Ab den 1950er-Jahren stiegen die Geburtenraten in Grönland an. Für die damalige Kolonialmacht Dänemark bedeutete das auch: mehr Subventionen bezahlen. Daraufhin wurde tausenden Mädchen und Frauen in Grönland die Spirale zur Verhütung eingesetzt – meist ohne ihr Wissen oder ihr Einverständnis.
Wie Betroffene erzählen, wurden sie als Mädchen schulklassenweise ins Spital gefahren. Dort wurden ihnen ohne Erklärung auf dem gynäkologischen Stuhl Spiralen in die Gebärmutter eingesetzt. Ohne Betäubung. Die Jüngsten waren teilweise erst zwölf Jahre alt.
Viele der Betroffenen waren traumatisiert von den medizinischen Übergriffen. Jahrzehntelang wurde nicht über das Geschehene gesprochen. Als sich die Grönländerin Naja Lyberth, der ein dänischer Arzt die Spirale einsetzte, als sie 14 Jahre alt war, entschied, darüber zu sprechen, brachte sie einen Stein ins Rollen. Innert kürzester Zeit meldeten sich 200 indigene Frauen auf ihren Facebook-Post, die Lyberths Schicksal teilten. 2022 wurde der Skandal schliesslich publik. Aufzeichnungen belegen, dass tausende Mädchen und Frauen von den Zwangsmassnahmen in Grönland betroffen waren.
Erst 1979 erhielt Grönland von Dänemark weitgehende Selbstverwaltung. Bis dann hatte die Verhütungskampagne schon klar Wirkung gezeigt: Die Geburtenrate pro Frau sank von 1962 vom Höchststand von 6,79 Kindern pro Frau auf 2,19 Kinder 1979.
Viele der Frauen hatten aber nicht nur weniger Kinder, sondern konnten gar nie welche haben. Die Spiralen, die in den 1960er-Jahren eingesetzt wurden, waren im Vergleich zu den heutigen Verhütungsspiralen viel grösser. Das führte bei vielen zu Schmerzen und teilweise Komplikationen wie Sterilität.
Nach Bekanntwerden des Skandals schlossen sich 143 Betroffene zusammen und verklagten sowohl den dänischen als auch den grönländischen Staat. Denn auch nach 1992, als Grönland die Verantwortung für das Gesundheitssystem übernommen hatte, waren weitere Frauen von der Geburtenkontrolle betroffen.
Dafür entschuldigte sich am Mittwoch nun der grönländische Regierungschef Jens Frederik Nielsen bei allen Betroffenen und versprach ihnen eine Entschädigung. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigte sich ebenfalls bei den Frauen: «Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir können Verantwortung übernehmen.»
Zu den Forderungen wegen Verletzung ihrer Menschenrechte, die die Betroffenen an den dänischen Staat stellen, möchte sich die dänische Regierung erst äussern, wenn die Ergebnisse der Untersuchungskommission vorliegen. Die Frauen fordern umgerechnet je etwa CHF 37'600.
Bis heute greift der dänische Staat noch in die Familienplanung grönländischer Frauen ein. Erst im Mai dieses Jahres wurde es verboten, Elternkompetenztests bei Grönländerinnen durchzuführen.
Diese Tests, mit denen die Fähigkeit von Menschen, Eltern zu werden, geprüft werden soll, führen mitunter dazu, dass in Dänemark Kinder aus grönländischen Familien fünfmal häufiger fremdplatziert werden als Kinder aus dänischen Familien.
Nach langjähriger Kritik und Protesten sind die Tests im Mai dieses Jahres verboten worden. Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten bezeichnen das Verfahren als rassistisch und kulturell ungeeignet für Inuit.
Der Fall der 18-jährigen Ivana Brønlund sorgte in den letzten Wochen für Aufregung: Nur eine Stunde nach der Geburt wurde ihr ihre Tochter weggenommen. Die gebürtige Grönländerin hatte den Test im April absolvieren müssen, ehe die Gesetzesänderung in Kraft getreten war.
Sie wird im September in Berufung gehen und versuchen, ihr Kind zurückzubekommen.
Wobei einen Kompetenztest für Politiker ebenfalls spannend wäre.