Paris ist erschüttert: Ein Tod einer alten Dame
Für einen Wasserschaden an der schicken Rue d’Auteuil gerufen, machte ein Schlosser diese Woche einen makabren Fund: Als er die Türe des Wohnhauses aufsprengte, stiess er auf die Relikte einer verstorbenen Frau. Die Besitzerin der Wohnung war offenbar eines natürlichen Todes gestorben, und auch ohne ein Abschiedsschreiben zu hinterlassen.
Das letzte Lebenszeichen der Bewohnerin stammt aus dem Sommer 2008. Eine Nachbarin erklärte, seither habe sie die klein gewachsene, rund 70-jährige Dame nie mehr gesehen. Die Behörden vermuten, dass sie wenig später gestorben sein dürfte. Ihre Wohnung hatte sie seit 2008 nicht mehr verlassen. In der Immobilienagentur und dem Dekorationsladen links und rechts der Haustür weiss niemand von nichts.
Die Meldung vom Fund eines bekleideten Skeletts sorgte in Paris für traurige Reaktionen. Der Bürgermeister des 16. Bezirks, Jérémy Redler fragte sich kopfschüttelnd: «Wie kann eine Person seit so langer Zeit verlassen gewesen sein, ohne dass jemand etwas feststellte?»
32 ähnliche Todesfälle
Auch in den sozialen Medien fragen viele, wie es sein könne, dass der Todesfall unbemerkt blieb, selbst wenn die Verstorbene keine Angehörigen mehr hatte. Der anonyme Umgang der Bürokratie mit der Einwohnerschaft ist in Paris stadtbekannt.
Grosse Kanzleien regeln das Administrative mit automatischen Einzugsermächtigungen, solange das Bankkonto gefüllt ist. Die Werbung im Briefkasten leert ein Concierge, die adressierte Post verschwindet womöglich in einer Schublade. Experten erklären zudem, der Verwesungsgeruch müsse aus einer gut isolierten Wohnung nicht unbedingt bis ins Treppenhaus dringen.
Mit anderen Worten: «In der grössten Stadt Frankreichs kann man inmitten von Millionen sehr allein leben und sterben», berichtete eine südfranzösische Lokalzeitung aus Paris. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, ob wohlhabend wie im vorliegenden Fall oder völlig verarmt. Laut dem Verein Petits Frères des Pauvres (kleine Brüder der Armen) sind in Paris im vergangenen Jahr 32 Menschen gestorben, ohne dass dies irgendjemand registriert hätte.
Die Nation erinnert sich an die Hitzewelle von 2003, als in Frankreich 15'000 Menschen starben. Darunter waren besonders viele Betagte im Alter von mehr als 75 Jahren, die allein in ehemaligen Dienstbotenwohnungen unter den heissen Pariser Zinkdächern lebten.
Gemäss Petits Frères des Pauvres betrifft die Grossstadteinsamkeit längst nicht nur Paris. In Frankreich lebten 750'000 Menschen im Alter von 60 Jahren oder mehr im Zustand eines «sozialen Todes», das heisst ohne jeden Kontakt zu Familie, Freunden oder Vereinen. Diese Zahl habe in den letzten vier Jahren um 42 Prozent zugenommen. (fwa)

