International
Dänemark

Zwangsverhütungs-Skandal in Grönland: Dänermark entschuldigt sich

Grönländerinnen ohne Zustimmung Verhütungsspirale eingesetzt – Dänemark entschuldigt sich

Um die Geburtenrate in Grönland zu senken, wurden Mädchen ab den 1960er-Jahren ohne ihr Wissen Verhütungsspiralen eingesetzt. Jahrzehnte später entschuldigt sich die ehemalige Kolonialmacht Dänemark bei den Betroffenen.
29.08.2025, 12:5929.08.2025, 13:48
Mehr «International»

Ab den 1950er-Jahren stiegen die Geburtenraten in Grönland an. Für die damalige Kolonialmacht Dänemark bedeutete das auch: mehr Subventionen bezahlen. Daraufhin wurde tausenden Mädchen und Frauen in Grönland die Spirale zur Verhütung eingesetzt – meist ohne ihr Wissen oder ihr Einverständnis.

Wie Betroffene erzählen, wurden sie als Mädchen schulklassenweise ins Spital gefahren. Dort wurden ihnen ohne Erklärung auf dem gynäkologischen Stuhl Spiralen in die Gebärmutter eingesetzt. Ohne Betäubung. Die Jüngsten waren teilweise erst zwölf Jahre alt.

Jahrzehntelanges Schweigen

Viele der Betroffenen waren traumatisiert von den medizinischen Übergriffen. Jahrzehntelang wurde nicht über das Geschehene gesprochen. Als sich die Grönländerin Naja Lyberth, der ein dänischer Arzt die Spirale einsetzte, als sie 14 Jahre alt war, entschied, darüber zu sprechen, brachte sie einen Stein ins Rollen. Innert kürzester Zeit meldeten sich 200 indigene Frauen auf ihren Facebook-Post, die Lyberths Schicksal teilten. 2022 wurde der Skandal schliesslich publik. Aufzeichnungen belegen, dass tausende Mädchen und Frauen von den Zwangsmassnahmen in Grönland betroffen waren.

«Es wurde nicht gefragt, ob wir das wollen oder nicht. Wir hatten keine Möglichkeit, zu widersprechen.»
Betroffene Naja LyberthKNR

Effiziente Strategie für weniger Geburten

Erst 1979 erhielt Grönland von Dänemark weitgehende Selbstverwaltung. Bis dann hatte die Verhütungskampagne schon klar Wirkung gezeigt: Die Geburtenrate pro Frau sank von 1962 vom Höchststand von 6,79 Kindern pro Frau auf 2,19 Kinder 1979.

Viele der Frauen hatten aber nicht nur weniger Kinder, sondern konnten gar nie welche haben. Die Spiralen, die in den 1960er-Jahren eingesetzt wurden, waren im Vergleich zu den heutigen Verhütungsspiralen viel grösser. Das führte bei vielen zu Schmerzen und teilweise Komplikationen wie Sterilität.

143 Grönländerinnen verklagen Dänemark

Nach Bekanntwerden des Skandals schlossen sich 143 Betroffene zusammen und verklagten sowohl den dänischen als auch den grönländischen Staat. Denn auch nach 1992, als Grönland die Verantwortung für das Gesundheitssystem übernommen hatte, waren weitere Frauen von der Geburtenkontrolle betroffen.

Dafür entschuldigte sich am Mittwoch nun der grönländische Regierungschef Jens Frederik Nielsen bei allen Betroffenen und versprach ihnen eine Entschädigung. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigte sich ebenfalls bei den Frauen: «Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen.»

Zu den Forderungen wegen Verletzung ihrer Menschenrechte, die die Betroffenen an den dänischen Staat stellen, möchte sich die dänische Regierung erst äussern, wenn die Ergebnisse der Untersuchungskommission vorliegen. Die Frauen fordern umgerechnet je etwa CHF 37'600.

Fünfmal mehr Fremdplatzierungen bei grönländischen Familien

Bis heute greift der dänische Staat noch in die Familienplanung grönländischer Frauen ein. Erst im Mai dieses Jahres wurde es verboten, Elternkompetenztests bei Grönländerinnen durchzuführen.

Diese Tests, mit denen die Fähigkeit von Menschen, Eltern zu werden, geprüft werden soll, führen mitunter dazu, dass in Dänemark Kinder aus grönländischen Familien fünfmal häufiger fremdplatziert werden als Kinder aus dänischen Familien.

Nach langjähriger Kritik und Protesten sind die Tests im Mai dieses Jahres verboten worden. Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten bezeichnen das Verfahren als rassistisch und kulturell ungeeignet für Inuit.

Der Fall der 18-jährigen Ivana Brønlund sorgte in den letzten Wochen für Aufregung: Nur eine Stunde nach der Geburt wurde ihr ihre Tochter weggenommen. Die gebürtige Grönländerin hatte den Test im April absolvieren müssen, ehe die Gesetzesänderung in Kraft getreten war.

Sie wird im September in Berufung gehen und versuchen, ihr Kind zurückzubekommen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Trump Jr. trifft in Grönland ein
1 / 10
Trump Jr. trifft in Grönland ein
Donald Trump Jr. posiert für Fotos nach seiner Ankunft in Nuuk.
quelle: keystone / emil stach
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Trump: Wir werden Grönland so oder so bekommen
Video: youtube
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
36 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Bababobo
29.08.2025 13:21registriert September 2015
Unglaublich zu was Menschen in der Lage sind aber Dänemark scheint nichts desto trotz aus dieser Sache nichts gelernt zu haben..
326
Melden
Zum Kommentar
avatar
Alex747
29.08.2025 14:50registriert Oktober 2019
Dänemark entschuldigt sich, aber gleichzeitig ( Artikel von 25 August ) passiert immer noch, dass man in Dänemark einer 18 jährigen Grönländerin ein Baby 1 Stunde nach dem Geburt weg nimmt und fremdplaziert , weil sie angeblich den „Elternkompetenz“-Test nicht bestanden hat. Sonst in Europa ist so etwas unvorstellbar. Aber bei Dänen , aus irgendeinem dubiösen Grund drückt man die Augen zu. Gerichtshof für Menschenrechte hat besseres zu tun….
251
Melden
Zum Kommentar
avatar
Overton Window
29.08.2025 13:18registriert August 2022
Einen Elternkompetenztest sollte man nicht verbieten, sondern weltweit flächendeckend einführen. Dann ist er auch nicht mehr Rassistisch.

Wobei einen Kompetenztest für Politiker ebenfalls spannend wäre.
4122
Melden
Zum Kommentar
36
Kim und Putin bei Xis Militärparade in Peking
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wird nach chinesischen Angaben nächste Woche für eine seiner seltenen Auslandsreisen zu einer Militärparade nach Peking kommen.
China und Nordkorea seien befreundete Nachbarn und Peking heisse Generalsekretär Kim herzlich willkommen, sagte Vize-Aussenminister Hong Lei.
Zur Story