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«Keine Massnahmen, weil nur Alte sterben»: Ex-Berater Cummings teilt gegen Johnson aus

Der britische Premier soll sich gegen einen Lockdown im Herbst gewehrt haben, weil hauptsächlich über 80-Jährige an dem Virus starben. Das behauptet der ehemalige Top-Berater von Boris Johnson.



Ein Artikel von

T-Online

Der einst wichtigste Berater von Boris Johnson, Dominic Cummings, hat erneut gegen den britischen Premierminister ausgeholt. In einem TV-Interview mit der BBC warf Cummings dem Regierungschef grobe Versäumnisse in seiner Corona-Politik vor. Johnson habe sich laut Cummings gegen einen weiteren Lockdown angesichts steigender Infektionszahlen im vergangenen Herbst gewehrt, weil diejenigen, die an Covid-19 sterben, «im Grunde alle über 80 seien». Johnson habe sogar die Queen in Gefahr gebracht.

FILE - In this Monday May 25, 2020 file photo, Dominic Cummings, senior aide to Prime Minister Boris Johnson, makes a statement inside 10 Downing Street, London, over allegations he breached coronavirus lockdown restrictions. Prime Minister Boris Johnson

Dominic Cummings hatte die Regierung Johnsons Ende 2020 im Streit verlassen – und tritt nun erneut nach. Bild: keystone

In einer Whatsapp-Nachricht vom Oktober, die der BBC vorliegen soll, habe Johnson dazu geschrieben: «Kaum jemand unter 60 geht ins Krankenhaus ... und von denen überleben fast alle.» Er glaube «an dieses ganze Zeug nicht mehr», dass das Gesundheitssystem überlastet ist. In Grossbritannien gebe es höchstens drei Millionen Menschen, die der gefährdeten Altersgruppe angehörten. Die Pandemie solle lieber durchs Land ziehen, als die Wirtschaft zu zerstören. Dem Bericht zufolge schrieb er weiter: «Es zeigt, dass wir keinen landesweiten Lockdown anstreben.»

Cummings hatte die Regierung Ende 2020 im Streit verlassen. Seitdem hat der den Premier wiederholt öffentlich angegriffen – und ihn wegen seiner Corona-Politik kritisiert. Regierungsmitglieder werfen dem Ex-Berater einen Rachefeldzug vor. Cummings war im Mai 2020 selbst in die Kritik geraten, weil er trotz Lockdown und Covid-Symptomen durchs Land gefahren war, um seine Eltern zu besuchen.

Johnson wollte weiterhin Queen Elizabeth II. besuchen

In dem Interview behauptete Cummings auch, dass Johnson seine wöchentlichen persönlichen Treffen mit Queen Elizabeth II. habe fortführen wollen – trotz der Gefahr einer Ansteckung. Cummings habe den Premier davor gewarnt, dass die damals 93-Jährige sterben könnte, sollte sie sich mit dem Coronavirus anstecken.

epa09343733 British Prime Minister Boris Johnson departs 10 Downing Street for Prime Minister Questions at parliament in London, Britain, 14 July 2021. Johnson faces the MPs' weekly question time in the House of Commons.  EPA/VICKIE FLORES

Wollte anscheinend trotzdem zur Queen: Boris Johnson. Bild: keystone

«Das kannst Du nicht machen», soll Cummings zu dem britischen Premierminister gesagt haben. Der habe daraufhin nachgegeben und gesagt, er habe die Besuche nicht richtig durchdacht. Cummings wurde während des Interviews mit der BBC wiederholt aufgefordert, seine Version der Ereignisse zu belegen. Weder der Buckingham Palace noch die Downing Street äusserten sich bislang zu seinen Behauptungen.

Ein Sprecher des Premierministers wies jedoch die Äusserungen des ehemaligen Beraters zu dem Lockdown im Herbst zurück. Johnson habe die «notwendigen Massnahmen ergriffen, um Leben und Lebensgrundlagen zu schützen, geleitet von den besten wissenschaftlichen Ratschlägen» während der Pandemie. Die Regierung habe verhindert, dass das nationale Gesundheitssystem «durch drei nationale Lockdowns überwältigt wird», hiess es aus der Downing Street.

Droht England jetzt wieder das Chaos?

Die Corona-Strategie der Johnson-Regierung ist auch derzeit wieder umstritten. Am sogenannten «Freedom Day» hat das Land trotz steigender Ansteckungszahlen die meisten Beschränkungen fallengelassen. Das Motto: Eigenverantwortung. Masken sind seit Montag an den meisten Orten freiwillig, genauso wie Abstandhalten. Es gibt kaum Beschränkungen mehr für Clubs oder private Partys, auch Theater und Kinos dürfen ihre Säle voll besetzen. «Wann sollten wir es tun, wenn nicht jetzt?», fragte Johnson am Montag bei einer virtuellen Pressekonferenz direkt aus der Quarantäne. Im Herbst oder Winter werde die Situation noch schwieriger sein.

Währenddessen lässt die hochansteckende Delta-Variante die Zahl der Corona-Infektionen in Grossbritannien immer weiter ansteigen – ein Abflachen der Welle ist nicht in Sicht, die Sieben-Tage-Inzidenz wurde zuletzt mit 399 angegeben (Stand: 14. Juli). Fast täglich werden mehr als 50'000 neue Fälle registriert – beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Weitreichende Lockerungen bei hoher Impfquote, aber auch extrem hohen Infektionszahlen: Es ist ein Experiment, wie es in kaum einem Land in dieser Form probiert wurde. Und bereits jetzt, noch weit vor dem mutmasslichen Höhepunkt der aktuellen Welle, zeigt sich, dass Freiheit und Pandemie nicht so recht zusammenpassen wollen: Rund 1.7 Millionen Briten befinden sich einem Bericht zufolge derzeit in Quarantäne, weil sie als enge Kontakte von Infizierten durch die Corona-App «gepingt» oder vom Gesundheitsdienst angerufen wurden.

Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich eine erste Impfung erhalten. Knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft. Doch Experten zweifeln daran, ob das ausreichen wird, um einer grossen Infektionswelle standzuhalten. (aj/t-online)

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