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Anwohner fliehen vor den Grossbränden in Griechenland: «Wir haben nur noch gebetet»

Noch immer sind mehrere Grossbrände in Griechenland ausser Kontrolle, die Flammen fressen sich durch das ausgetrocknete Umland. Das Ausmass der Schäden macht die Bewohner fassungslos. Ein Besuch vor Ort.
09.08.2021, 07:37
Carolina Drüten, Kryoneri / t-online
Ein Artikel von
t-online

In der Luft liegt noch der stechende Geruch von Rauch, ein Ascheteppich überzieht den Boden. Baumskelette ragen in den blauen Himmel. Nikolas Papaioannou ist eben erst zurückgekehrt in sein Haus in Kryoneri, nördlich von Athen . Vor ein paar Tagen, so erinnert er sich, als das Feuer nur noch 200 Meter von seinem Grundstück entfernt war, entschloss er sich zur Flucht. «Wir hatten gerade noch Zeit, das Allernötigste mitzunehmen und die Tür abzuschliessen», berichtet er. «Dann haben wir nur noch gebetet.»

Mit dem kleinen Schlauch gegen das grosse Feuer: Anwohner bei Afidnes.
Mit dem kleinen Schlauch gegen das grosse Feuer: Anwohner bei Afidnes.
Bild: keystone

Eine beispiellose Feuerkatastrophe hält Griechenland seit Ende Juli in Atem; Trockenheit und starke Winde behindern die Arbeiten der Einsatzkräfte. Kaum ist ein Brand gelöscht, lodern an anderer Stelle Flammen auf. In den vergangenen Tagen ist es zwar gelungen, die Grossbrände unter Kontrolle zu bekommen, die tagelang bei Athen wüteten. Doch auf der Insel Euböa und auf dem Peloponnes spielen sich noch immer dramatische Szenen ab.

Waldbrände ungekannten Ausmasses

Papaioannou schreitet durch seinen Garten und betrachtet die verkohlten Bäume. Granatäpfel, Walnüsse und Pfirsiche hatte er hier angebaut, davon ist kaum etwas geblieben. Und doch hatte der 84-jährige Rentner Glück: Die Flammen haben sein Haus verschont.

Ein abgebrannter Wald bei Kryoneri.
Ein abgebrannter Wald bei Kryoneri.
Bild: keystone

Er erzählt das in fliessendem Deutsch, hat einst in Hannover und Darmstadt studiert. Seit 25 Jahren lebt er in dem kleinen Ort 20 Kilometer nördlich der griechischen Hauptstadt. Saisonale Waldbrände hat er in der Zeit miterlebt, aber nicht in diesem Ausmass. «Bis zu unserem Haus ist das Feuer vorher noch nie gekommen», sagt er.

Tagelang kämpften Feuerwehrleute gegen die Flammen, aus der Luft wurden sie von Hubschraubern und Löschflugzeugen unterstützt. Am Donnerstag, als die Situation besonders heikel war, liessen die Behörden Kryoneri evakuieren. Die Zufahrtsstrasse in den Ort hatte die Polizei bereits gesperrt, die letzten Bewohner wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

«Verschwindet dort, sofort!»

Über den umliegenden Wäldern schlugen Flammen meterhoch in die Luft, immer wieder verdunkelte der aufsteigende Qualm die Sonne und tauchte die Umgebung in ein unwirklich rötliches Licht. Aus der Ferne war der Knall von Explosionen zu hören. Ausserhalb der Absperrung sassen die Menschen in Restaurants und blickten in die Rauchschwaden, manche beteten, einige weinten.

Doch nicht alle Bewohner wollten ihr Hab und Gut einfach so zurücklassen. Ein paar Meter neben der Polizeisperre brüllte eine junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt in ihr Handy: «Verschwindet dort, sofort!» Am anderen Ende der Leitung war ihr Grossvater, 82 Jahre alt. Er hatte beschlossen, sein Haus allein gegen die Flammen zu verteidigen.

Zwei Tage später steht der Alte auf seinem Balkon in Kryoneri und schaut in die verbrannte Landschaft. Er mag seinen Namen nicht nennen, gegenüber der Presse ist er misstrauisch. Als er hört, dass der Bericht für ein deutsches Medium ist, spricht er doch. «Ich hatte keine Angst», beteuert er und reckt kämpferisch das Kinn in die Höhe.

«Mein Herz ist so schwarz wie der abgebrannte Wald»

«Zuerst habe ich die Pflanzen in meinem Garten kurzgeschnitten, damit das Feuer nicht auf sie überspringt, dann habe ich meinen Gartenschlauch genommen und alles nass gemacht.» Ein Auto biegt um die Ecke. Die Enkelin ist gekommen, um nach ihrem Grossvater zu sehen.

«Die Flammen waren 20, 30 Meter hoch», erinnert der sich. In Sekundenschnelle hätten sie die Strasse vor seinem Haus erreicht. Dann kam der Löschhubschrauber. Zwar konnte sein Haus gerettet werden, doch der Alte trauert um die einst so grüne Landschaft. «Mein Herz ist so schwarz wie der abgebrannte Wald», sagt er. Ein paar hundert Meter weiter steht ein verkohltes Haus am Wegesrand. Das Dach ist eingestürzt, die Fenster geborsten. Die Bewohner sind nicht da – ohnehin ist ihr Besitz nicht mehr zu retten.

«Albtraumhaft»: der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis.
«Albtraumhaft»: der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis.
Bild: keystone

Mehr als 300 Häuser und Industriebauten sollen im Norden von Athen verbrannt sein. Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis sprach von einem «albtraumhaften» Sommer und versprach Wiederaufbauhilfe. Das Ausmass der diesjährigen Brände hat das ganze Land traumatisiert. Im Fernsehen laufen Bilder von weinenden Menschen, die alles verloren haben, verkohlte Kadaver von Hunden, Katzen, Schildkröten. Mindestens 60'000 Hektar liegen ersten Schätzungen landesweit zufolge in Schutt und Asche. Die Folgen für die Umwelt sind noch nicht absehbar.

«Ich halte diese Situation einfach nicht mehr aus»

Auf der Insel Euböa, nur durch zwei Brücken mit dem Festland verbunden, ist die Lage derzeit besonders schlimm. Dort wüten die Flammen seit rund einer Woche ungehemmt. 575 Feuerwehrleute sind an diesem Sonntag im Einsatz, mehr als 40 Siedlungen mussten evakuiert werden. Weil das Feuer teils den Landweg blockieren, werden immer wieder Menschen mit der Fähre abgeholt.

Euböa brennt.
Euböa brennt.
Bild: keystone

Die Verbitterung auf der Insel ist gross, weil sich die Löscharbeiten in den vergangenen Tagen vor allem auf den Grossraum Athen konzentrierten. Auch Hubschrauber und Löschflugzeuge wurden bisher vor allem dort eingesetzt. «Ich habe schon keine Stimme mehr, so oft habe ich nach zusätzlichen Löschflugzeugen gefragt. Ich halte diese Situation einfach nicht mehr aus», sagte der Bürgermeister von Mantoudi, Giorgos Tsapourniotis, dem Fernsehsender Skai TV. «Man hat uns brennen lassen», sagte ein Anwohner.

Ein Feuerwehrmann dagegen verteidigt die Strategie: «Wir konnten nicht überall sein», wird der Mann zitiert. Man solle sich nur vorstellen, die Flammen im Norden Athens hätten auf dicht besiedeltes Gebiet übergegriffen – im Grossraum Athen leben etwa vier Millionen Menschen, auf Euböa 220'000. Grosse Gebiete der Insel sind Waldfläche.

Rauch steigt von der Insel Euböa auf.
Rauch steigt von der Insel Euböa auf.
Bild: keystone

Ein Funke kann genügen

Weil die Ressourcen so knapp sind, hatte die griechische Regierung schon vor Tagen um internationale Hilfe gebeten. Feuerwehrleute aus Rumänien, Frankreich, Zypern, Kroatien, Israel, Grossbritannien, Polen, Tschechien, der Slowakei, Ägypten, Katar und Kuwait sollen die Löscharbeiten in den kommenden Tagen unterstützen, einige sind bereits vor Ort. Die Schweiz hat am Freitag drei Armeehelikopter losgeschickt, die Unterstützung leisten sollen.

In Afidnes, einem Nachbarort von Kryoneri nördlich von Athen, rauscht ein Feuerwehrauto vorbei. Die beiden Männer grüssen freundlich, müssen aber schnell weiter. Die Gefahr ist hier keineswegs gebannt. Noch immer lodern kleinere Feuer auf. Ein Funke kann genügen, um den nächsten Flächenbrand auszulösen. Über 500 Polizeibeamte patrouillieren daher die Gegend, nachts kommt das Militär dazu. Papaioannou, der Mann mit dem abgebrannten Obstgarten, denkt derweil schon an den Wiederaufbau. Er will neue Bäume pflanzen – «für meine Kinder und Enkelkinder.»

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