DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein Protestierender der «Gelbwesten» attackiert einen Polizisten auf der Champs-Elysées.
Ein Protestierender der «Gelbwesten» attackiert einen Polizisten auf der Champs-Elysées.Bild: EPA/EPA

«Das ist die Apokalypse» – wie Paris am Samstag zum Schlachtfeld wurde

17.03.2019, 16:3617.03.2019, 16:42
Simon Valmary, Julie Jammot / afp

Die Spuren der Gewalt auf den Pariser Champs-Elysées sind auch am Morgen nach den eskalierten «Gelbwesten»-Protesten nicht zu übersehen. Zersplitterte Fensterscheiben von Luxus-Geschäften, ausgebrannte Zeitungskioske und beschmierte Häuserwände zeugen von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen während der Ausschreitungen zwischen Demonstrationsteilnehmern und Sicherheitskräften am Samstag.

Als die «Gelbwesten»-Demonstranten aus ganz Frankreich am Samstagvormittag in Paris eintreffen, ist die Stimmung bereits angespannt. «Das könnte heute eine heisse Sache werden», sagt Greg. Der 38-Jährige trägt Helm und Maske.

Hunderte Anarchisten des «Schwarzen Blocks» mischen sich unter die rund 10'000 Demonstranten in der französischen Hauptstadt. Innenminister Christophe Castaner wird später von mehr als 1500 «ultra-gewalttätigen» Randalierern sprechen, die gekommen seien, «um zu zerstören, um sich zu prügeln, um anzugreifen».

Unter die «Gelbwesten» mischten sich zahlreiche Mitglieder des «Schwarzen Blocks».
Unter die «Gelbwesten» mischten sich zahlreiche Mitglieder des «Schwarzen Blocks».Bild: EPA/EPA

Am späten Vormittag ist es so weit: Auftakt zu mehr als sieben Stunden dauernden heftigen Zusammenstössen. Pflastersteine und andere Geschosse gehen über den Sicherheitskräften nieder, die den Triumphbogen mit Stahlbarrieren abgesichert haben.

Die Polizisten setzen grosse Mengen Tränengas, Blendgranaten und Wasserwerfer ein. 5000 Polizisten und mehrere gepanzerte Polizeifahrzeuge sind im Einsatz.

«Das ist die Apokalypse»

Die gewaltbereiten Teilnehmer beeindruckt das offensichtlich nicht. «Wir werden alles anzünden», schreit ein Demonstrant. «Das ist die Apokalypse», ein anderer. Schon brennen die ersten Barrikaden, klirren die ersten Scheiben von Geschäften auf dem sonst von Touristen und kaufkräftigen Kunden besuchten Prachtboulevard.

Die Demonstranten steckten Gebäude in Brand.
Die Demonstranten steckten Gebäude in Brand.Bild: EPA/EPA

Elf Menschen werden beim Brand eines Wohnhauses verletzt, in dessen Erdgeschoss Demonstranten eine Bankfiliale in Brand gesetzt haben. «Sie hätten jemanden umbringen können», sagt Reda, der mit seiner Frau und seinen vier Kindern aus dem Gebäude fliehen konnte.

Zwei Menschen müssen von der Feuerwehr aus den Flammen gerettet werden - eine Frau war mit ihrem Baby im zweiten Stockwerk von den Flammen eingeschlossen.

Am Nachmittag eskaliert die Lage vollends. Immer mehr Geschäfte und Kioske gehen in Flammen auf. Holzbretter, mit denen Inhaber ihre Restaurants und Boutiquen zu schützen versuchten, werden abgerissen. Plünderer dringen in Bekleidungsgeschäfte ein. Insgesamt werden 80 Geschäfte bei den Ausschreitungen beschädigt, darunter rund 20 durch Plünderungen oder Brandstiftung.

Apokalyptische Szenen auf der Champs-Elysées.
Apokalyptische Szenen auf der Champs-Elysées. Bild: EPA/EPA

«Revolution, Revolution», schallt es über den Prachtboulevard, über den sich mittlerweile der beissende Geruch von Tränengas gelegt hat. Ein Graffiti an einer Wand dürfte die Sicht vieler Randalierer auf die Ereignisse zusammenfassen: «Plünderung = soziale Gerechtigkeit.»

«Jeder leidet, Frankreich geht es schlecht»

Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hat, verkünden die Behörden die Bilanz des Tages: 237 Demonstranten wurden vorläufig festgenommen, gegen 21.00 Uhr befinden sich 144 von ihnen weiterhin in Polizeigewahrsam.

Unterdessen laufen die Aufräumarbeiten auf den Champs-Elysées. Wieder müssen die Mitarbeiter des städtischen Reinigungsbetriebs anrücken, am 18. Samstag in Folge.

Frust? Ein Mitarbeiter äussert vielmehr Verständnis für die Zerstörer. «Jeder leidet, Frankreich geht es schlecht. Wir kommen gerade so über die Runden, während sich andere die Taschen füllen.» (sda/afp)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die Forderungen der Gelbwesten

Video: srf

Abonniere unseren Newsletter

45 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Nik G.
17.03.2019 19:49registriert Januar 2017
Ich bin irgendwie zweigespalten. Zum einen verstehe ich die Wut auf die Politiker. Wen du arbeitest und am Schluss nicht genug zum leben hast würde ich auch wütend werden. Aber diese Zerstörungswut, wobei das verletzen von Unschuldigen in Kauf genommen wid, ist einfach nur tragisch
2029
Melden
Zum Kommentar
avatar
morales
17.03.2019 18:17registriert Februar 2019
Also meine meinung ist vorallem die abgeschaffte vermögenssteuer für die bewegung verantwortlich.

https://www.nzz.ch/international/aktuelle-themen/nationalversammlung-macht-weg-frei-frankreich-schafft-vermoegenssteuer-ab-ld.1323244

Das fass zum überlaufen brachte dann vorallem die ökosteuer. Bitte zeigt doch mal das ganze bild...
Nun bezahlen reiche mit einkommen noch weniger, während die untere mittelschicht geschröpft wird. Ich würde auch auf die strasse. Wer sich mit der bewegung befasst, weiss um was es gegt. Informiert euch, anstelle immer den genau gleichen einheitsbrei zu konsumieren.
14423
Melden
Zum Kommentar
avatar
Mimi Muppet
17.03.2019 17:17registriert Oktober 2018
So wie ich das lese, geht die Gewalt aber nicht von den gelb Westen aus, sondern von dieser sogenannten schwarzen Fraktion... 🙄
553
Melden
Zum Kommentar
45
«Russisches Gebiet oder verbrannte Erde» – Russen drohen AKW in Saporischschja zu sprengen
Russische Soldaten sollen Europas grösstes Atomkraftwerk mit Sprengstoff versehen haben. Die Ukraine warnt vor einer Katastrophe.

Das ukrainische Informationsministerium warnt vor einer nuklearen Katastrophe in Europa. Russische Soldaten hätten im besetzten Atomkraftwerk Saporischschja Sprengsätze an kritischen Stellen angebracht und drohten damit, die Anlage in die Luft sprengen, schrieb das Ministerium am Nachmittag unter Berufung auf den Kommandeur der Truppen. «Das hier wird entweder russisches Gebiet oder verbrannte Erde», soll General Valery Vasilyev in einer Ansprache vor Soldaten gesagt haben. Bestätigen lassen sich die Angaben aber nicht.

Zur Story