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A migrant stands among the remains of a burned tent at the Moria migrant camp, after a fire that ripped through tents and destroyed containers during violence among residents, on the island of Lesbos, Greece, September 20, 2016. REUTERS/Giorgos Moutafis

Vom Krieg in den Krieg: Eine Flüchtende streift durch die Trümmer des Camps. Bild: GIORGOS MOUTAFIS/REUTERS

Helferin auf Lesbos: «Ein Drittel des Camps ist zerstört – die Menschen müssen auf der Strasse schlafen»

Auf der griechischen Insel Lesbos hat diese Nacht ein Flüchtlingscamp gebrannt. Das Feuer war vermutlich gelegt worden. Für die Helfer vor Ort war die Eskalation absehbar. Wie prekär die Lage auf der griechischen Insel ist, erzählt Raquel Herzog von der Schweizer NGO «Save Assist Outreach».



«Seit dem EU-Türkei-Deal vom 20. März ist die Lage auf Lesbos noch prekärer als zuvor. Das Moira-Camp böte Platz für 1500 Flüchtlinge, doch mittlerweile stecken bereits gegen 4000 Menschen hier fest. 1500 davon sind Kinder unter zehn Jahren.

Dass die Situation eskaliert, dass Proteste ausbrechen oder Feuer gelegt wird, wie vermutlich letzte Nacht, war voraussehbar. Wir haben das erwartet. Es fing an mit einem Sitzstreik, dann verweigerten viele Menschen das Essen, die Stimmung drohte ständig zu kippen.

Dann brach das Feuer aus, weitete sich auf die Bäume aus, schluckte Versorgungszelte. Über ein Drittel des Camps ist vollständig zerstört. 4000 Menschen mussten flüchten. Relativ schnell wurden die unbegleiteten Minderjährigen in ein kleineres Lager auf Mytilini gebracht, immerhin. Aber viele mussten auf der Strasse schlafen. «SAO Association» öffnete das Lagerhaus «Attika», das für unzählige Familien zum behelfsmässigen Nachtlager wurde. Zelte gibt es zu wenige, in der Nacht ist es feucht, es wird kalt.

Der Tag nach dem Feuer im Camp Moira

Moira war ursprünglich das Gefängnis von Lesbos. Dann wurde es zu einem Flüchtlingscamp umfunktioniert, um die Ankömmlinge, die mit dem Boot über das Mittelmeer setzen, zu registrieren. Jetzt kann man Moira nicht mehr Flüchtlingscamp nennen. Viel mehr ist es ein Internierungscamp, oder eben ein Ausschaffungsgefängnis.

Seit dem 20. März haben Frontex, die griechische Küstenwache und die NATO aufgerüstet. Sie fangen die Schlepperboote ab und bringen die Flüchtlinge in den Schengenhafen in Lesbos' Hauptstadt Mytilini, die Boote kommen kaum noch unerkannt an der Küste an, vielleicht noch eines pro Woche. Dann werden die Menschen in Bussen nach Moira gebracht, wo sie 25 Tage lang eingesperrt sind. Die grossen Hilfsorganisationen UNHCR und MSF haben sich aus Protest aus Moria zurückgezogen, die ganze Arbeit wird von internationalen Freiwilligen übernommen.

Auf dem Gefängnisgelände stehen teilweise Ikea-Hütten, viele schlafen in Zelten – geordnet nach Nationalitäten. Die Menschen werden sehr unterschiedlich behandelt, Pakistani beispielsweise unterliegen starken Repressionen durch die griechische Polizei, sie dürfen das Gefängnis teilweise gar nicht erst verlassen. Die Syrer haben es besser.  

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Flüchtlingsjunge am Tag nach dem Feuer. Die medizinische Versorgung ist schlecht, viele Hilfsgüter wurden zerstört. bild: raquel herzog, sao association

Die Leute sind auf so engem Raum zusammengepfercht, da ist es klar, dass es Spannungen unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt. Ausserdem ist das Essen eine absolute Katastrophe. Brei aus Kartoffeln, Reis oder verkochten Teigwaren, dazu Bohnen. Das Essen wird vom griechischen Militär bestellt, ohne Qualitätscheck, lediglich die Menge zählt.

Seit über zwei Monaten ist die Rede davon, dass auf der Insel ein zweites Camp entstehen soll. Es gibt dort ein Militärgebäude, das seit Jahren stillgelegt ist. Doch die ansässige Bevölkerung wehrt sich dagegen, die Prozesse sind zäh. Es gibt keine starke Stimme mehr hier, die sagt: es reicht.

Solange Europa dichtmacht, zwingt sie die EU-Grenzländer zu unmenschlichem Verhalten. Die Griechen müssen die Abkommen durchsetzen mit Mitteln, die Menschen umbringen. Die Migranten sind schon immer auf Lesbos hängengeblieben, aber jetzt stecken auch Kriegsflüchtlinge hier fest, die vor dem 20. März weitergekommen sind.»

(Aufgezeichnet von Daria Wild)

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