Volkswagen verschärft seinen Sparkurs drastisch: Die Marke will in Deutschland laut Gewerkschaften mindestens drei Werke schliessen und zehntausende Arbeitsplätze abbauen. Das teilte die Chefin der Arbeitnehmervertretung, Daniela Cavallo, mit.
Effektiv dürfte dies in diesem Ausmass kaum geschehen. Das Bundesland Niedersachsen sitzt im VW-Aufsichtsrat und könnte gemeinsam mit dem Betriebsrat Schliessungen blockieren. Am Ende wird es auf einen Kompromiss hinauslaufen.
Der Konzern an sich ist nicht das Problem: Die Volkswagen Group mit ihren zehn Marken war mit einem Absatz von rund 8,9 Millionen Pkw und leichten Nutzfahrzeugen sowie einem Weltmarktanteil von 10,9 Prozent 2023 der zweitgrösste Automobilhersteller der Welt. Der Gesamtabsatz stieg überdurchschnittlich um 11,9 Prozent, davon 40 Prozent in Europa.
Doch die Kernmarke VW strauchelt. Die Probleme haben sich bereits seit mehreren Jahren angedeutet, die Gründe sind vielfältig: Verkrustete Strukturen, aber auch hohe Investitionen in neue E-Modelle, bei denen die Nachfrage jetzt lahmt – in Wolfsburg gibt es viele Baustellen. Deshalb war bereits vor einem Jahr ein Sparprogramm ausgerufen wurde, das offenbar nicht reicht.
Hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Produktpalette der Marke? Vermutlich nicht. Die Planungen sind langfristig angelegt, der Neustart einzelner Modelle benötigt mehrere Jahre Vorlauf. «Die Modellpolitik wurde bereits angepasst», sagt Prof. Ferdinand Dudenhöffer vom CAR (Center Automotive Research) in Bochum zu t-online. Laut Dudenhöffer liegt das Problem vor allem an den Kosten der deutschen VW-Standorte und der Unterauslastung.
Bereits jetzt hat sich VW von unrentablen Modellen getrennt: Der Passat ist in Europa nur noch als Variant erhältlich (und wirk bei Skoda in Tschechien gebaut), der T-Roc wird künftig nicht mehr als Cabrio vorfahren. Der Arteon als schickes Passat-Coupé ist ebenfalls Geschichte. Der Kleinstwagen Up und der Transporter T6.1 wiederum wurden eingestellt, weil sie nicht mehr die aktuellen Anforderungen an Cybersicherheit erfüllen konnten. Ein Blick auf die Details:
So erfolgreich wie VWs Verbrennermodelle wie Golf, Polo, Tiguan, T-Roc oder Passat sind die elektrischen Fahrzeuge der ID.-Reihe nicht. Etwas mehr als eine Million Stromer hat die Marke VW seit 2020 verkauft – Tesla hingegen hat allein 2023 1,8 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert.
Mit dem Wegfall der E-Auto-Förderung ist es in Deutschland für alle Hersteller noch schwieriger geworden, Stromer an die Kunden zu bringen: Die Zulassungen des ID.3 stürzten zwischen Juni und Juli 2024 von 6'370 auf 935 ab. Auch der Retro-Bulli ID.Buzz will nicht so in Gang kommen wie erhofft – woran wohl auch der Startpreis von fast 70'000 Euro seinen Anteil haben dürfte. Ein günstigeres Basismodell für rund 50'000 Euro mit kleinerer Batterie und weitere Varianten wie der sportliche GTX sollen es richten.
Etwas Grund zum Optimismus gibt die Entwicklung beim grossen Modell ID.7, das im Werk in Emden gebaut wird: Hier soll die Nachfrage nach einer anfänglichen Flaute an Fahrt aufnehmen, heisst es: Das Unternehmen hat demnach die Produktionsziele für das Werk in Emden für kommendes Jahr auf rund 190'000 Autos erhöht – 50'000 mehr als geplant, berichtet «elektroauto-news.net».
Im Segment der bezahlbaren Stromer will VW jedoch erst 2026 mit dem ID.2 einen Kleinwagen mit einem Startpreis von rund 25'000 Euro auf den Markt bringen, der noch günstigere ID.1 folgt noch später. Die Konkurrenz ist deutlich weiter. So bietet Renault seinen elektrischen R5 Ende des Jahres an, Citroën hat den e-C3 ab 23'300 Euro im Angebot, weitere Modelle dürften ab dem kommenden Jahr folgen. Aber auch unabhängig vom E-Auto: Einen günstigen Verbrenner hat VW derzeit ebenfalls nicht im Angebot.
Eine weitere Herausforderung kommt ab 2025 auf VW zu: In der EU treten neue CO2-Ziele in Kraft. Autohersteller müssen künftig mehr Autos mit weniger Schadstoffausstoss verlaufen – sprich: E-Autos oder Hybride. Berechnungen zufolge muss die Marke 15 Prozent mehr E-Autos verkaufen, um dieses Ziel zu erreichen. 25 Prozent der verkauften Autos müssten dann Stromer sein, derzeit sind es 9,7. Um das zu erreichen, dürfte ab dem kommenden Jahr ein neuer Preiskampf beginnen – gut für die Kunden, schwierig für die Hersteller, deren Gewinnmargen schrumpfen.
Volkswagen will in den kommenden Jahren 180 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investieren, 120 Milliarden in Digitalisierung und E-Mobilität – und allein 60 Milliarden in Verbrennungsmotoren. «Alle Autobauer brauchen für Europa und USA wieder die Verbrenner und deshalb wird in die Verbrenner nochmals investiert. Und das gilt auch für den VW-Konzern», so Autoexperte Dudenhöffer. Denn schon im gelifteten Golf zeigt sich, wozu moderne Plug-in-Hybride in der Lage sind: mehr als 100 Kilometer rein elektrische Reichweite und dennoch ein Verbrennungsmotor unter der Haube – was kritische Kunden zum Kauf verleiten könnte.
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