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Brüssel: Wütende Bauern versuchten, die EU-Zentrale zu stürmen

Wie wütende Bauern versuchten, die EU-Zentrale zu stürmen

Protestierende Landwirte blockierten ein Treffen der EU-Agrarminister in Brüssel. Sie haben einen ganzen Strauss von Anliegen. Darunter: Schluss mit den Umweltauflagen und dem Agrarfreihandel.
26.02.2024, 21:3326.02.2024, 21:32
Remo Hess, Brüssel / ch media
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Die Invasion beginnt am frühen Morgen: Über die grossen Einfallsstrassen nimmt eine lange Kolonne von rund 900 Traktoren Kurs auf Brüssel. Wer noch nicht wach ist, ist es spätestens jetzt: Das Hupkonzert der Traktoren reisst die Einwohner im EU-Quartier wüst aus dem Schlaf. Die Bauern, angereist aus ganz Belgien, sind wütend. Und sie sind fest entschlossen, die vor Ort tagenden Agrarminister der EU-Mitgliedstaaten ihre Wut spüren zu lassen.

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Zerstörte Absperrungen und Attacken mit Mist und Gülle: Die Polizei hatte alle Mühe, die Bauern in Schach zu halten.Bild: keystone

Zustände wie an einer 1.-Mai-Demo

Zufahrtsstrassen zur EU-Hauptzentrale am Rond Point Schuman werden blockiert und das Quartier systematisch abgeriegelt. Schnell wird es chaotisch: Barrikaden aus mitgebrachten Traktorenreifen gehen in Flammen auf. Ein beissender Gestank weht durch die Strassen. Ein Bauer leert sein Güllenfass und bespritzt die anwesenden Polizisten. Mehrmals versuchen Traktorfahrer, die Polizeiblockaden mit ihren Gefährten zu durchbrechen. Die herumstehenden Beobachter und Journalisten schütteln den Kopf über die Rabiatheit. Nur mit grosser Not schafft es die Polizei, die Randalierer mit Wasserwerfern und Tränengas in Schach zu halten. Es geht zu und her wie an einer 1.-Mai-Demo.

Aber die belgischen Bauern sind nicht allein: Zeitgleich gehen Landwirte am Montag in Madrid auf die Strasse. In Polen wird schon seit Tagen protestiert. In Deutschland schlugen wütende Bauern kürzlich Wirtschaftsminister Robert Habeck in die Flucht, und in Paris wollte am Wochenende eine Horde Bauern Emmanuel Macron an die Gurgel.

Aber was ist es, was die Bauern Europas derart auf die Barrikaden treibt? Immerhin erhalten sie im Rahmen der gemeinsamen EU-Agrarpolitik mit rund 60 Milliarden Euro über einen Drittel des gemeinsamen EU-Budgets und gehören zu den am besten subventionierten Berufsgruppen auf dem Kontinent.

Krieg und Green Deal machen alles noch schlimmer

Tatsächlich gibt es einen ganzen Strauss an Gründen, die je nach nationalem Kontext eine Rolle spielen. Wenn man mit den protestierenden Bauern in Belgien spricht, nennen sie die EU-Freihandelspolitik und das geplante Mercosur-Abkommen als Grund für ihre Wut. Dazu kommen Vorgaben zur Reduktion der Nitratwerte in den Böden. In Deutschland entzündete sich die Wut jüngst an der Abschaffung der Steuervergünstigung beim Agrardiesel. Noch viel tiefer geht aber der Frust über die Preise, wo man sich von den Grossverteilern über den Tisch gezogen fühlt.

Dieses Gefühl ist auch in Frankreich weit verbreitet. Neu ist dort zusätzlich der Ärger über Importe von ukrainischem Geflügel oder Zuckerrüben, welche das heimische Preisgefüge durcheinanderbringen.

Police are sprayed by manure during a farmers demonstration in the European Quarter outside a meeting of EU agriculture ministers in Brussels, Monday, Feb. 26, 2024. European Union agriculture ministe ...
Stink-Attacke auf die Polizei: Die protestierenden Bauern spritzen mit Gülle um sich.Bild: keystone

Die ukrainischen Importe sind es auch, welche die polnischen Bauern zu rabiaten Aktionen verleiten. Erst vor wenigen Tagen stoppten sie einen Güterzug an der polnisch-ukrainischen Grenze und schütteten Tonnen von ukrainischem Getreide auf die Gleise, was zu einer Protestnote aus Kiew führte. Und über allem schwebt der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forcierte «Green Deal», der auch die Landwirtschaft zu Umwelt-Reformen zwingt.

Klar ist aber auch: Sich mit den Landwirten anzulegen, kann sich kaum eine Regierung wirklich leisten. Während draussen die Barrikaden brannten und die Traktoren hupten, wurde überraschend eine Delegation aus den Reihen der Protestierenden in den Brüsseler Verhandlungssaal eingeladen. Am Ende des Treffens war man sich einig, dass die Bürokratie reduziert und Entlastungsmassnahmen ergriffen werden sollen.

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Bauernvertreter im Sitzungssaal der EU-Landwirtschaftsminister am 26. Februar 2024.Bild: keystone

Die Bauern werden genau hinschauen, ob den Ankündigungen auch etwas Konkretes folgt. Ansonsten, so viel haben sie schon angekündigt, werden sie wieder kommen.

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43 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Zaff Gathright
26.02.2024 21:44registriert Februar 2024
Die Bauern als politische Klasse sind mittlerweile irrelevant geworden. Vor einem Jahrhundert konnte ein Bauer noch sieben Menschen ernähren, doch heutzutage kann ein einziger Bauer dank Maschinen, Dünger, Gewächshäusern, Software und Robotik bis zu 150 Menschen versorgen. Meiner Überzeugung nach sollten sämtliche Subventionen für die fleischproduzierende Industrie ersatzlos gestrichen werden. Stattdessen sollten Bauern, die umwelt- und klimafreundlich produzieren, angemessen belohnt werden.
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Firefly
26.02.2024 21:59registriert April 2016
Was wollen die Bauern eigentlich? Wenn ihr Geschäft nicht läuft, müssen sie sich halt einen anderen Job suchen. Das müssen alle anderen Menschen auch.
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Rethinking
26.02.2024 22:18registriert Oktober 2018
Da ist ird ein Land von Russland angegriffen und kämpft ums überleben und die Bauern der umliegenden Länder hab n nix besseres zu tun als gegen dessen Agrarprodukte zu demonstrieren…

Eine der wenigen Einnahmequellen…
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