«Dieser Krieg wird auf den Körpern von Frauen geführt»
Im Sudan sind nach drei Jahren Krieg rund 34 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Etwa 21 Millionen Menschen leiden an akutem Hunger, rund 14 Millionen sind auf der Flucht, leben in Provisorien oder in angrenzenden Ländern. In Schätzungen ist von deutlich mehr als 150'000 Toten die Rede, wobei die wahre Zahl der Opfer erst nach Kriegsende festgestellt werden könne. Kurz: Der Sudan ist derzeit Schauplatz der grössten humanitären Krise weltweit.
Am dritten Jahrestag des Bürgerkrieges, am 15. April, findet in Berlin eine internationale Sudan-Konferenz statt. Hoffnung für ein Kriegsende gibt es kaum, da die Kriegsparteien nicht geladen sind. Das Treffen verfolgt stattdessen hauptsächlich das Ziel, Leiden zu verhindern und die humanitäre Hilfe zu verstärken.
Eine Waffenruhe ist damit erst einmal nicht in Sicht. Vermittlungsversuche werden von den USA angetrieben – sind bisher jedoch gescheitert. International stehen derzeit andere Konflikte stärker im Fokus. Der stellvertretende Leiter des Welternährungsprogramms (WFP), Carl Skau, äusserte jedoch die Hoffnung, dass die Sudan-Konferenz in Berlin das Land wieder stärker auf die internationale Agenda rückt.
Der Sudan bleibt damit das Land mit der weltweit grössten Vertreibungs- und Hungerkrise. Eine Übersicht zum Bürgerkrieg und seinen Folgen.
Wer kämpft gegen wen?
Der Bürgerkrieg im drittgrössten Land Afrikas begann am 15. April 2023. Seit drei Jahren kämpfen die sudanesische Regierungsarmee SAF von De facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und die Miliz RSF unter Mohamed Hamdan Daglo erbittert um die Vorherrschaft im Land. Einst hatten sich die beiden gemeinsam an die Macht geputscht – Daglo war al-Burhans Stellvertreter.
Mittlerweile ist das Land zu weiten Teilen in Kontrollsphären aufgeteilt: Die Armee kontrolliert seit dem vergangenen Jahr wieder die zu grossen Teilen zerstörte Hauptstadt Khartum und den Osten des Sudans. Die RSF hat mit der Eroberung der Stadt Al-Faschir die grosse Region Darfur im Westen unter Kontrolle. Dort hat sie nicht nur Zugang zu Versorgungsrouten aus dem Tschad, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik, sondern kann mit der Kontrolle über wichtige Goldvorkommen auch Waffenkäufe finanzieren.
Derzeit wird vor allem in der weiter südlich gelegenen Region Kordofan heftig gekämpft. Experten wie Alan Boswell von der International Crisis Group sehen die Gefahr einer dauerhaften Teilung des Landes.
Was sind die Folgen der Kriegsverbrechen?
Menschenrechtsorganisationen werfen sowohl der SAF als auch der Miliz RSF Menschenrechts- und Kriegsverbrechen vor. Bis zu 80 Prozent der Gesundheitseinrichtungen sind nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zerstört oder nicht arbeitsfähig. Millionen Sudanesinnen und Sudanesen leiden unter Hunger, viele sind auf der Flucht.
Der SAF werden willkürliche Bombardierungen auch von Wohngebieten vorgeworfen. Die RSF hingegen setzt sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ein, besonders gegen die nicht-arabischen Bevölkerungsgruppen in Darfur.
Sexuelle Gewalt sei zu einem prägenden und allgegenwärtigen Merkmal des Konflikts geworden, hiess es in einem Ende März vorgestellten Bericht der Ärzte ohne Grenzen. «Dieser Krieg wurde in vielerlei Hinsicht auf dem Rücken und den Körpern von Frauen und Mädchen geführt.» Zudem gibt es Berichte über Massaker, Folter und Massenerschiessungen, besonders in Darfur. UN-Ermittler sehen Merkmale von Völkermord.
Wer mischt im Land noch mit?
In dem Bürgerkrieg geht es auch um Einflusssphären: Es gilt als unstrittig, dass die RSF Unterstützung durch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erhält. Anfang 2025 verfügten die USA Sanktionen gegen ein Netzwerk von Unternehmen in den Emiraten, die Daglo und seiner Familie gehören beziehungsweise von ihnen kontrolliert werden. Die Regierung wiederum wird vom Nachbarland Ägypten und von Saudi-Arabien unterstützt.
Legende
Sudanesische Armee
Rapid Support Forces
Diese vier Staaten bilden die sogenannte Quad-Gruppe, die im Sudan vermitteln soll, zugleich aber selbst eigene Interessen im Konflikt verfolgt.
Welche Rolle spielt der Iran-Krieg?
Infolge des Iran-Krieges hat sich die Versorgungslage der Menschen im Bürgerkriegsland Sudan weiter verschlechtert. Darauf wies der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Matthias Mogge, gegenüber der Nachrichtenagentur DPA hin. Lieferketten seien unterbrochen, die Transportkosten gestiegen.
«Unsere Teams im Sudan berichten von massiven Preissprüngen: Treibstoff ist lokal um bis zu 80 Prozent teurer geworden, Grundnahrungsmittel wie Weizen um rund 70 Prozent», sagte Mogge. «Für viele Familien sind selbst einfachste Grundnahrungsmittel unbezahlbar geworden.» Gleichzeitig seien auch die Kosten für Hilfslieferungen stark angestiegen, sodass deutlich weniger Menschen erreicht werden können.
Auch WFP-Vizechef Skau sieht deutliche Auswirkungen durch den Iran-Krieg. So komme der gesamte Diesel, der im Sudan eingesetzt werde, aus der Golfregion. «Ich mache mir aber auch Sorgen um die langfristigen Folgen, denn der gesamte Dünger in diesem Land kommt aus dem Persischen Golf», sagte Skau der Nachrichtenagentur DPA. Die Preise seien bereits gestiegen, und es gebe Engpässe bei der Verfügbarkeit dieses Düngers. Da die Landwirtschaft im Sudan stark von Bewässerung abhänge und das meiste Wasser aus dem Nil komme, muss es hochgepumpt werden.
«Dieser Krieg im Nahen Osten trifft uns alle. Aber in Ländern wie dem Sudan hat er besonders dramatische Auswirkungen», sagte Skau.
Was sind die Ziele der Sudan-Konferenz?
Spitzenpolitiker aus Europa und Afrika sowie Vertreter ziviler Gruppen nehmen am Mittwoch drei Jahre nach Kriegsbeginn einen neuen Anlauf hin zu einer Friedenslösung. Die internationale Sudan-Konferenz in Berlin soll auch dafür sorgen, dass die laut UN aktuell grösste humanitäre Krise weltweit angesichts der Kriege im Iran und der Ukraine nicht aus dem Blick der Öffentlichkeit gerät.
Die bislang dritte Sudan-Konferenz nach Treffen in Paris und London wird von der deutschen Bundesregierung zusammen mit Grossbritannien, Frankreich, den USA sowie der Europäischen und Afrikanischen Union ausgerichtet. Die Veranstaltung besteht aus einem Treffen von Aussenministern, einer humanitären Konferenz mit Finanzierungszusagen und einer Zusammenkunft ziviler Akteure, um einen Friedensfahrplan auszuhandeln.
Insgesamt sind 120 Delegationen ins Auswärtige Amt in Berlin eingeladen, etwa 60 davon aus der Zivilgesellschaft. Von den Beratungen der zivilen Vertreter aus dem Sudan wie aus dem Exil verspricht man sich in Berlin viel. Die Gefahr sei gross, dass am Ende sonst erneut militärische Kräfte die Macht übernehmen würden.
Ein Durchbruch hin zu einem Waffenstillstand wird an der Konferenz nicht erwartet.
Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und DPA.
