Schweiz
Wallis

Anonymer Flyer mit CO₂-Gesetz-Bezug schockiert Blatten VS

«Erbärmlich und respektlos»: Anonymer Flyer schockiert Blatten VS

Ein anonymes Schreiben sorgt im verschütteten Walliser Dorf Blatten für Aufregung. Der Verfasser macht die Dorfbewohner selbst für den Bergsturz Ende Mai verantwortlich – weil sie 2021 deutlich gegen das CO₂-Gesetz gestimmt hatten.
30.11.2025, 07:4330.11.2025, 12:28

«Wieso jammert ihr eigentlich über eure verlorenen Häuser?», steht auf dem Flyer, den die Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten am Samstag im Briefkasten vorfanden, wie der Walliser Bote berichtet. Darunter befindet eine Grafik zu den Abstimmungsergebnissen beim CO₂-Gesetz, das in Blatten 2021 mit 60 Prozent Nein-Stimmen verworfen wurde. Wesentlich knapper war es in der Gesamtschweiz, wo der Nein-Anteil 51,6 Prozent betrug.

blatten schreiben
Dieses Schreiben fanden die Blattner im Briefkasten.Bild: screenshot facebook

Der Verfasser suggeriert damit, dass die Blatterinnen und Blattner selbst schuld am verheerenden Bergsturz sind, der Ende Mai Teile des Dorfes komplett ausradiert hatte. Die Bevölkerung reagiert schockiert und empfindet das Schreiben als geschmacklos. Eine vom Bergsturz betroffene Einwohnerin sagt gegenüber dem «Walliser Boten»:

«Das ist einfach nur erbärmlich und respektlos. Wir alle machen sehr viel durch. Die meisten von uns haben alles verloren.»

Wer hinter dem Flyer steckt, ist nicht bekannt. Der Hinweis zum Verfasser auf dem Zettel ist kryptisch. Es heisst:

«By: the AMOC runs amok & the Lost Climate Roulette»

Flankiert ist die Unterschrift von einem Revolver, der auf eine Abbildung der Erde feuert. Wie der Blick schreibt, ist mit «AMOC» vermutlich die Atlantische meridionale Umwälzströmung gemeint. Dabei handelt es sich um ein grosses System von Strömungen im Atlantik, das kaltes und warmes Wasser nach Norden und Süden austauscht und damit das Klima beeinflusst. Das Phänomen ist heute nachweislich für mildere Temperaturen in Europa verantwortlich.

Blatten wurde im Mai von einem Bergsturz getroffen, Teile des Dorfes wurden komplett begraben, viele Menschen verloren ihr Hab und Gut. Eine Person kam ums Leben. Experten erachten es als erwiesen, dass der Klimawandel den Bergsturz ausgelöst oder zumindest begünstigt hatte.

Über das CO₂-Gesetz wurde 2021 in der Schweiz abgestimmt. Die Vorlage sollte helfen, die Treibhausgasemissionen in der Schweiz zu reduzieren, wurde aber von der Bevölkerung relativ knapp verworfen. Besonders in ländlichen Kantonen sprach sich eine grössere Mehrheit gegen das Gesetz aus. Im Wallis betrug der Nein-Anteil 60,9 Prozent. (con)

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260 Kommentare
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Pointless Piraña
30.11.2025 08:18registriert Dezember 2019
Zynisch, aber halt auch ein bisschen wahr.
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ingmarbergman
30.11.2025 08:16registriert August 2017
Wahrheit tut weh.

Klar ist es schlimm für die Betroffenen, aber genau darin liegt das Problem! Die Stimmenden stimmen gegen wirksame Klimapolitik, weil sie statistisch kaum zu den Opfern gehören werden.
Aber es sind halt trotzdem alle mitverantwortlich für alle Konsequenzen.
Und diese sind in der reichen Schweiz sogar noch leichter zu ertragen.
Die Umweltkatastrophen in der 3. Welt haben tausend mal mehr Opfer und die bekommen keine Millionen für den Wideraufbau.
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ImmerMitderRuhe
30.11.2025 08:22registriert Februar 2023
Wen wunderts? Das Motto lautet eh: Verschone mein Haus, lass das des Nachbarn (im fernen Ausland) brennen. Die Empörung über den Flyer ist unangebracht.
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