Kaum hatten sich am Freitagabend die ersten Nachrichten von einem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt verbreitet, schossen in den sozialen Medien auch schon die Spekulationen ins Kraut. Von Dutzenden Toten war zwischenzeitlich die Rede. Die Realität ist weniger schlimm, wenn auch schlimm genug: Vier Personen seien getötet worden, darunter ein Kleinkind, gab die Polizei am Samstagmorgen bekannt. Zunächst war von zwei die Rede. Mindestens 70 weitere seien verletzt worden, 15 davon schwer. Weitere Todesfälle erscheinen möglich.
Erinnerungen an den Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz kamen auf, wo der Tunesier Anis Amri fast auf den Tag genau acht Jahre zuvor 13 Besucher eines Weihnachtsmarktes getötet hatte. Auch der Täter von Magdeburg raste mit einem Fahrzeug in die Menge, allerdings nicht mit einem Camion, sondern mit einem gemieteten BMW. Unmittelbar nach seiner Tat wurde er festgenommen.
Anders als Amri ist Taleb A., der Todesfahrer von Magdeburg, kein Islamist, ganz im Gegenteil: Sich selbst nennt er einen Ex-Muslim. Auch sein Alter und seine berufliche Tätigkeit machen ihn zu einem atypischen Täter: Ein 50-jähriger Psychotherapeut saudischer Herkunft, war A. seit 2006 in Deutschland ansässig. Er lebte dort in der Kreisstadt Bernburg, etwa 40 Kilometer südlich der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt Magdeburg.
Im Juni 2019 äusserte er sich in einem Interview im Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Befragt wurde er als Fluchthelfer, der saudischen Frauen zu einem Leben in Deutschland verhelfen wollte. Wirr oder extremistisch äusserte er sich damals nicht; von seiner eigenen Bedeutung scheint er aber überzeugt gewesen zu sein: «Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte», sagte er.
Seine Radikalisierung muss vor allem in den Jahren danach erfolgt sein und ist auf seinem Profil auf dem sozialen Netzwerk X ablesbar: Unter dem Bild einer Maschinenpistole schrieb A. dort, Deutschland wolle Europa islamisieren und jage saudische Frauen, die um Asyl ersuchten, innerhalb und ausserhalb seiner Landesgrenzen.
Im Dezember 2023 kündigte er Vergeltung an: «Ich versichere euch, dass zu 100 Prozent bald die Rache kommt. Und wenn es mich mein Leben kostet», kündigte er an. Deutschland werde «einen riesigen Preis» dafür zahlen müssen, dass seine Behörden alle «friedlichen Wege zur Gerechtigkeit» versperrten. Im August schrieb er auf Arabisch: «Wenn Deutschland uns töten will, werden wir sie abschlachten, sterben oder voller Stolz ins Gefängnis gehen.» Am Tag des Anschlags, verbreitete er ein Video: «Ich mache die deutsche Nation für die Tötung von Sokrates verantwortlich», sagte er darin auf Englisch.
Auf X folgt A. vor allem ehemaligen Muslimen, die zum Christentum konvertiert sind oder sich selbst als Atheisten bezeichnen. Seine relativ hohe Follower-Zahl von rund 40'000 Personen deutet darauf hin, dass er innerhalb der saudischen Opposition in Deutschland, einer zahlenmässig überschaubaren Szene, schon vor dem Anschlag weithin bekannt gewesen sein dürfte.
Deutschland befindet sich im Wahlkampf. Hätte es sich bei dem Täter um einen Islamisten gehandelt, wäre das Attentat Wasser auf die Mühlen der AfD gewesen. Nun könnten es deren politische Gegner sein, die die Bluttat instrumentalisieren: Auf seinem X-Profil pflichtete A. nämlich nicht nur rechtsextremen Aktivisten wie dem österreichischen Identitären Martin Sellner bei, sondern verbreitete auch mehrfach lobende Äusserungen über die AfD-Chefin Alice Weidel.
Nach dem Motto «Der Feind meines Feindes ist mein Freund» scheint sich der saudische Aktivist der Partei immer mehr angenähert zu haben. «Wer sonst bekämpft den Islam in Deutschland?», fragte er rhetorisch. Wie der «Spiegel» berichtet, soll A. bereits 2016 auf dem X-Vorläufer Twitter angekündigt haben, gemeinsam mit der AfD eine «Akademie für ehemalige Muslime» gründen zu wollen.
Abzuwarten bleibt, ob sich die deutschen Behörden, denen A. bis zum Freitagabend offenbar nie negativ auffiel, Versäumnisse vorwerfen lassen müssen: Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf saudische Quellen berichtet, wollen die Sicherheitskräfte des wahhabitischen Königreichs ihre deutschen Kollegen vor A. gewarnt haben. (aargauerzeitung.ch)
Was ich nicht verstehe: Jetzt haben unsere Nachrichtendienste doch längst erreicht, dass sie die Social-Media-Aktivität der ganzen Bevölkerung überwachen können. Wie ist es möglich, dass sie diesen Mann nicht auf dem Schirm haben? Warum wurde er nicht als Gefährder erkannt, beobachtet und gestoppt?