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«Narcos»: Eine TV­-Serie reisst in Kolumbien alte Wunden auf

Die Story des Drogenbarons Pablo Escobar ist auf Netflix weltweit ein Hit. Zum Ärger der Stadt Medellin.

David Karasek, Medellin / schweiz am Sonntag



This image released by Netflix shows Wagner Moura as Pablo Escobar in the Netflix Original Series

Wagner Moura als Escobar. Bild: AP/Netflix

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Ob in den USA oder in der Schweiz: Die Serie «Narcos» des Streaming ­Dienstes Netflix ist ein Grosserfolg. Sie erzählt den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar, der in den 1980er­ Jahren der mächtigste Drogenhändler der Welt war. Das ist schön für Netflix, doch in Kolumbien, vor allem in Escobars Heimatstadt Medellin, leidet man an der Serie.

Deren Bilder sprechen für sich: Ein Kokain-­Labor in den Regenwäldern Kolumbiens, in dem Koka-Blätter von Arbeitern zu Kokain verarbeitet werden. Schwangere Frauen, die als Body­Packer Kokain auf Linienflügen von Kolumbien in die USA transportieren. Pablo Escobar, der die Gewinne aus seinen Drogengeschäften auf Feldern vergraben lässt, weil sich diese Geldmengen nicht mehr waschen lassen. Ein voll besetztes Passagierflugzeug, das Escobar mittels unwissendem Selbstmordattentäter in die Luft jagt. Amerikanische DEA­Agenten, die Escobar nach Jahren der Verfolgung auf der Flucht in den Strassen Medellins erschiessen.

«Narcos» (was übersetzt Drogendealer bedeutet) zeichnet das Leben des Mannes nach, der als Erster im grossen Stil Kokain in die USA brachte und so zu einem der reichsten Männer der Welt wurde. Er und das von ihm angeführte Medellin­-Kartell gingen dabei mit einer nicht gekannten Brutalität vor, jagten Flugzeuge in die Luft und setzten Kopfgelder auf die Ermordung von Polizisten aus. Bis zu Escobars Tötung durch die US­Drogenbekämpfungsbehörde DEA war die Stadt Medellin 15 Jahre lang vom Terror Escobars beherrscht.

This undated production photo provided by Netflix, shows actors Pedro Pascal, left, as Javier Pena, and Boyd Holbrook as Steve Murphy in the Netflix Original Series

Die DEA auf den Fersen von Escobar. Bild: AP/Netflix

In seinen Anfangsjahren gab er sich als Rächer der Armen, baute ihnen Häuser, versprach ihnen Schulen und Sportplätze. Sein Versuch, auch die Politik zu beherrschen, scheiterte, dies war der Anfang seines Abstiegs. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des amerikanischen DEA­-Agenten Steve Murphy, der mit seinem kolumbianischen Kollegen auf Escobar angesetzt ist. Echte Video-Ausschnitte und Bilder von Escobar und seiner Familie, die immer wieder gezeigt werden, tragen dazu bei, der Serie einen Dokumentations-Charakter zu geben.

Die Stadt als Karikatur

Sergio Fajardo, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Medellin (2003–2007) und Anwärter auf das Präsidentenamt Kolumbiens, missfällt die neuerliche Popularität, die Medellin zuteilwird. Er fürchtet, das Image der heutigen Metropole könnte unter der Serie leiden, weil wieder die Drogenkartell­-Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung läge.

Er nennt «Narcos» eine «Light­-Version einer viel komplexeren Realität», in der Kolumbien 15 Jahre lang unter dem Terror, den Escobar verbreitet habe, gelitten habe. Es sei vonseiten der Politik viel getan worden, um Medellin zu rehabilitieren – und jetzt würden alle Mühen durch die Serie zunichte gemacht. Fajardo beklagt, die Serie rücke die amerikanische Antidrogenbehörde DEA ins Rampenlicht und lasse Kolumbien als unfähigen Staat erscheinen – «Narcos» sei «ein Thriller mit amerikanischen Helden, der eine Karikatur Kolumbiens» zeichne.

Der Drogenproduzent Nummer 1

FILE--Pablo Escobar, left, boss of the Medellin drug cartel, is shown with his wife, Victoria Henau Vallejos, right, and son while attending a soccer match in Bogota, Colombia in this undated file photo. U.S. experts played an extensive role in funding and guiding the Colombian authorities who hunted down and killed cocaine lord  Escobar, according to an investigation by The Philadelphia Inquirer. (AP Photo/El Tiempo, File)

Der echte Escobar mit Familie. Bild: EL TIEMPO

Im Gespräch lässt Fajardo unerwähnt, dass Kolumbien heute der grösste Kokain-­Produzent der Welt ist – noch vor Peru und Bolivien. Auch die Datenlage über die Kokainproduktion spricht nicht für ein Land, in dem Drogengeschäfte keine Rolle mehr spielen. In den letzten drei Jahren haben sich die Koka­Anbauflächen in Kolumbien verdoppelt, im vergangenen Jahr wurden dort 646 Tonnen Kokain produziert. In diesem Jahr wurde bereits jetzt so viel Kokain beschlagnahmt wie nie zuvor – über 300 Tonnen.

Bereits Escobar revolutionierte die Drogenproduktion, erst durch seine professionelle Ausfuhr der Droge in die USA konnten die Gewinne damals dermassen ansteigen. Auch seine Anbau­- und Verarbeitungsmethoden wurden immer raffinierter. Er versteckte die Labore im Dschungel, streckte den Stoff und baute ein neuartiges Netzwerk an Kurieren auf. «Narcos» zeigt, wie das Medellin-Kartell, das Escobar anführte, alles und jeden bestach und mittels Korruption Politik und Behörden, zumindest teilweise, im Griff hatte.

Zieh dir das mal rein – Koks-Werbung aus den 70ern

Wenn Fajardo fragt, wieso man keine Serie darüber schreibt, wie sich Medellin seit Escobar entwickelt und von den Kartellen erholt habe, klingt dies wie eine Farce: Zwar verfügen Staat und Polizei heute über völlig andere Ermittlungsmethoden als in den 80er­Jahren, doch auch die Drogendealer leben in einer anderen, moderneren Welt. So gibt es viele Ursachen, weshalb die Kokain­Produktion heute so gross ist wie nie – angefangen bei so simplen Dingen wie veränderten produktiveren Anbaumethoden.

Die Plantagen, auf denen die Koka-­Pflanzen gezogen werden, sind heute meist kleiner und besser versteckt, oder die Koka­Pflanzen werden zur Tarnung zusammen mit anderen Pflanzen angebaut. Die grösste Problematik jedoch besteht bei den Koka­Bauern: Etwa 65'000 kolumbianische Familien leben vom Koka­Anbau im schlecht erschlossenen Bergland, wo paramilitärische Gruppen oder die Farc regieren. Polizei gibt es dort keine. In grösster Armut ist der Koka­-Anbau die einzig wirtschaftlich sinnvolle Einnahmequelle für die Bauern. Legale Alternativen wie Kaffee­ oder Bananenplantagen bieten weniger Profit.

Das hat auch die Regierung erkannt und versucht, im Kampf gegen die Drogen­-Mafia bei den Bauern mithilfe des aktuellen Friedensabkommens anzusetzen. Die Koka­-Bauern sollen nun mehr als Opfer gesehen werden, legal angebaute Pflanzen wie Kaffee sollen subventioniert werden.

epa04384982 Photo taken on, 03 September 2014, showing a group of people eradicating coca plants near the municipality of Yali, northeast of the department of Antioquia, Colombia.  EPA/Luis Eduardo Noriega

Coca-Plantage in Kolumbien. Bild: EPA/EFE

Doch bis dahin gibt es viel zu tun für Kolumbiens Regierung. Sollte Fajardo tatsächlich Präsident Kolumbiens werden, ist es für ihn an der Zeit, sich mit der Drogenmacht seines Landes rational auseinanderzusetzen: Pro Gramm Kokain werden vier Quadratmeter Regenwald gerodet, ausserdem ist Korruption alltäglich: Der Grossteil der Kokain-­Produktion wird noch immer von Kartellen kontrolliert, die wie einst Escobar Kopfgelder für ermordete Polizisten aussetzen und sich Gefechte mit ihren Verfolgern liefern.

Auch nach Escobars Tod gibt es also genug Stoff für weitere Episoden über Kolumbiens Drogendealer. Und so hat Netflix bereits bekannt gegeben, bald eine dritte und eine vierte Staffel von «Narcos» zu veröffentlichen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Olf 12.12.2016 00:19
    Highlight Highlight Medellín ist bestimmt nicht eine schöne oder besonders sichere Stadt. Auch gibt es anderswo besseres Essen. Aber die schönsten Frauen von ganz Südamerika, wenn nicht der ganzen Welt, leben in Medellín und Antioquia.
  • Luis Cypher 11.12.2016 19:31
    Highlight Highlight Plomo o plata?
    • Lip_Gallagher 11.12.2016 21:54
      Highlight Highlight ehhh gringoo
  • Nestroy Lodoño de Salazar y Matroño 11.12.2016 18:55
    Highlight Highlight David Karasek berichtet aus Medellin und beschuldigt die Kolumbianer, weil sie die Drogenproduktion nicht in den Griff bekämen. Kein Wort darüber, dass das Kokain in den USA und in Europa konsumiert wird. Die Schuldigen sind genau so die sniffenden Partygänger der oberen Mittelschicht und die Workaholics, die ihren Job nur dank der eingezogenen Linie durchstehen. Der Krieg der Staaten gegen die Drogenproduzenten ist für die ersteren verloren. Die Lösung wäre der kontrollierte Anbau und Handel.
    • Silent_Revolution 11.12.2016 20:53
      Highlight Highlight Die Schuldigen sind nicht die sniffenden Partygänger, sondern die Befürworter der Prohibition.

      Es ist nicht die Schuld der Konsumenten, dass deren einzige Möglichkeit Stoff zu beziehen, unsichere Quellen sind. Ebenfalls ist es nicht im Interesse der Konsumenten, gestreckte, enorm gesundheitsschädigende Ware zu beziehen.

      Unsere "liberalen" Regierungen werden von einer abartigen Mehrheit vertreten, die an an kranken/toten Konsumenten und dem sinnlosen Krieg gegen die Drogen interessiert sind.
    • Hierundjetzt 11.12.2016 22:11
      Highlight Highlight Ähem, die weltweit meisten Süchtigen und Drogentoten gibts in den grössten Anbauländer (Peru, Bolivien, Kolumbien und Afgahnistan)

      Das mit den Finger auf andere zeigen geht hier nicht mein Lieber
  • peeti 11.12.2016 18:08
    Highlight Highlight Dass mit der US-Serie alte Wunden aufgerissen werden, ist nicht erstaunlich. Geht es doch dabei auch um US-Geschichtsschreibung, die bestimmte Dinge bewusst weglässt oder verfälscht wiedergibt. Und die Ära Pinochet ist noch nicht so lange her... (Siehe: http://www.woz.ch/1539/tv-serie-narcos/die-wiedergaenger-des-kalten-kriegs)
    • Hierundjetzt 11.12.2016 22:12
      Highlight Highlight Pinochet war Chilne, nicht Kolumbier 😒

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