sind die Perspektiven?

Der irische Regierungschef Micheál Martin schätzt die Chancen für eine Einigung auf 50:50. Die vielleicht letzte Möglichkeit für einen Durchbruch ist das Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag und Freitag in Brüssel. Die Zeit drängt, denn ein Vertrag müsste je nach Umfang von den Parlamenten aller EU-Länder bis Ende Jahr ratifiziert werden.

Boris Johnson befindet sich in einer delikaten Lage. Der konservative Premier verfügt zwar über eine komfortable Mehrheit im Parlament, er steht aber auch unter Druck der Brexit-Hardliner, die den totalen Bruch mit der EU anstreben. Auf der anderen Seite haben in Schottland die Befürworter der Unabhängigkeit Aufwind. Möglich ist deshalb ein rudimentärer Deal mit weiteren Gesprächen im neuen Jahr.

Der frühere Labour-Premier Gordon Brown warnte Boris Johnson davor, die Verhandlungen platzen zu lassen. «Wir würden uns in einen ökonomischen Krieg mit Europa begeben, der uns sehr viel kosten würde», sagte er am Sonntag auf Sky News. Auch mit den USA gäbe es in diesem Fall kaum Chancen auf ein Abkommen. «Boris Johnson würde als isoliertester Premierminister in Friedenszeiten enden, mit keinerlei Freunden in der Welt», so Brown.

Mit Material von SDA/DPA

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