Fünf Gründe, warum es der US-Präsident auf die grösste Insel der Welt abgesehen hat
Gipfel der Entscheidung: Eine Delegation aus Dänemark und Grönland wird am Mittwoch im Weissen Haus in Washington erwartet. Gastgeber sind Vizepräsident JD Vance und Aussenminister Marco Rubio; die beiden hochrangigen Vertreter der Regierung von Donald Trump wollen über das amerikanische Interesse an der grössten Insel der Welt diskutieren, das der Präsident in den vergangenen Tagen wieder bestärkt hat.
Zuletzt drohte Trump erneut damit, in Grönland einzumarschieren, falls Dänemark nicht bereit sei, die Insel nach 300 Jahren an die USA abzutreten. Dänemark und Grönland hingegen stellen sich auf den Standpunkt, dass es nichts zu verhandeln gibt – weil die Insel erstens nicht zum Verkauf stehe und zweitens auch die von Trump heraufbeschworene sicherheitspolitische Krise nicht der Realität entspreche. «Wenn wir zwischen den USA und Dänemark wählen müssen, dann wählen wir Dänemark, die Nato und die EU», sagte Jens-Frederik Nielsen, der Ministerpräsident von Grönland dazu am Dienstag.
Der Regierung Trump scheint das egal zu sein. Hochrangige Vertreter stellen die Ansprüche Dänemarks auf die Insel in Frage und verlangen eine Handänderung. Für ihn sei es aus «psychologischen Gründen» sehr wichtig, dass Grönland in amerikanisches Eigentum übergehe, sagte Trump kürzlich. Warum ist der amerikanische Präsident derart versessen an Grönland?
Grönland dient als Bollwerk gegen Russland und China
Trump ist überzeugt davon, dass die USA sich in einem Wettlauf um Grönland befinden und zwar sowohl gegen Russland als auch gegen China. Rund um die Insel, sagte der amerikanische Präsident kürzlich, wimmle es nur so von Schiffen feindlicher Mächte. Aus strategischen Gründen könne Washington es aber nicht zulassen, dass Moskau oder Peking plötzlich Präsenz auf der Insel markierten. Die USA haben auf Grönland noch einen Stützpunkt, die Pituffik Space Base, auf der rund 150 Mitglieder der Streitkräfte stationiert sind. «Den müssen wir verteidigen», sagte Trump.
Interessant in diesem Zusammenhang ist: In der amerikanischen Sicherheitsstrategie, die kurz vor Weihnachten unter grossem Getöse vom Weissen Haus publiziert wurde, wird die Arktis im allgemeinen und Grönland im speziellen mit keinem Wort erwähnt.
Grönland ist die Türschwelle zur Arktis
Im Buhlen um Grönland spielen natürlich auch kommerzielle Überlegungen einen Rolle. Weil das Eis in der Arktis schmilzt, gehen Geostrategen davon aus, dass sich im hohen Norden bald neue Schifffahrtsrouten öffnen. Nun können die USA zwar nicht verhindern, dass andere Länder neue Seewege mit modernen Schiffen erschliessen, die nötigenfalls auch durch Eis pflügen.
Aber Washington möchte mit einer verstärkten Präsenz auf Grönland China und Russland klar machen, dass es sich dabei um Territorium im amerikanischen Einflussbereich handelt. Theoretisch könnten die USA dieses Ziel auch erreichen, indem sie auf der Grundlage eines bestehenden Sicherheitsbündnisses die Zahl der Stützpunkte auf der Insel wieder ausbaut – Trump aber will mehr. Er sagte kürzlich, dass er weder China noch Russland als Nachbarn in Grönland haben wolle.
Grönland hat viele Ressourcen
Im Boden von Grönland befinden sich viele wertvolle Rohstoffe. Das Problem: Das harsche Wetter – am Dienstag zeigte das Thermometer in der Hauptstadt Nuuk 3 Grad Celsius unter Null an – erschwert die Ausbeutung von Anorthosit, Zink, Kobalt, Gold und Edelsteinen enorm. Massive Investitionen in die Infrastruktur wären notwendig, um diese Vorkommen auszubeuten, was sich negativ auf die Profitmarge auswirkt. Investoren schrecken deshalb vor Grönland zurück.
Trump scheint dies allerdings egal zu sein. Er weist in öffentlichen Stellungnahmen immer wieder darauf hin, wie viele Ressourcen sich in Grönland befänden.
Grönland befindet sich in der Westlichen Hemisphäre
Trump sieht sich als Präsident, der Geschichte machen will. Und weil seine Kindheit stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt war, steht er unter dem Eindruck, dass Präsidenten in Erinnerung bleiben, wenn sie den Machtbereich der USA ausdehnen. Deshalb hat er sich in seiner zweiten Amtszeit das Ziel gesetzt, den Einfluss seines Landes in der westlichen Hemisphäre massiv zu vergrössern – wie er zuletzt mit der Intervention in Venezuela bewies.
Grönland ist in den Augen Trumps, einem ehemaligen Baulöwen, das Kronjuwel der Hemisphäre. Dabei spielt wohl auch eine Rolle, dass traditionelle Landkarten den Eindruck erwecken, Grönland sei fast so gross wie der afrikanische Kontinent. Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, sondern ist ein Nebeneffekt der Kartografie, aber scheint sich dennoch ins Gehirn vieler Amerikaner eingebrannt zu haben.
Grönland ist ein Prestigeprojekt Trumps
Natürlich ist es ein (schlechter) Scherz, wenn in Washington bereits über die Umbenennung von Grönland in Trumpland spekuliert wird. Aber die vergangenen Monate haben gezeigt, dass der amerikanische Präsident möglichst viele Regierungsprojekte mit seinem Namen schmücken will: von der Konzerthalle über einen Annex des Weissen Hauses bis hin zu einem Flughafen. Was noch fehlt in diesem Portfolio ist eine Insel. (aargauerzeitung.ch)
