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Antisemitismus-Eklat um jüdischen Sänger – Hotel-Mitarbeiter beurlaubt

Antisemitismus-Eklat um jüdischen Sänger – Hotel-Mitarbeiter beurlaubt

Weil er einen Davidstern um den Hals trug, habe man ihm das Einchecken in einem Leipziger Hotel verweigert, berichtete der Sänger. Der Vorfall sorgte für grosse Empörung und zieht nun weitreichende Konsequenzen mit sich.
06.10.2021, 09:5906.10.2021, 10:47
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Ein Artikel von
t-online

«Ich bin gerade sprachlos», wandte sich Musiker Gil Ofarim am Dienstag in einem Video an seine mehr als 130'000 Instagram-Follower und schilderte sichtlich ergriffen einen Vorfall, der sich kurz zuvor im Leipziger «Westin Hotel» ereignet hatte. Als er an der Rezeption einchecken wollte, sei er Opfer von Antisemitismus geworden. Ein Mitarbeiter habe ihn aufgefordert, seine Kette mit einem Davidstern einzupacken, berichtete der Sohn des israelischen Sängers Abi Ofarim und fragte geschockt: «Haben wir denn nichts nichts aus der Vergangenheit gelernt?»

Video: watson

Solidaritätskundgebung vor dem Hotel

Der Vorfall löste ein Welle der Empörung aus.  Am Dienstagabend nahmen Hunderte Menschen an einer Solidaritätskundgebung mit Jüdinnen und Juden in Deutschland vor dem Hotel teil, zu der das Bündnis «Leipzig nimmt Platz» aufgerufen hatte. Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl zunächst auf den «mittleren dreistelligen Bereich», wie eine Sprecherin sagte.

Neben unzähligen Reaktionen in den sozialen Netzwerken äusserten sich auch viele Prominente und Politiker. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster , sprach von einer erschreckenden Anfeindung. Er hoffe, dass das Hotel personelle Konsequenzen ziehe und «dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden». 

People gather in front of the "Westin Hotel" in Leipzig, Germany, Tuesday, Oct. 5, 2021 to show solidarity with the musician Gil Ofarim. A leading Jewish group in Germany says it's shoc ...
Demonstrierende vor dem Westin Hotel in Leipzig.Bild: keystone

Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sprach von einem «unfassbaren Fall von Antisemitismus» und einem Verstoss gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). «Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben», schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Ein Sprecher des «Westin Leipzig» versicherte zunächst nur, dass man besorgt über den Bericht sei und die Angelegenheit extrem ernst nehme. Das Unternehmen versuche, Ofarim zu kontaktieren, um herauszufinden, was passiert sei. Ziel sei es, alle Gäste und Mitarbeiter unabhängig von ihrer Religion einzubeziehen, zu respektieren und zu unterstützen.

Personelle Konsequenzen sollen aber nicht ausgeblieben sein. Laut Medienberichten habe das Hotelmanagement «die betreffenden Mitarbeiter» beurlaubt. Zeitungen zitierten eine Hotelmanagerin mit den Worten, dass Antisemitismus nicht entschuldbar sei und in dem Hotel nicht geduldet werde. Eine direkte Bestätigung war von dem Hotel am Dienstagabend zunächst nicht zu bekommen.

Auch Polizei und Staatsanwaltschaft schalteten sich ein. Olaf Hoppe, Sprecher der Leipziger Polizei, sagte, dass die mutmassliche Aussage des Hotelangestellten für ihn «klar antisemitisch» sei. Die Polizei werde Inhalte des Videos an die Staatsanwaltschaft weiterleiten, die eine strafrechtliche Relevanz prüfe. Je nach Ergebnis werde dann weiter ermittelt oder nicht. (t-online.de)

Video: watson
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Video: watson
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57 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fretless Guy
06.10.2021 12:25registriert Juli 2018
Ich habe in Ende der 70er als Jugendlicher selber "Antisemitismus" erlebt. Ich habe als nicht Jude ein ähnliches Kettchen getragen. Es war einfach ein Geschenk und ich fand es cool. Ich wurde damals einerseits von der älteren Generation im ÖV sehr provokativ angeglotzt und von Jugendlichen angemacht und ausgelacht. Bis mir dann jemand erklärte dass es wohl besser sei, wenn ich den "Judenstern" nicht trage. Bis dahin hatte ich keine Ahnung wieso ein idiotischer Stern so viel Aufmerksamkeit erregt. Ich habe Antisemitismus nie verstanden und verstehe ihn heute noch weniger.
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Ehrenmann
06.10.2021 10:33registriert Januar 2018
Jap, nichts gelernt von der Vergangenheit...
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Umbulubumbulu
06.10.2021 12:20registriert März 2014
Ich finde es bedenklich mit welcher Häufigkeit Leute vorverurteilt werden ohne dass sie die Möglichkeit haben ihre Schuld oder Unschuld zu beweisen. Wir wissen nach wie vor nicht was sich genau zugetragen hat. Die vorverurteilte Person muss jetzt ihre Schuld/Unschuld beweisen und selbst wenn sich herausstellt das sie unschuldig ist, wird sie wohl kaum an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Es geht nicht darum eine mutmassliche Tat Kleinzureden, mehr darum wie wir mit dem umgehen. Dafür gibts Gerichte, die sind zuständig, nicht wir.
Aber lieber die Sau durchs Dorf jagen, ist einfacher...
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